Die Speditionsbranche spürt wie fast alle Branchen die stagnierende oder rückläufige Konjunktur. Wie stark hat es die Spediteure «erwischt»?

Thomas Schwarzenbach: Es hat die Branche hart erwischt. Aufgrund der heterogenen Zusammensetzung unseres Verbandes von klassischen Spediteuren, Reedereiagenten, Zollagenten, KEP-Dienstleistern bis zu Kontraktlogistikern fiel der Rückgang allerdings unterschiedlich aus. Unsere Mitglieder sind alle international tätig, womit deren Unternehmenserfolg sehr direkt an den Schweizer Aussenhandel gekoppelt ist. Die derzeitige Situation der Speditionswirtschaft entspricht dem wirtschaftlichen Niveau des Jahres 2005. Es gibt aber auch Branchen wie etwa Chemie/Pharma oder Nahrungsmittel, welche nicht so stark von der Krise betroffen sind. Dort sind die Volumenrückgänge für die Speditions- und Logistikdienstleister folgerichtig geringer.

Wann geht man in der Branche davon aus, dass die Krise überwunden sein wird?

Schwarzenbach: Die Einschätzung der Zukunft fällt - je nachdem, in welcher Branche unsere Mitglieder tätig sind - ebenfalls unterschiedlich aus. Generell gehen die meisten Mitglieder davon aus, dass sich bis Ende Jahr die Situation nicht bessern wird. Im kommenden Jahr könnte sich eine gewisse Erholung einstellen, zumindest in der 2. Hälfte 2010.

Kommt es in der Speditionsbranche zu weiteren Zusammenschlüssen, weil kleine Anbieter kaum überleben können?

Schwarzenbach: Innerhalb der Spedlogswiss-Mitglieder sehen wir diese Tendenz nicht. Im Gegenteil, unsere Mitgliederzahl hat sich in den vergangenen drei Jahren stetig erhöht; heute verfügen wir über mehr als 300 Mitglieder. Kleinere Unternehmen haben die Chance, Nischen im Speditions- und Logistikgeschäft zu finden - und diese nutzen sie auch aus. Auf «Rennstrecken» gegen grosse Anbieter in der Branche zu konkurrieren, macht für Nischenanbieter keinen Sinn, da sie zu hohe Prozesskosten haben, um die entsprechenden Marktpreise anbieten zu können. Wir können auch feststellen, dass neue Firmen in den Speditions- und Logistikbereich einsteigen.

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Löste die Krise einen Preiskampf unter den Spediteuren aus?

Schwarzenbach: Der Preiskampf hat sich verschärft, das ist keine Frage. Die Spediteure sind ja Vermittler und Organisatoren des Transportes und können deshalb aufgrund der vorhandenen Überkapazitäten durchaus auch günstigere Einkaufspreise herausholen. Etliche Transporteure, die Carriers, sind zu Preiskonzessionen gezwungen, die oft sogar nicht einmal mehr die Selbstkosten decken.

Im Bereich der Sicherheit wurden in jüngster Zeit, insbesondere von den USA, verschiedene Vorschriften erlassen. Wie präsentiert sich die Situation aus der Sicht der Schweizer Spediteure?

Schwarzenbach: In der Schweiz gelten schon seit längerem Sicherheitsvorschriften, doch nach den Fällen Lockerbie und dann natürlich 9/11 wurden die Vorschriften - vor allem aufgrund von Forderungen der USA - sukzessive verschärft. Andererseits hat auch die EU schärfere Sicherheitsvorschriften erlassen, beispielsweise die 24-Stunden-Voranmeldung an der Grenze. Letztere Forderung hätte für die Schweizer Wirtschaft verheerende Folgen gehabt, denn aufgrund unserer sehr kurzen Zulaufstrecken hätte dies zu unmöglichen Situationen beim Grenzübertritt geführt.

Diese Forderung konnte abgewendet werden?

Schwarzenbach: Ja. Glücklicherweise gelang es uns zusammen mit der Economiesuisse und der Zollverwaltung, diese Regelung für die Schweiz zu verhindern. Die EU behandelt die Schweiz sicherheitsmässig wie ein EU-Land, das heisst die Voranmeldepflicht entfällt für uns. An den schweizerischen Flughäfen - diese stellen zolltechnisch gesehen aber eine «Aussengrenze» dar - besteht jedoch eine Voranmeldepflicht. Hier werden derzeit die entsprechenden Massnahmen diskutiert.

Mit der Schaffung des «Authorised Economic Operator» AEO konnte ebenfalls ein Kompromiss gefunden werden.

