Sie waren für Schweizer Firmen während Jahrzehnten das Tor zur weiten Welt: Die Aussenhandelskammern, gegründet meist auf Initiative von Unternehmern, die im Ausland geschäfteten und ihr Wissen weitergeben wollten. Rund 60 Kammern sind entstanden, seit französische Geschäftsleute 1894 die erste ausländische Handelskammer in der Schweiz gründeten; als jüngste davon nahm Ende Oktober die Handelskammer Schweiz-Kasachstan ihre Arbeit auf.

Doch vielen dieser Institutionen dürfte wohl die Luft ausgehen. Ihr Informationsmonopol haben sie verloren. Das Internet spuckt innert Sekunden Markt- und Länderinformationen aus, an die vor einigen Jahren nur beschwerlich heranzukom-men war. Unternehmen aller Kontinente vernetzen sich heutzutage über Online-Plattformen. Zudem stossen vermehrt Branchenverbände und der offizielle Aussenwirtschaftsförderer Osec ins klassische Revier der Handelskammern vor.

Sie machen es ohne

Ein Blick auf mittelgrosse exportorientierte Unternehmen zeigt: Die Zusammenarbeit mit Handelskammern steht häufig nicht mehr an erster Stelle. Die Benninger Guss in Uzwil SG etwa hat für die Markterweiterung nach Deutschland nicht bei der Handelskammer Schweiz-Deutschland angeklopft, obwohl sie dort Mitglied ist. «Wir haben das zusammen mit der Osec über die Bühne gebracht», sagt Firmenchef Eric von Ballmoos. Und die Firma Feinstanz in Jona SG, die gut 80 Prozent ihres Umsatzes im Ausland erwirtschaftet, lässt verlauten, man habe die Märkte in Europa «bis anhin bearbeitet, ohne die Dienstleistung einer Handelskammer zu beanspruchen».

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«Die Unternehmen sind nicht mehr im selben Masse auf die Handelskammern angewiesen wie früher», bestätigt Claudia Moerker, Geschäftsleiterin des Schweizer Exportverbands Swiss Export. Während einst von der Marktabklärung bis zur Adressvermittlung alles über die Kammern gelaufen sei, erledigten die Unternehmer heute einen grossen Teil der Recherche selber. Zudem konkurrierten grössere Branchenverbände die Handelskammern, indem sie ihren Mitgliedern zunehmend einen länderübergreifenden Überblick über Exportmärkte bieten könnten. Damit sind sie den national orientierten Kammern um eine Nasenlänge voraus.

Längerfristig, so schätzt Moerker, werden nur jene Handelskammern überleben, die so gross und so gut vernetzt sind, dass niemand ernsthaft auf die Idee kommen kann, ihnen das Wasser abzugraben - Organisationen etwa wie die Handelskammer Deutschland-Schweiz oder die Swiss-American Chamber of Commerce. «Kleinere Handelskammern leiden jetzt schon unter Mitgliederschwund», sagt Moerker. Und weil sie sich hauptsächlich über Mitgliederbeiträge finanzieren, schwinden mit jedem abgesprungenen Mitglied auch ihre finanziellen Möglichkeiten - bis sie nicht mehr viel mehr sind als ein Lunch-Klub.

Der Dachverband der Schweizer Aussenhandelskammern SwissCham ist sich des Problems bewusst. «Wir haben einerseits professionelle Organisationen wie etwa die Handelskammer Deutschland-Schweiz mit gut 20 Angestellten und anderseits Kammern mit einem ehrenamtlichen Präsidenten und einer Sekretärin, die zu 20 Prozent angestellt ist», sagt SwissCham-Präsident Peter Silberschmidt. «Entsprechend unterschiedlich sind auch die Aktivitäten, zu denen die Organisationen überhaupt in der Lage sind.»

Um den Handelskammern wieder zu mehr Gewicht zu verhelfen, schwebt ihm ein Zusammenschluss zu einer einzigen Kammer mit gemeinsamem Zentralsekretariat vor. Spruchreif ist dieses Vorhaben aber noch nicht. Vor allem die Grossen schätzen ihre Selbstständigkeit - und damit die Möglichkeit, eigene Akzente zu setzen. Denn nicht alle arbeiten gleich. Die Handelskammer Deutschland-Schweiz zum Beispiel legt ihren Schwerpunkt auf den Service: Sie bietet ihren Mitgliedern Exportberatung, vermittelt Geschäfts- und Kooperationspartner, steht als Rechts- und Steuerberaterin zur Verfügung.

Trotz allem ein gutes Zeugnis

Anders die Swiss-American Chamber of Commerce: Sie legt den Fokus auf politische und volkswirtschaftliche Themen und versucht mit direkten Kontakten zu Vertretern aus Politik und Wirtschaft ein günstiges Klima für Schweizer Firmen in den Vereinigten Staaten zu schaffen. Die British-Swiss Chamber of Commerce schliesslich setzt in erster Linie auf Anlässe, um Unternehmer aus Grossbritannien und der Schweiz zusammenzubringen.

Doch auch wenn Firmen nicht mehr im selben Mass auf die Handelskammern angewiesen sind: Die Unternehmen stellen ihnen noch immer ein gutes Zeugnis aus. Etwa die Victorinox in Ibach SZ. Die Firma setzt in ihren wachstumsträchtigsten Exportmärkten, China, Russland, USA und Japan, zwar auf eigene Partner, ist gleichzeitig aber Mitglied mehrerer Handelskammern. «Sie sind ein wichtiger Partner für uns», sagt Alain Hospenthal, Leiter Export Messerdivision. «Sie sind eine wertvolle Plattform, der wir immer wieder interessante Kontakte verdanken.» Etwa, wenn sie ausländische Unternehmer zu Werkbesichtigungen bei der Victorinox einlüden oder Symposien organisierten. Fazit: «Wir profitieren eindeutig von der Arbeit der Handelskammern.»

Unbestritten ist dieser Befund auch bei der Swissmem, dem Verband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. Sprecher Ivo Zimmermann: «Die für uns wichtigsten Exportmärkte sind Deutschland, die USA, Frankreich, Italien und die Niederlande, gefolgt von China - und für jeden dieser Märkte können wir auf Handelskammern zurückgreifen, die das jeweilige Land gut kennen und ausgezeichnete Beziehungen haben.»