1. Home
  2. Unternehmen
  3. Ausstieg in Handarbeit

Ausstieg in Handarbeit

Arbeiter beim Abbruch des deutschen AKW Greifswald: «Genug Arbeit bis ans Lebensende.»

AKW-Stilllegung: In wenigen Jahren beginnt in der Schweiz der Abbruch der ersten Atomkraftwerke. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass die nötigen Fachkräfte fehlen.

Von Jürg Meier
am 04.04.2011

Wenn die Abbruchexperten des stillgelegten deutschen Kraftwerks Würgassen auf einer Baumaschinenmesse auftauchen, bieten ihnen die Vertreter reflexartig die allergrössten Bagger an. Dabei ist solch grosses Gerät unnötig: Der Abbruch der strahlenden Betonburgen ist vor allem Handarbeit. «Derzeit beschäftigen sich bei uns 70 Personen nur mit der Behandlung von Oberflächen», erklärt Peter Klimmek, der Kommunikationschef der stillgelegten westfälischen Anlage. 140 000 Quadratmeter müssen sie untersuchen und wenn nötig von Radioaktivität befreien. Manchmal reicht Abwischen. Manchmal braucht es einen Sandstrahler. Manchmal müssen die Arbeiter zu Fräsen greifen. Immer aber braucht es Handarbeit.

Ein Geschäft mit Zukunft

Der Abbruch von Kernkraftwerken ist ein Geschäft mit Zukunft, nicht erst seit dem Reaktorunglück in Fukushima. 440 Reaktoren stehen weltweit im Einsatz. Gemäss einer Studie der britischen Universität Cumbria dürften zwischen 2021 und 2030 weit über 200 Reaktoren in die Abbruchphase kommen – darunter auch Anlagen in der Schweiz: Die zwei Axpo-Blöcke im aargauischen Beznau und das Werk der BKW in Mühleberg, beide etwa ab 2020. Geht es nach den Gegnern der Kernenergie, soll das noch schneller passieren: SP und Grüne möchten die drei ältesten Meiler der Schweiz am liebsten sofort abstellen.

Der erste Schritt beim Abbruch eines Kernkraftwerkes ist brutal: Man reisst ihm sein Herz aus dem Leib. Spezialisten entsorgen den nuklearen Brennstoff und senken so die Radioaktivität in der Anlage auf einen Tausendstel des Wertes, der während des Betriebs herrscht. Die verbliebene Radioaktivität steckt im Wesentlichen in den Einbauten des nuklearen Reaktors. Dort allerdings ist die Strahlung noch so stark, dass man die Teile mit ferngesteuerten Geräten unter Wasser zerlegen muss. Das sogenannte Reaktordruckgefäss in Würgassen wog rund 320 Tonnen, wie Roland Bilang, Geschäftsführer des Schweizerischen Nuklearforums, erklärt. Die Experten zerlegten es in 250 Einzelteile. Ein ferngesteuertes Gerät arbeitete sich mit einem Strahl aus Wasser und Schneidsand durch den 14 Zentimeter dicken Stahl.

430 000 Tonnen Material sind in Würgassen zu entsorgen. Das meiste wandert ins Recycling, 5000 Tonnen verbleiben als schwacher und mittelaktiver Abfall. Dieser soll im Endlager Konrad in Salzgitter landen – sobald dieses bereitsteht. In der Schweiz wird es ähnlich laufen: Das radioaktive Material des Kernkraftwerks im bernischen Mühleberg etwa ist für das geplante geologische Tiefenlager bestimmt. Bis dieses fertig ist, wird es im Zwischenlager im aargauischen Würenlingen gelagert, wie der BKW-Sprecher Sebastian Vogler erklärt. Die BKW rechnen mit einer Rückbauzeit von 12 bis 15 Jahren.

In Würgassen sorgen derzeit 600 Arbeiter von 50 Firmen dafür, dass das stillgelegte AKW wieder vom Erdboden verschwindet. Zwar handelt es sich laut Mediensprecher Klimmek kaum um hochspezialisierte Firmen, sondern um solche, die schon Arbeiten im Kraftwerk erledigten, als es noch Strom lieferte. Trotzdem ist die viele Handarbeit teuer: 1,3 Milliarden Franken wird der Abbruch des Meilers am Schluss kosten, 18 Jahre wird er insgesamt dauern.

