Der Westen stagniert, der Osten floriert – an diese These klammerten sich die Investitionsgüterhersteller bis zuletzt. Doch die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass sich die Schwellenländer im Mittleren und Fernen Osten eben doch nicht vom Rest der Welt abkoppeln. Jüngstes Beispiel ist China. Laut Pekings Statistikbehörden legte das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Volksrepublik im 3. Quartal noch um 9% zu. Im 2. Jahresviertel hatte der Wert noch bei 10,1% gelegen. Damit nimmt das Wirtschaftswachstum zum fünften Mal in Folge ab.

Was für westliche Verhältnisse nach hohen Wachstumsraten klingt, kommt für chinesische Massstäbe einem Desaster gleich. Das Riesenreich braucht ein Wirtschaftswachstum von mindestens 8% allein für die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen für Millionen von Menschen, die jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen. Ökonomen befürchten, dass das Wachstum noch 2008 unter diese Schwelle sinkt.

Ähnlich negative Signale senden andere asiatische Staaten: Singapur befindet sich bereits in einer Rezession, in Japan schrumpfte das BIP im 2. Quartal.

Die Finanzkrise schlägt durch

So blickt die Aufzugindustrie voller Sorge auf die konjunkturellen Entwicklungen ihrer Hoffnungsträger. Die Märkte in Schwellenländern wie China und Indien wiesen bis zuletzt zweistellige Wachstumsraten auf. Die vier führenden Hersteller – Otis, Schindler, Thyssen Krupp Elevator und Kone – schätzen das jährliche Marktvolumen allein für China auf umgerechnet rund 4 Mrd Fr., die Wachstumsraten auf 10%.

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Nun zeichnet sich ab, dass die Finanzkrise auch auf die Wirtschaft von bisher wachstumsstarken Schwellenländern durchschlägt. Je markanter die Abkühlung ausfällt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass Projekte verschoben oder sogar storniert werden. Das beweist ein Blick in die USA: Weltmarktführer Otis musste einen Grossauftrag in Las Vegas wieder aus den Büchern streichen. «In Nordamerika und Westeuropa besteht tatsächlich ein gewisses Risiko, dass Aufträge storniert werden», sagt Vontobel-Analyst Serge Rotzer, gibt aber zu bedenken, dass sich hier die Märkte ohnehin bestenfalls seitwärts entwickelten. «Die Wachstumsmärkte sind nach wie vor in Osteuropa und Asien, und dort deutet derzeit nichts auf eine ähnliche Entwicklung hin.»

Und selbst wenn: Die führenden Hersteller würden den Grossteil an Umsatz und Ertrag nicht mit dem Verkauf von Neuanlagen, sondern mit ihrem Servicegeschäft erzielen. «Deshalb gelten Liftbauer als Servicegesellschaf-ten und nicht als Zykliker, wie gemeinhin angenommen wird», erklärt Rotzer. Die Expansion mit Neuinstallationen sei notwendig, um die Basis des zukünftigen Servicegeschäftes zu erweitern.

Beispiel Schindler: Laut Rotzer trägt das Servicegeschäft klar über 50% zum Konzernumsatz mit Aufzügen und Fahrtreppen bei. Bis zu 80% macht das Servicegeschäft beim Betriebsgewinn (Ebit) aus.

Um das Servicedtandbein stetig ausbauen zu können, ist auch eine komplexe Vertriebsstruktur notwendig, insbesondere was die Steuerung der Personalbestände anbelangt. «Otis hat diesen Bereich perfekt im Griff, unter anderem ist auch deshalb eine Betriebsmarge von 20% möglich», sagt Rotzer. Bei Schindler dagegen ortet er noch Verbesserungsbedarf. Schindler strebt für das Gesamtjahr eine Ebit-Marge von über 10% an sowie einen Reingewinn von mindestens 630 Mio Fr. Für das 3. Quartal 2008 erwartet Rotzer eine deutliche Verlangsamung beim Auftragseingang. Bei Umsatz und Gewinn dürfte Schindler dagegen weiter zulegen.

Von der Baukonjunktur unabhängig ist die Aufzugindustrie trotzdem nicht: Flacht die Bautätigkeit ab, werden weniger Neuanlagen installiert und in der Folge weniger Serviceaufträge abgeschlossen. Für die Industrie ist deshalb entscheidend, wie stark und wie lange aufstrebende Länder im Osten schwächeln. Die vier Weltmarktführer haben sich bereits in Stellung gebracht: Alle haben Wachstumsprogramme für den asiatischen Markt lanciert.