Daimler kommt bei den Kartellvorwürfen gegen die deutschen Autobauer womöglich mit einem blauen Auge davon. Die Stuttgarter zeigten mögliche Wettbewerbsverstösse Industriekreisen zufolge als Erste bei den Behörden an, noch vor Volkswagen. Auf die Frage, wer von den beiden Autobauern sich als Erster geoutet habe, sagte eine Person mit Kenntnis der Beratungen am Dienstag Reuters: «Die Daimlers

Weder Volkswagen noch Daimler äusserten sich dazu. Auch das deutsche Kartellamt lehnte einen Kommentar ab. «Süddeutsche Zeitung», NDR und WDR hatten zuerst über Daimlers Sieg im Kronzeugen-Wettlauf berichtet. Wer gegenüber den Kartellämtern über rechtswidrige Absprachen aufklärt, kann auf Straffreiheit hoffen. Im 2016 geahndeten Lkw-Kartell war dies die VW-Tochter MAN. Sie blieb straffrei, während Daimler als führender Hersteller die grösste Busse leisten musste.

Brüssel untersucht den Verdacht

Die EU-Kommission geht derzeit dem Verdacht illegaler Absprachen von VW, Audi, Porsche, Daimler und BMW in der Pkw-Entwicklung nach. Der «Spiegel» berichtete, die Autobauer hätten sich seit den 90er Jahren in mehr als 60 Arbeitskreisen über Technik, Kosten, Zulieferer, Märkte und Strategien abgestimmt. Sollten die Vorwürfe zutreffen, wäre dies eines der grössten Kartelle der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

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Neben milliardenschweren Strafen bedeutet das einen weiteren Image-Schaden für die Autoindustrie, die schon wegen zu hoher Diesel-Abgaswerte unter Betrugsverdacht steht. Der Chef der Gewerkschaft IG-Metall von Bayern, Jürgen Wechsler, forderte, die Vorgänge komplett aufzuklären. «Es wäre unverantwortlich, wenn durch unrechtmässiges Handeln unsere Technologieführerschaft aufs Spiel gesetzt und damit Arbeitsplätze gefährdet würden», erklärte er. Alle Autokonzerne hüllen sich bisher in Schweigen.

VW darf auf mildere Strafe hoffen

Ausgangspunkt für die Selbstanzeige von Volkswagen waren dem Insider zufolge Durchsuchungen des deutschen Kartellamts wegen eines Stahlkartells vor gut einem Jahr. Daraufhin habe man sich auch andere Dinge angeschaut. Als klar geworden sei, dass bestimmte Verhaltensweisen unter Wettbewerbsgesichtspunkten grenzwertig sein könnten, habe sich VW entschieden, dies gegenüber den Behörden offenzulegen.

Damit müsste sich VW im Falle einer Kartellstrafe mit einem Strafnachlass begnügen. Denn nach den EU-Bestimmungen wäre für die Wolfsburger ein Abschlag von maximal 50 Prozent möglich. Das hängt davon ab, wie sehr die Informationen von VW zur Aufklärung beitragen. Die Mutmassungen über Daimlers Straffreiheit und die höhere Belastung der anderen Autokonzerne spiegelte sich in den Aktienkursen wider. Daimler-Aktien konnten sich am Dienstag meist leicht im Plus halten, während VW und BMW sanken.

Verbandspräsident fordert Rechtstreue

Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann, forderte im «Handelsblatt» von seinen Mitgliedsunternehmen absolute Rechtstreue. Dafür sei eine ähnliche «Null-Fehler-Toleranz» notwendig wie bei der Sicherheit von Autos. Ein Kulturwandel sei auch schon im Gang. «Jeder ist sich klar darüber geworden, dass solch schwere Fehler zu existenziellen Krisen führen», sagte Wissmann.

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Neben dem Schock des VW-Dieselskandals um den Verstoss gegen Abgasregeln durch eine Manipulation der Motorsteuerungssoftware trugen dazu womöglich auch saftige Kartellstrafen bei. Die EU-Kommission hatte 2016 gegen vier Lkw-Hersteller Geldbussen in Höhe von knapp drei Milliarden Euro verhängt. Daimler musste rund eine Milliarde zahlen. Der Konzern habe sich deshalb ab 2011 aus kartellverdächtigen Arbeitskreisen der fünf deutschen Herstellern teilweise zurückgezogen, wie die «Süddeutsche Zeitung» weiter berichtete.

Gute Zahlen erwartet

Die Geschäftszahlen der Autobauer sollen in dieser Woche unterdessen für einen Lichtblick sorgen. Analysten erwarten von Daimler am Mittwoch ein Umsatzplus von sieben Prozent auf gut 41 Milliarden Euro im zweiten Quartal und einen operativen Ergebnissprung um fast 17 Prozent auf 3,8 Milliarden Euro.

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VW-Zahlen folgen am Donnerstag: Nach Prognosen kletterte der Konzernerlös von April bis Juni um fünf Prozent auf knapp 60 Milliarden Euro. Für den um Sondereffekte wie Dieselrückstellungen bereinigten Betriebsgewinn erwarten die Analysten mit 4,5 Milliarden Euro knapp drei Prozent mehr als vor einem Jahr.

(reuters/mbü)