Zehn Jahre nach der Asien-Krise boomt die Wirtschaft in den asiatischen Staaten erneut, teils mit zweistelligen Jahresraten. Viele Unternehmen finanzieren sich wieder kräftig mit ausländischem Kapital. Die Börsenindizes erreichen ein Hoch nach dem anderen. «Der grosse Unterschied zum Jahr 1997 in Asien ist, dass man den Hebel umgelegt hat von reinem Wachstum auf profitables Wachstum. Daraus resultiert eine verbesserte Eigenkapitalrendite, die Unternehmen sind deutlich profitabler, der Verschuldungsgrad ist wesentlich geringer als vor zehn Jahren», sagt Thomas Gerhardt, Leiter des Portfoliomanagements Asien-Schwellenländer bei der Fondsgesellschaft DWS.

Auch Pierre Cailleteau, Chefanalyst von Moodys, hält eine neuerliche Asien-Krise für sehr unwahrscheinlich: «Alles in allem ist die wirtschaftliche Situation in den Schwellenländern seit der Krise 1997 deutlich gestärkt worden – durch Verstärkung der Kapitalreserven, durch die Verbreitung einer Risikomanagementkultur in der Finanzindustrie und die Intensivierung internationaler Handelsbeziehungen.»
Thailand, vom dem aus einst die Krise um sich griff, ist nur ein Beispiel dafür, dass die Tigerstaaten ihre Hausaufgaben ordentlich gemacht haben. 1997 standen rund 40 Mrd Dollar an Krediten nur Devisenreserven von 2,8 Mrd Dollar gegenüber, heute hat Bangkok über 70 Mrd Dollar harte Devisen auf der hohen Kante. Gleichzeitig wurden faule Kredite abgebaut, Unternehmen müssen internationale Buchführungspraktiken anwenden, und Börsenregeln sorgen für mehr Transparenz. Zwar kämpfen Indonesien und die Philippinen derzeit mit der Aufwertung ihrer Währungen, was ihre Exporte und damit das Wachstum bremsen könnte. Doch erst vor wenigen Wochen haben sich die ostasiatischen Finanzminister geeinigt, einen Teil ihrer Devisenreserven in einen gemeinsamen Fonds zur Bekämpfung künftiger Währungskrisen einzubringen.
Das Gespenst Währungskrise hat also an Schrecken verloren. Und weil die Börse das Vehikel zur Finanzierung des kaum aufzuhaltenden Wachstums ist, müssen Anleger auch keine Angst vor platzenden Blasen haben – im Gegenteil: Sie dürfen sich auf einen grossen, beständigen IPO-Strom freuen. Das bestätigt Robert Ranking, Asien-Chef der UBS, inzwischen die bei Übernahmen und IPOs erfolgreichste ausländische Investmentbank im Reich der Mitte: «Wir gehen davon aus, dass das Volumen der Börsengänge in China das Niveau des Vorjahres erreichen wird. Das Volumen der Mega-Banken-IPOs im Jahr 2006 wird durch eine deutlich höhere Anzahl von Börsengängen wettgemacht.» Und mit den vielen Neunotierungen steigen auch die Chancen der Anleger auf Gewinne.
Beispiel Vietnam: Schon als Nguyen Tan Dung im März 2005, damals noch Vizepremier, die zweite Wertpapierbörse in Hanoi eröffnete, kündigte er an, dass sein Land mehrere 100 Staatsunternehmen per Aktie unters Volk bringen werde. Um die Entwicklung voranzutreiben, hat Minister Tan Dung, inzwischen Premier, jetzt bekannt gegeben, dass die Anteile von in Staatsbesitz befindlichen Firmen in Zukunft auch komplett an ausländische Investoren verkauft werden dürfen.
Im 1. Halbjahr haben die ausländischen Investments in Vietnam um 8% auf mehr als 5,2 Mrd Dollar gegenüber dem Vorjahreszeitraum zugenommen. 203 der sogenannten Foreign Direct Investments (FDI) kamen bisher zustande, ihre Zahl stieg im 1. Halbjahr um 35%.
Doch wo liegt das grösste Wachstumspotenzial in Asien? «Vietnam wird ganz vorn mit dabei sein, es hat eine grosse IPO-Pipeline», sagt DWS-Experte Gerhardt. China werde aber der interessanteste Markt für Anleger bleiben. «Was wir bisher an Börsengängen gesehen haben, ist nur die Spitze des Eisbergs, da Privatunternehmen erst jetzt verstärkt an die Börse gehen, andererseits China immer noch grosse Aktienpakete ehemaliger Staatsunternehmen hält. Auch in Indien erwarten wir einen riesigen Boom.»

Interessanteste Anlageregion

Auch Mike Shiao, Fondsmanager bei Invesco in Hongkong, glaubt an eine anhaltende Entwicklung in Asien und vor allem China: «Die Marktrally gründet auf kräftigen Ertragszuwächsen der Unternehmer und starken Fundamentaldaten.» So haben sich die Aktienkurse zwischen 2001 und 2005 halbiert, während die chinesische Wirtschaft ein jährliches Wachstum von etwa 9% hinlegte. «Beim jüngstes Anstieg handelt es sich grösstenteils um einen Aufholprozess nach einer fast fünf Jahre andauernden Schwächephase», so Shiao. Eine noch zu erwartende Korrektur würde eine gesunde Entwicklung darstellen und die langfristigen Marktperspektiven auf eine bessere Grundlage stellen. DWS-Experte Gerhardt ist sicher: «Asien und die Schwellenländer sind die interessanteste Anlageregion der Welt.» Bei den Privatanlegern sei sie aber noch immer unterrepräsentiert. «Dabei sollte sie 15 bis 20% des Portfolios einnehmen.»

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