Bis 2010 werde die Wasserstofftechnologie nicht nur bei Autos den Durchbruch geschafft haben, sondern auch als Energiequelle für Handys und andere Kleingeräte. Das prophezeite der amerikanische Star-Publizist Jeremy Rifkin 2002. Auch andere glaubten an die Technologie. Alle grossen Autoproduzenten wollten bis 2010 serienmässig einen Wasserstoff-Wagen bauen. Die Bilanz: Die Konzerne setzen mit dem Projekt etwa eine Milliarde Dollar in den Sand.

Die kanadische Ballard Power Systems sollte für Mercedes, Ford, VW, Honda und Nissan den Wasserstoffantrieb entwickeln. Und die Anleger glaubten daran: Die Ballard-Aktie stieg auf 150 Dollar. «Die Technologie wird sich auf jeden Fall durchsetzen» prophezeite die «Finanz und Wirtschaft». Auf den Strassen fährt jedoch noch kein einziges Serienauto mit Wasserstoff. Die Bilanz: Heute steht die Ballard-Aktie bei 1.39 Dollar.

Aber Prognosepapst Rifkin ist nicht zu bremsen. Vor zehn Jahren sagte er «Das Ende der Arbeit» voraus: Bis 2010 würden nur noch 12 Prozent der Weltbevölkerung in der Produktion arbeiten. 2004 prophezeite er, Europa gehöre die Zukunft. Egal, wie oft er daneben lag: Er bleibt als Visionär begehrt. Das wäre kein Problem, wollte er bloss zum Nachdenken anregen oder unterhalten. Doch wie viele seiner Zunft berät er Regierungen und Unternehmen. Das kann teuer werden, wie sich am Beispiel Wasserstoff gezeigt hat.

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Der Jahrtausendwechsel hat der Zunft Rifkins besonders Schub verliehen, Berge von Fehlprognosen sind das Resultat (siehe Kasten). Die Kombination von Halbwissen, Wunschdenken, Marketing und Ideologie produziert Fantasien, die nie Wirklichkeit werden und von besseren Lösungen ablenken. Milliardenschwere Fehlinvestitionen sind die Folge.

In Kombination mit Grössenwahn

Wenn Regierungen Voraussagen bestellen, ist besondere Vorsicht geboten. Schliesslich weiss der Prognostiker, was die Auftraggeber gerne hören - und rechnet mit Folgeaufträgen. Als US-Präsident George W. Bush 2001 die Steuern senken wollte, argumentierte er mit Projektionen des Budgetbüros des Kongresses: Der Staatshaushalt werde anhaltende Überschüsse anhäufen, trotz Steuersenkungen würden die USA 2010 schuldenfrei sein. Es kam bekanntlich ganz anders.

Falsche Prognosen allein richten kaum Schaden an. Erst wenn sie auf Gier und Grössenwahn treffen, entfalten sie ihre verheerende Wirkung. Die neuen Besitzer von OC Oerlikon, die Österreicher Georg Stumpf und Ronny Pecik, heizten ab 2006 die Erwartungen an. Sie prognostizierten für die Solarsparte über 2 Milliarden Franken Umsatz bis 2010. Im ersten Halbjahr machte der Konzern damit gerade mal 74 Millionen Franken Umsatz - und 60 Millionen Verlust. OC Oerlikon schrammte haarscharf am Konkurs vorbei.

Steile Prognosen wiesen auch der Finanzbranche den Weg ins Desaster. «Verbriefte Produkte und strukturierte Kredite zählen zu unseren Wachstumsinitiativen für 2007 und 2008», sagte Peter Wuffli im Januar 2007. Der damalige UBS-Chef ortete in der Sparte, die auch für Subprime-Kreditverbriefungen zuständig war, eine Umsatzlücke von 4,6 Milliarden Dollar zur Konkurrenz, die es aufzuholen gelte. Die verbrieften Produkte seien in einem vielversprechenden Wandel, und «das Niveau der Risiken, welche die UBS absorbieren kann, liegt beträchtlich über der jährlichen Gewinnkapazität». Im Oktober 2008 musste die Nationalbank die UBS vor dem Kollaps retten.

