Es ist ein harter Winter für Joseph Blatter. Wochenlang kämpfte er gegen den Vorwurf einer korrumpierten Fifa an. Dann verweigerte ihm die Fussballwelt den Applaus, als Russland und Katar den Zuschlag für die Weltmeisterschaften von 2018 und 2022 erhielten. «Jetzt müssen wir das Image wieder aufbessern», erklärte der Fifa-Präsident letzte Woche. Es soll aufwärts gehen.

Doch die Fifa-Führung erlebt bereits das nächste Fiasko. Diesmal trifft es die Marketing-Abteilung des Weltfussballverbands und deren Pläne, den Umsatz mit Fanartikeln massiv zu steigern. Denn der Hauptlizenznehmer Global Brands Group aus Singapur ist pleite. Der Fifa drohen dadurch Millionenverluste, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen.

Am Zürichberg bestätigt man den Sachverhalt: «Ein beträchtlicher Teil der Lizenzeinnahmen für die Weltmeisterschaft 2010 ist der Fifa nicht bezahlt worden», heisst es bei der Medienstelle. Genaue Beträge will der Verband nicht bekannt geben. Es dürfte sich jedoch um einen zweistelligen Millionenbetrag handeln. Im Jahr 2006, als die WM in Deutschland stattfand, nahm die Fifa mit Lizenzrechten 53 Millionen Franken ein. Der Verband versucht zwar zusammen mit dem Liquidator der Global Brands Group noch etwas zu retten. Doch er schätzt seine Chancen selbst alsgering ein. «Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Fifa noch Geld erhält», so ein Sprecher.

Anzeige

Die zweite Eroberung der Welt

Die Millionen sind das eine. Noch schlimmer für die Zukunft wiegt, dass nun das ganze Vermarktungskonzept desWeltfussballverbandes auf der Kippe steht. «Die Fifa wird die Situation genau analysieren müssen, bevor über das weitere Vorgehen entschieden wird», teilt er mit.

Das neue Vermarktungskonzept war im Jahr 2004 entstanden. Damals zentralisierte die Fifa das gesamte Lizenzwesen für ihre Fanprodukte und vergab der Global Brands Group quasi eine Vollmacht. Wer künftig Maskottchen mit WM-Pokal oder T-Shirts mit dem Schriftzug Fifa verkaufen wollte, musste sich an die Singapurer wenden und dort um eine Lizenz ersuchen. Global Brands Group war seither exklusiver Lizenzierungsvertreter der Fifa, im Gegenzug erhielt der Verband Millionen für die Markenrechte. Blatter rühmte bei der Bekanntgabe der Zusammenarbeit «die Erfahrung der Global Brands Group» und sah «grossartige Möglichkeiten».

Was Blatter und den Marketing-Chefs bei der Fifa vorschwebte, war eine zweite Eroberung der Welt: Nach den Fussballplätzen sollten auch die Strassen zu Fifa-Land werden. «Es gibt eine riesige Nachfrage nach einer Fifa-Sport-Lifestyle-Kollektion», gab sich Fifa-Marketing-Chef Thierry Weil optimistisch. Die neue Strategie sollte ein Grundproblem des Verbandes lösen: In der Vergangenheit verdiente die Fifa mit dem Verkauf von eigenen Accessoires nur in jenen Jahren, in denen eine Weltmeisterschaft stattfand. Ein Muster, das die Fifa allgemein kennt. Für die WM in Südafrika beispielsweise rechnete sie mit imposanten Einnahmen von 3,3 Milliarden Franken. In anderen Jahren streben die Erlöse gegen null.

Der Kaiser reiste zur Eröffnung an

Das sollte sich ändern. Wenn es gelänge, Fifa als Mode-Marke zu etablieren, würden laufend Einnahmen anfallen, so die Hoffnung der Männer vom Zürichberg. Zudem würde es so vielleicht möglich, in den notorisch fussballuninteressierten USA endlich Fuss zu fassen. Die Umsetzung sollte Global Brands übernehmen. Deren Manager hatten Kontakte zur Modebranche und zu Detailhändlern und sassen zum Teil selber in den Leitungsgremien von Kleiderimporteuren.

Auf Geheiss der Singapurer begannen Designer, Fifa-Kollektionen zu entwerfen. Die Global Brands Group stampfte überall auf der Welt Fifa-Läden aus dem Boden oder lancierte Shops-in-Shops. In Schanghai ging die erste Filiale auf. Im Angebot waren T-Shirts, Schals, Trophäen und Plüschfiguren.