Schwarzenbach: Im Moment arbeiten Arbeitsgruppen an den Details für diese Vereinbarung. Anfang des kommenden Jahres kann dann mit der Zertifizierung der AEO in der Schweiz begonnen werden. Spedlogswiss konnte bei der Ausgestaltung der «Schweizer AEO» mitwirken.

Hat sich die mehrmals verschobene, nun aber definitiv eingeführte neue elektronische Verzollung gut eingeführt?

Schwarzenbach: Die Pflicht zur Einführung des Nachfolgesystems für die sogenannte vereinfachte Ausfuhrregelung (VAR) wurde verschoben auf den Frühling 2010. Derzeit sind unsere Mitglieder und deren Kunden damit beschäftigt, die letzten Probleme in dieser Angelegenheit zu lösen. Dank unserer sehr guten Zusammenarbeit mit den Schweizer Zollbehörden wird es hier zu beiderseits zufriedenstellenden Lösungen kommen. Die Kunden unserer Mitglieder müssen sich entscheiden, ob sie e-dec in Zukunft selber durchführen oder diese Tätigkeit einem Logistikprovider übergeben wollen. Wir unterstützen jedenfalls unsere Mitglieder in diesem Beratungsprozess. Darüber hinaus bieten wir ihnen ein neues Produkt namens Datacenter an, über das die einzelnen Transaktionen elektronisch abgewickelt werden können.

Alle diese neuen Verfahren und Regelungen setzen ein entsprechend geschultes Personal voraus. Wie sieht es im Ausbildungsbereich aus, finden die Spediteure den notwendigen beruflichen Nachwuchs?

Schwarzenbach: Die Aus- und Weiterbildung gehört zu unseren Kernaktivitäten. Auf der Geschäftsstelle arbeitet rund die Hälfte unserer Angestellten in diesem Bereich. Pro Jahr werden von unseren Mitgliedfirmen schweizweit mehr als 200 Lernende eingestellt und ausgebildet. Über die dreijährige Ausbildung gerechnet sind dies rund 600 Nachwuchskräfte. Wir werden auch ganz moderne Ausbildungsmethoden wie Blended Learning nützen und einführen. Mit Blick auf die demografische Entwicklung unserer Bevölkerung werden wir in den kommenden Jahren auch vermehrt Ausbildungsmöglichkeiten für Mittelschulabsolventen und Quereinsteiger schaffen. Zudem bieten wir attraktive Weiterbildungsmöglichkeiten an.

Wie gestalten sich die Kontakte von Spedlogswiss zu ähnlich gelagerten Verbänden wie Astag, SSC, GS1 und anderen?

Schwarzenbach: Zu diesen Verbänden unterhalten wir sehr enge Kontakte und nutzen zahlreiche Möglichkeiten zu Kooperationen in verschiedenen Bereichen, nicht zuletzt auch in der Aus- und Weiterbildung.

Derzeit ist vermehrt von den «Green Logistics» die Rede, also von möglichst ökologischen Transporten. Welche Haltung nimmt Spedlogswiss in dieser Frage ein?

Schwarzenbach: Dieses Thema wird in unseren Gremien ebenfalls intensiv diskutiert. Wir haben im Herbst vergangenen Jahres die Arbeitsgruppe Umwelt ins Leben gerufen, welche sich exakt mit den Fragen der Ökologie im Transportwesen befasst. Im Vordergrund steht die Frage, was der Verband unternehmen kann, um den Mitgliedern zu helfen, zum Thema Ökologie im Transport zu nachhaltigen Lösungen zu kommen.

Wie weit sind Sie bisher gekommen?

Schwarzenbach: Aufgrund der Heterogenität unserer Mitglieder sind die Fortschritte in diesem Sektor auch unterschiedlich. Der ökologische Aspekt wird in der Zukunft vor allem bei der Auftragsvergabe zu einem wichtigeren Faktor werden.

Verschiedene Rahmenbedingungen und Vorschriften, welche die Speditions- und Logistikbranche beachten oder erfüllen muss, sind durch die Politik beeinflusst. Sind Sie der Meinung, dass Spedlogswiss auch auf politischer Ebene stärker präsent sein sollte?

Schwarzenbach: Unser Verband ist verkehrsträgerneutral. Wir müssen somit die unterschiedlichsten Interessen wahren. Auf politischer Ebene setzen wir uns dafür ein, dass wir auf allen Verkehrsträgern eine gut funktionierende Infrastruktur mit entsprechend offenem Marktzugang vorfinden. Wir können unsere politischen Anliegen durchaus vorbringen, wir machen das via Cargo Forum Schweiz, einen Zusammenschluss von güterverkehrsinteressierten Verbänden.