In der Schweiz liegen die veranschlagten Kosten hingegen laut einer im Auftrag des Bundesamtes für Energie erstellten Studie bei 2,2 Milliarden Franken – für fünf Blöcke. Der Abbruch etwa des AKW Mühleberg ist mit nur knapp 380 Millionen Franken veranschlagt. Woher rührt diese Differenz zu Deutschland? Ein Grund ist, dass sich die verschiedenen Abbauarten kaum miteinander vergleichen lassen, so Reinhold Paul, Projektleiter bei der deutschen Ingenieurfirma NIS, die Rückbaukosten ermittelt. Zudem sei Würgassen kein gutes Beispiel, sei es doch dort im Rückbau zu Problemen gekommen. Würgassen ist eines der ersten Abbruch-AKW der Welt.

Reinhold Paul arbeitet derzeit eine neue Kostenstudie für die Schweiz aus. Er will nicht kommentieren, ob den Schweizer AKW-Betreibern höhere Kosten drohen. Laut einer Sprecherin des Bundesamtes für Energie wird die neue Studie Anfang nächsten Jahres veröffentlicht. Die Atombranche zerstreut Bedenken, es drohe ein Finanzierungsloch: Die Kosten für den Abbruch der AKW und die Entsorgung des Abfalles sind im Strompreis inbegriffen und fliessen in zwei Fonds, erklärt Roland Bilang vom Nuklearforum. Die BKW könnte eine Verteuerung der für das AKW Mühleberg vorgesehenen Stilllegungskosten zudem bis zu einem gewissen Grad aus eigenen Reserven berappen. Die Axpo hat laut Sprecherin Anahid Rickmann keine Reserven gebildet, die über die Beträge in der Kostenstudie hinausgehen. Der Vergleich von Abbruchkosten verschiedener AKW sei wegen unterschiedlicher Bauarten und Technologien der Anlagen «spekulativ».

Hundert Jahre entsorgen

Dennoch bleibt der Abbruch eines Atommeilers ein Spiel mit vielen Unbekannten. Der deutsche Stromgigant E.ON, Betreiber des AKW Würgassen, sammelt die Erkenntnisse aus dem Abbruch in einer speziellen Datenbank. So will er weitere Abbruchaktionen schneller und günstiger machen. In Grossbritannien kümmert sich gar eine eigene Regierungsorganisation um nichts anderes als den Abbruch von alten Atommeilern. Dort stehen die ältesten Reaktoren der Welt. Die Regierung gründete die Nuclear Decommissioning Agency (NDA), um das Abbruchprogramm einer Gesamtleitung zu unterstellen. Das macht Sinn: Über 750 Millionen Franken kostet es, einen der britischen Altmeiler abzureissen. Seit der Wirtschaftskrise sind jedoch die Budgets knapper. Eine der Aufgaben der NDA ist es, die Kosten für die Entsorgung der Reaktoren zu senken, wie Mediensprecher Bill Hamilton sagt.

Und so entwickelten Techniker mit Hilfe der NDA innovative Geräte – etwa ein kleines Gefährt, das aussieht wie ein halbierter Fussball auf vier Rädern. Ferngesteuert dringt es in heikle Gebäudeteile ein und misst die Radioaktivität. «Wir entwickeln hier in Grossbritannien Fähigkeiten, die wir bald Ländern rund um den Globus anbieten können», erklärt Hamilton – eine neue Exportindustrie, die aus der Erkenntnis geboren wurde, dass in Grossbritannien die Arbeitskräfte für die geplanten AKW-Stilllegungen knapp werden könnten. Seit den 80er-Jahren hat das Land keine neue Reaktoren mehr gebaut, das Personal ist mit seinen Anlagen gealtert, Nachwuchskräfte mieden die todgeweihte Atomindustrie.

Die NDA gab Gegensteuer – laut Hamilton mit Erfolg. Gleich vor seinem Fenster wächst derzeit ein Gebäude in die Höhe, in dem Ingenieure sogar ein Doktorat in Nuklearer Entsorgung machen können.Doch wer ergreift schon einen Beruf, der sich selber abschafft? Hamilton lacht: «Nur schon die Entsorgung eines unserer Atomkraftwerke dauert hundert Jahre. Wer sich heute für einen Beruf in unserer Branche entscheidet, hat genug Arbeit bis ans Lebensende.»

Hamilton hofft, dass auch Schweizer Atomkraftwerke dereinst auf das Abbruch-Know-how des Atompioniers Grossbritannien zählen werden. Das ist nicht abwegig: Laut BKW-Sprecher Vogler wird man auch in Mühleberg auf spezialisierte Firmen aus dem Ausland setzen. Allerdings: «Wenn sehr viele Kernanlagen gleichzeitig zurückgebaut werden, könnte ein Mangel an Spezialkräften und Strahlenschutzpersonal entstehen», sagt Vogler. Angesichts der düsteren Perspektiven für die Kernenergie sollte die Schweiz wohl schon mal ein paar Abbruchspezialisten ausbilden.

 

Anzeige