Die Anschläge kamen aus heiterem Himmel: Kurz vor Weihnachten versetzten randalierende Jugendliche die Bewohner im Herzen von Athen in Angst und Schrecken. Rund um den zentralen Syntagmaplatz, gegenüber dem historischen Parlamentsgebäude, sorgten vermummte Gestalten für das totale Chaos. Die anhaltende Protestwelle entsprang nicht einfach blinder Zerstörungswut, vielmehr waren die tödlichen Schüsse eines Polizisten auf einen 15-Jährigen der Auslöser für eine Vergeltungsaktion. Auch in anderen griechischen Städten kam es zu Krawallen und Zerstörungen. Zurück blieben nicht nur hohe Sachschäden, sondern vor allem auch ratlose Bürger.

Viel Protest

Demonstrationen gehören in Griechenland zum Alltag. Gewerkschaften, Bauern, Lehrer, Ärzte, Taxifahrer und Öffentliche Angestellte versammeln sich regelmässig vor dem Parlament, um zugunsten von höheren Löhnen, der Sicherung von Pensionskassenguthaben oder für zusätzliche Subventionen zu protestieren. Jetzt aber geriet das Geschehen ausser Kontrolle. Während Wochen keimten die Unruhen in und um die Technische Universität von Athen immer wieder auf.

Bei der Ursachenforschung gehen die Meinungen je nach politischem Spektrum des Betrachters teils diametral auseinander. Unabhängige Intellektuelle und intime Kenner der Szene orten vor allem zwei Problemkreise rund um die Jugendunruhen. Zum einen gibt es in Griechenland eine äusserst aktive und aggressive linksautonome Gruppierung, die in der jüngsten Vergangenheit regelmässig mit räumlich begrenzten Scharmützeln auf sich aufmerksam machte. Mehr als knapp 4000 Personen zählen aber nicht zu diesen gewaltbereiten Aktivisten. Allerdings vermögen diese Extremisten-Gruppen sehr wohl ein Flächenfeuer zu entfachen. Frustration wird in rohe Gewalt umgesetzt. Der harte Kern findet Unterstützung bei Zehntausenden von Jugendlichen, die ein reformbedürftiges Bildungs-system durchlaufen. Sowohl Studenten wie Lehrkräfte haben wiederholt gestreikt, um auf die fehlenden Anstrengungen in diesem Sektor hinzuweisen. Für Minos Zombanakis, einen im Ausland ausgebildeten Ökonomen und Banker, ist es unverständlich, dass lediglich rund 3% des griechischen Bruttoinlandproduktes in die Bildung gehen.

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Gefordert ist nun die Regierung. Sie muss nicht nur über ein glaubwürdiges Sicherheitssystem verfügen, sondern vor allem auch früher abgegebene Versprechen für eine Anhebung des Bildungsbudgets auf 5% einlösen. Die Chancen dafür stehen allerdings schlecht. Die Regierung Karamanlis verfügt im Parlament nur über eine hauchdünne Mehrheit. Sie unternimmt in dieser kritischen Situation nichts, das die eigene Position gefährden könnte.

Koalitionsregierung?

«Die Regierung reagiert, anstatt zu agieren», sagt Zombanakis. Nötig wäre für ihn eine Koalition zwischen der regierenden Nea Dimokratia und der oppositionellen Pasok. Auch andere Beobachter würden dies als beste Lösung sehen. In der Realität ist Griechenland aber weit von einer solchen Koalitionsregierung entfernt. Zu fest verwurzelt sind die Antagonismen zwischen den beiden Parteien.