Tata hat vor ein paar Wochen die Autowelt aufgerüttelt: Der Nano, Tatas-Günstigauto, soll – umgerechnet – lediglich 2700 Fr. kosten und wäre damit der weltweit billigste Personenwagen. Experten sprechen von einer Revolution in der Automobilindustrie, weil mit dem Nano die Preisstruktur der etablierten, vor allem europäischen Hersteller in Frage gestellt wird. Und jetzt der zweite Streich aus Indien: Tata kauft die beiden britischen Traditionsmarken Jaguar und Land Rover. Dies sei wie ein kleiner Rachefeldzug, witzelt ein Marktanalyst: «Die einstige Kolonie geht auf Shoppingtour in der einstigen Kolonialmacht.» Niemand kümmert es, dass dieser Vergleich nicht ganz stimmt, denn Jaguar und Land Rover gehörten bisher zum amerikanischen Ford-Konzern.

Tata ist finanziell potent

Vielmehr interessiert die Frage, ob die Inder überhaupt in der Lage sind, den Charakter und die Ausstrahlungskraft der Jaguar- und Land-Rover-Modelle zu erhalten, denn dies wird für das Weiterbestehen beider Marken absolut entscheidend sein. Skepsis schwingt in dieser Frage mit, vom finanziellen Aspekt her gesehen ist die Tata Group allerdings der bessere Partner als der bisherige, krisengeplagte Mutterkonzern aus den USA. Denn Tata ist finanziell potent.

Dieser Meinung ist auch Stephan Vögeli, Managing Director Jaguar Land Rover Schweiz AG, die zur Emil-Frey-Gruppe gehört. Vögeli macht in Safenwil AG klar, dass die neuen Eigentümer sehr wohl mit Traditionen, aber auch mit technischem Fortschritt umzugehen wüssten (siehe auch «Nachgefragt»).

Wichtigste Aufgabe für den neuen Eigentümer ist, die bestehenden Modelle weiterzuentwickeln. In dieser Beziehung hat Ford Vorarbeit geleistet, denn der neue Jaguar XF, ein Limousinen-Coupé, steht kurz vor seiner Markteinführung. Zudem wurde das Sportcoupé XK total überarbeitet.

Auch die Land-Rover-Palette, mit dem Flaggschiff Range Rover, ist noch unter Ford erneuert worden, und das «Urgestein» dieser Marke, der Land Rover Defender, feiert zudem sein 60-jähriges Jubiläum, was mit einem starken Marketing ausgenutzt werden soll.

Weiterer Schritt nach Europa

Viel wird nun davon abhängen, wie Kunden – eingefleischte Jaguar-Fahrer etwa – auf die neuen Besitzverhältnisse reagieren. Stephan Vögeli gibt sich optimistisch. Mit dem Kauf der britischen Traditionsmarken sei eine neue Kraft auf dem globalen Automobilmarkt aufgetaucht, mit der bis vor kurzem noch kaum jemand gerechnet habe. Die Tata Group, sie stellt neben Autos auch Konsumgüter und Maschinen her, war zwar bisher in Asien eine ernst zu nehmende Grösse, doch mit der Entwicklung des Kleinwagens Nano und dem Kauf von Jaguar und Land Rover hat sie nun den ersten Schritt Richtung der automobilen Schlüsselmärkte Europa und USA getan.

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