Fifa-Generalsekretär Urs Linsi applaudierte vorOrt. Es folgte Singapur, wo Exekutivmitglied Mohamed bin Hammam sagte, dass der neue Shop «das ganze Jahr ein einzigartiges Fussballerlebnis garantiere». Und dann waren Südafrika und Franz Beckenbauer an der Reihe: «Mit den WM-Produkten können die Fans ihre Leidenschaft und Begeisterung für die WM so richtig ausleben.» Der Kaiser war eigens zur Eröffnung angereist.

Zuletzt bediente die Global Brands Group im Namen der Fifa Hunderte Läden mit ihrem Motto «Mach mit, trag mit», mietete sich beim Detailhändler Wal-Mart in den USA ein, schloss Verträge in Indien ab, baute eine Online-Plattform auf und entwarf noch letzten März Frühlingskollektionen mit dem Fifa-Emblem.
Doch die Einnahmen deckten die Ausgaben bei weitem nicht. 2007 beispielsweise gab die Global Brands Group 65 Millionen aus für Löhne, Entschädigungen, Reisekosten, Beratungsgebühren, Abschreiber für aufgegebene Geschäfte, Lizenzgebühren und Zinskosten. Dem standen operativeEinnahmen von nur 17 Millionen gegenüber. «Leidenschaft richtet sich an Teams, nicht an Unternehmen und Bürokratien», sagte Andrew Sacks, Markenexperte bei der gleichnamigen Beratungsfirma, bereits letzten Sommer.

Nach der WM in Südafrika wurde es ruhig um die Global Brands Group. Ihr ging das Geld aus. Die Fifa kündigte die laufenden Verträge im November. Wie es nun mit den hochfliegenden Plänen imModebereich weitergehen soll, ist völlig unklar. «Im Licht der gegenwärtigen Situation wird die Fifa das Projekt überdenken und sich mit allen Beteiligten absprechen, bevor entschieden wird, ob und wie weitergemacht werden soll», so der Verband.

Ebenfalls offen ist, welches Lizenzierungsmodell die Fifa nun für 2014 wählt – ob weiter mit einemLizenznehmer zusammengearbeitet werden soll oder nicht. Bereits entschieden ist das Vorgehen für die Frauen-WM 2011 in Deutschland. Hier führt die Fifa bestehende Lizenzvereinbarungen in Eigenregie weiter.
Während die Fifa in den letzten Wochen die Zukunft zu planen versuchte, schloss die Global Brands Group mit der Vergangenheit ab. Sie entliess ihre Mitarbeiter, schloss die Läden und setzte einen Liquidator ein. Insider berichten von aufgelaufenen Schulden von 150 Millionen Dollar. Der Verlust hatte sich schon Ende 2008 auf 100,6 Millionen Dollar aufsummiert, wie ein Blick in die Bilanz zeigt.

Global Brands Group hatte es kein einziges Jahr in die schwarzen Zahlen geschafft. 2006 schrieb das 2005 gegründete Unternehmen 23 Millionen Dollar Verlust, im Jahr darauf waren es 44 Millionen, dann nochmals 25 Millionen. Über Wasser halten konnte sich die Gesellschaft nur dank einem Kredit über 100 Millionen Dollar des New YorkerHedgefonds Perry Capital, der mit 5 Prozent verzinst wurde. Eigenes Kapital war kaum vorhanden. Das Aktienkapital betrug 133 Dollar. Fifa bis zum Schluss ahnungslos

Als der Kredit aufgebraucht war, konnte die Global Brands Group nicht mehr alle Forderungen begleichen. Bei der Fifa etwa blieben die Zahlungen seit Monaten aus. In der Anzeige wird die unbelegte Vermutung geäussert, dass die Gesellschafter versucht haben sollen, verbliebene Werte aus der Gruppe herauszulösen und in neue, unbelastete Gesellschaften überzuführen. Bei der Fifa macht man unterdessen auf Schadenbegrenzung: «Die Fifa ist traurig, vom Konkurs der Global Brands Group zu hören, und möchte den betroffenen Mitarbeitenden ihre Sympathie aussprechen», heisst es in Zürich.

Der Weltfussballverband betont, dass Global Brands die volle Kontrolle über ihre Geschäfte innehatte und man selber keinen Einfluss darauf hatte, mit wem und zu welchen Bedingungen Global Brands seinerseits Lizenzverträge abschloss. DieFifa habe es dem Partner ermöglichen wollen, ein nachhaltiges Geschäft aufzubauen. Deshalb seien die vereinbarten Minimalabgaben an die Fifa für die Rechte an der WM 2010 tiefer gewesen als die für 2006.

Von der Misere hat der Fussballverband «erst kürzlich» Kenntnis erhalten. «Die Fifa wusste nichts von den Verlusten der Global Brands und hatte keinen Einblick in die finanzielle Situation», heisst es am Hauptsitz in Zürich.