L’Art Nouveau, wie die Franzosen den Jugendstil nennen, war weit mehr als eine formale Erneuerung oder gar eine Laune des Augenblicks. Kunst und Kunsthandwerk um die Jahrhundertwende waren beseelt von einem träumerischen und idealistischen Zeitgeist. Ein nie gekanntes Gefühl der Sehnsucht herrschte vor: Sehnsucht nach immerwährendem Frühling, nach ewiger Jugend, nach menschlicher Unschuld und Harmonie. Der Jugendstil verkörpert den Glauben an die Schönheit, an die Erlösung durch Schönheit, indem man die alltäglichen Dinge ästhetisch veredelte.

Vision eines Gesamtkunstwerks

Als erste künstlerische Bewegung verfolgte der Jugendstil die Vision eines Gesamtkunstwerks. Angestrebt wurde die harmonische Vereinigung sämtlicher Lebensaspekte. Nicht wenige der Jugendstil-Künstler waren Maler, Bildhauer und entwarfen zugleich Schmuck, Möbel und anderes Kunstgewerbe.

Das späte 19. Jahrhundert ist berühmt für seine Gegenstände aus Glas, die um 1900 eine einmalige Blütezeit erlebten. Niemals zuvor und danach gab es eine solch herausragende Glasproduktion wie in der Zeit zwischen 1885 und 1914. In dieser relativ kurzen Periode erbrachten die Künstler erstaunliche Höchstleistungen. Das Museum für Gestaltung Zürich, berühmt für seine Jugendstil-Sammlung, zeigt im Museum Bellerive die international äusserst angesehene Sammlung von Katharina Büttiker. Es gibt kaum eine zweite mit einer solchen Fülle an qualitativ hochwertigen Werken von Daum, Gallé oder Tiffany – den wichtigsten Glaskünstlern dieser Zeit.

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Während die Manufaktur Daum von der einfachen Serienfertigung ausging und diese durch künstlerische Einflussnahme zu verbessern suchte, war Emile Gallés Ausgangsbasis die individuelle künstlerische Arbeit. Aufgrund ihres Erfolgs zog sie schliesslich eine industrielle Fertigung nach sich. Die Konkurrenzsituation – sowohl die Brüder Daum wie auch Gallé arbeiteten in Nancy und waren Gründungsmitglieder der École de Nancy – spornte sie zu Höchstleistungen an. Seit der Weltausstellung im Jahr 1900 in Paris, wo beide mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurden, galten sie als ebenbürtig. In den folgenden Jahren widmeten sie sich der Entwicklung und Verfeinerung der verschiedensten Techniken. Beliebt waren die mehrschichtige Überfangtechnik mit Reliefeffekt, der Zwischenschichtendekor, aber auch Applikationen und die Kombination mit Emailmalerei. Nicht selten erinnert die Oberflächenwirkung der Exponate mehr an kostbare Halbedelsteine denn an Glas.

Der Amerikaner Louis Comfort Tiffany belebte die Glaskunst ähnlich wie Emile Gallé, wenngleich er sich anderer Techniken bediente. Louis Comfort begann seine Karriere zunächst als Designer und Innenarchitekt. 1885 gründete er die Tiffany Glass Company, die nach 1900 in Tiffany Studios umgewandelt wurde. Wann und warum er sich der Lampenproduktion zuwandte, ist nicht ganz geklärt. Die Beleuchtungskörper, aus buntem Glasmosaik und häufig mit blütenförmigen Schirmen versehen, entwickelten sich zu den «Stars» seiner Produktion. Gut erhaltene, originale Tiffany-Lampen sind noch heute im Handel äusserst gesucht.

Stimmungsvoll farbige Lampen

Beleuchtungskörper waren ebenfalls eine Spezialität der Gebrüder Daum: Auch sie nutzten das Potenzial der aufkommenden Elektrizität für ihre Produktion. Geschickt setzten sie die Transparenz des Werkstoffs Glas ein, um die oft mit geschnitztem dunklem Holztäfer ausgekleideten Jugendstil-Innenräume in ein stimmungsvolles Licht zu tauchen und den veränderten Ansprüchen der Käufer gerecht zu werden. Emile Gallé dagegen scheint die Bedeutung des elektrischen Lichts anfangs unterschätzt zu haben. Nur so ist der relativ geringe Anteil an Lampen innerhalb seiner Gesamtproduktion zu erklären. Erst in seinen letzten beiden Lebensjahren erkannte er die ästhetischen Möglichkeiten eines von innen erleuchteten farbigen Glaskörpers.

Daum, Gallé und viele andere Glaskünstler dieser Zeit haben es zu wahren Meisterleistungen in der Glasherstellung gebracht. Die im Museum Bellerive unter dem Titel «Träume aus Glas» gezeigten Exponate erlauben es den Besuchern, sich ein Bild von der Spitzenproduktion des französischen Art nouveau zu machen.

Die Manufaktur Daum überlebte die Kriegsjahre relativ unbeschadet und verstand es wie schon zuvor, die sich neu entwickelnden ästhetischen Ideen aufzugreifen und in der Praxis zu realisieren. Daum produzierte als einer der Ersten die geometrischen Formen, die sich durch eine reduzierte, aber kräftigere Farbpalette auszeichnen und die Epoche des Art déco bereits vorwegnehmen.