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Am 10. Januar 2000 kaufte AOL, damals der grösste Internetzugangs-Anbieter, den US-Medienkonzern Time Warner für 164 Milliarden Franken. «Das ist ein historischer Zusammenschluss, der die Landschaft der Medien und im Internet verändern wird», sagte Steve Case, damals Chef von AOL. Es sollte ein Konzern mit 30 Milliarden Umsatz und einer Marktkapitalisierung von 350 Milliarden entstehen. Warner-Chef Gerald Levin sprach von «immensen Möglichkeiten, das Verständnis der Menschheit zu fördern». Zugang und Content sollten - mit hohem Wertschöpfungspotenzial - verknüpft werden. «Das ist fast wie eine kontinentale Plattenverschiebung», ergänzte Christopher Dixon, Analyst beim Vermögensverwalter PaineWebber. Bis heute ist die Fusion die grösste der US-Geschichte - und der teuerste Fehlschlag.

Das Internet entwickelte sich rasch weg von den Portalen, die damals klangvolle Namen wie Yahoo, Lycos, Infoseek oder Excite trugen. Optisch einfache Suchmaschinen wie Google, die ihre Suche auf Algorithmen und nicht auf kommentierte Vorausauswahl stützten, setzten sich ab 2003 durch. Das Anschlussgeschäft wurde durch Entwicklungen wie ADSL und Triple-Play, bei denen Telekomkonzerne und Kabelnetzbetreiber die Kontrolle über die Zugänge erhielten, obsolet. Der Schweizer Medienkonzern Tamedia, der früh auf eine Mulitmedia-Strategie gesetzt hatte, verbrannte geschätzte 160 Millionen Franken.

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Die Sirenengesänge der Technopropheten raubten nicht nur den Chefs von Technologie- und Medienkonzernen den Verstand. Der Zukunftsforscher Christian Lutz, in den 90er-Jahren Direktor des Think-Tanks Gottlieb-Duttweiler-Institut, entwickelte Ende der 90er-Jahre seine Vision: Der E-Commerce mache 2009 mehr als ein Drittel des Detailhandelsumsatzes aus. Thomas Hochreutener vom Marktforschungsinstitut GfK sagte dem Online-Handel einen Anteil von 8 Prozent bis 2005 und von 15 Prozent bis 2010 voraus. Tatsächlich sind es heute nur 3,6 Prozent. Der damalige Migros-Chef Peter Everts wollte 10 Prozent erreichen - kommt aber nur auf 2,5 Prozent.

Riesenerfolg mit Fehlprognosen

«Prognosen sind immer schwierig - besonders, wenn sie die Zukunft betreffen», wusste schon Mark Twain. Sie sind abhängig von vorher festgelegten Rahmenbedingungen und Annahmen. Im besten Fall reduzieren sie die Unsicherheit, unter der Entscheidungen getroffen werden müssen, und sie zeigen Chancen und Risiken frühzeitig auf.

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Aber auch falsche Prognosen können äusserst lukrativ sein. Das zeigt die auf Biotechnologie spezialisierte Beteiligungsgesellschaft HBM, die 2001 vom ehemaligen Roche-Finanzchef Henri B. Meier gegründet wurde. Die in Aussicht gestellten Renditen von 20 Prozent trafen nie ein. Die zu 105 Franken emittierten Aktien sind heute noch 41 Franken wert. Trotz Wertverlust von 60 Prozent kassierten die Vermögensverwalter von HBM Partners weit über 100 Millionen Franken.

Seit über 40 Jahren äusserst erfolgreich mit Fehlprognosen ist der Club of Rome. Dessen Publikation «Die Grenzen des Wachstums» traf in den 70er-Jahren einen Nerv. Die Experten hatten ein computergestütztes «Weltmodell» gebaut und alle Trends rücksichtslos in die Zukunft verlängert. Sie sagten ein baldiges globales Desaster voraus. Alle wichtigen Rohstoffe würden ausgehen, die Menschheit an Überbevölkerung, Nahrungsmangel und Umweltverschmutzung zugrunde gehen.

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Die Planer unterschätzen dabei regelmässig den Erfindungsreichtum und die Anpassungsfähigkeit des Menschen. Doch Bescheidenheit ist nicht Sache des Club of Rome. Auf der Website der Organisation, die ihren Sitz 2008 nach Winterthur verlegte, findet sich kein Hinweis auf die Fehler. Stattdessen rühmt sich der Club, seine «fundamentalen Ansichten» hätten sich als «weitgehend korrekt» erwiesen. Dem guten Ruf haben die Fehlprognosen nicht geschadet.

Das mag daran liegen, dass der Club mehr auf ideeller als auf wissenschaftlicher Basis arbeitet. Da wächst der Glaube mit jedem Fehler. Trotz zahlreicher Fehlprognosen zum Datum des Weltuntergangs entwickelten sich schliesslich die Zeugen Jehovas zu einer Glaubensgemeinschaft mit 7 Millionen Anhängern.