Bei einigen Schweizer MBA-Anbietern erzeugte die Kritik aus Harvard Kopfschütteln. Der grösste Vorwurf lautet, dass die Studie zu «US-lastig» sei, dass ausser Insead in Frankreich nur eine nicht nordamerikanische Schule durchleuchtet wurde.

Aber auch, dass das Einstiegs-alter und die Erfahrung der bereits im Geschäftsleben stehenden Absolventen in der Schweiz oftmals viel höher ist. Das liegt daran, dass US-Schulen noch immer vorwiegend Fulltime MBA anbieten und sich daher die Teilnehmer vielfach direkt nach ihrem Hochschulabschluss in ein Programm einschreiben. In der Schweiz ist dagegen schon vor rund zehn Jahren das Executive MBA (EMBA) salonfähig geworden, das von der geografischen Überschaubarkeit hierzulande ebenso profitiert wie von der Möglichkeit, dass die Teilnehmer während der Ausbildung den Job nicht verlassen müssen.

Initial zur Harvard-Studie war das 100-Jahr-Bestehen des «bluest of blue chip brands in business education», wie ein Artikel im «HBS Alumni Bulletin» euphorisch verkündet. Die Autoren der Studie nahmen das Jubiläum zum Anlass, ihr MBA-Angebot kritisch zu hinterfragen und daraus Schlüsse für die Planung der Zukunft zu ziehen. Mit Selbstkritik wurde dabei nicht gespart: So hat Henry Mintzberg von der McGill University in Montreal sich beklagt (und darüber ein Buch geschrieben), dass nach seiner Überzeugung «konventionelle MBA-Programme die falschen Leute mit falschen Strategien trainieren - und das mit den falschen Konsequenzen». Rakesh Khurana von Harvard geht sogar so weit, zu behaupten, dass zahlreiche Business Schools mitschuldig sind an den aktuellen Wirtschaftsskandalen, weil sie Absolventen ins Wirtschaftsleben entlassen, die auf Shareholder Value fixiert seien.

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Schweiz und Europa ticken anders

Auf die grössten Kritikpunkte (siehe Kasten oben rechts) reagiert die Schweizer Wirtschaft selbstbewusst und verweist erwartungsgemäss und zu Recht auf die Unterschiede zwischen Europa und Amerika. Der in den USA beklagten fehlenden kulturellen Kompetenz, der noch unzureichenden globalen Ausrichtung, dem sichtbaren Mangel eines internationalen Studentenmixes oder der Sprachenvielfalt können auch Schweizer MBA-Anbieter viel entgegensetzen.

Andrea Schenker-Wicki, Direktorin des Executive MBA der Universität Zürich, erklärt: «Die institutionellen Rahmenbedingungen in Amerika unterscheiden sich grundsätzlich von Europa. Hierzulande gibt es kaum sogenannte Rekrutierungsmanager. Unsere Studierenden sind durchschnittlich älter und verfügen über grössere Führungs- und Managementerfahrung.» Mit Genugtuung verweist sie auf die interkulturelle Kompetenz. «Da ist man in Europa - speziell in der Schweiz - gut positioniert. Hier ist man sensibler für kulturelle Unterschiede.» Daher ist das EMBA-Programm der Universität Zürich stark auf interkulturelles Management fokussiert. Das heisst, dass Dozenten tätig sind, die aus dem entsprechenden Kulturraum stammen oder dort gelebt haben. So werden Studenten während ihrer Ausbildung etwa mittels Modulen in der Schweiz, aber auch auf Studienreisen nach Amerika, China und Indien für die kulturellen Divergenzen und Herausforderungen globalen Wirtschaftens sehr stark sensibilisiert. «Was die Aktualität der Lehrinhalte betrifft, sind unsere Dozenten sowohl in der Forschung als auch in der Lehre tätig, was einen optimalen Wissenstransfer zwischen Theorie und Praxis garantiert.»

Amerika überschätzt sich selbst

Dass in amerikanischen MBA-Angeboten vieles anders ist, liegt auch für Claudia Schmid-Schönbein, Direktorin des Strathclyde MBA in Zürich, auf der Hand. Abgesehen vom Durchschnittsalter der Schweizer Teilnehmer (35 Jahre) mit entsprechender Führungserfahrung, findet sie die Kritikpunkte der unzureichenden globalen Ausbildung und fehlenden kulturellen Sensibilität spannend: «Häufig wird die Anzahl amerikanischer Unternehmen, die global aktiv sind und eine internationale Zusammensetzung ihrer Mitarbeitenden haben, grob überschätzt.» Im Strathclyde MBA sind 75% der Studierenden entweder Ausländer, die mit einem internationalen Hintergrund hierzulande arbeiten, oder Schweizer, die in internationalen Betrieben tätig sind. Sie nützen auch gerne die Gelegenheit, in einem der weiteren acht weltweiten Zentren von Strathclyde Wahlfächer zu belegen.

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«Die Harvard-Studie kritisiert eine Praxis, die an der HSG gerade nicht gepflegt wird», betont Rob Straw, Associate Director des MBA- Programms. «Der Kern der HSG ist ihre Wirtschaftsnähe, die durch die Vernetzung mit Tausenden von Firmenvertretern und Inhouse-Veranstaltungen sichergestellt wird. Die Harvard-Ausbildung baut dagegen vollumfänglich auf Fallstudien auf, hinter denen sich die Idee verbirgt, dass es für jeden Fall eine Bestlösung gibt, die man aufgrund der im Fall vorhandenen Informationen erarbeiten kann. Dies führt leicht zu einer Unterschätzung der Komplexität der Entscheidungsfindung und zu einer Überschätzung und Übergewichtung der Rationalität des Individuums», so Straws Kritik.

Mangelt es an Internationalität? Kein Thema an der HSG: Die Professoren des St. Galler MBA-Angebots stammen aus neun Ländern. Die Teilnehmer kommen sogar aus 15 verschiedenen Nationen - und das Lehrmaterial bezieht man aus aller Welt. Auch die Kritik in Bezug auf fehlende Aktualität kommt hierzulande und besonders bei Straw nicht gut an.

Zwei Beispiele: So benutzte der HSG-Professor Winfried Ruigrok in seiner Vorlesung zum Thema Corporate Governance eine Fallstudie des Unternehmens Satyam Computer, das gerade am Tag der Vorlesung einen neuen CEO ernannte. Und über die Weihnachtsferien überarbeitete der HSG-Professor Simon Evenett die Inhalte seiner VWL-Vorlesung radikal, um die Neuigkeiten der weltweiten Rezession zu thematisieren. Er berät internationale Institutionen wie die Europäische Kommission, OECD oder die Weltbank und gibt diese Erfahrungen in seinen Vorlesungen unmittelbar weiter.