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Autoversicherungen werden deutlich billiger

Unfälle: In den nächsten 20 Jahren sollen Autounfälle um bis zu 80 Prozent abnehmen. Keystone

Dank technischem Fortschritt gibt es immer weniger Unfälle und die Prämien sinken. Weniger erfreulich ist diese Entwicklung für die Versicherungsbranche. Diese muss neue Geschäftsfelder suchen.

Veröffentlicht am 13.06.2016

Das dürften gute Nachrichten für alle Autofahrer sein: Die Preise für Haftpflichtpolicen sowie für die Absicherungen von Schäden am eigenen Fahrzeug werden markant günstiger. Damit kommt aber die Assekuranz gewaltig unter Druck.

Die Hauptgründe für diese Entwicklung liegen im technischen Fortschritt. Dieser erhöht nämlich die Sicherheit im Strassenverkehr enorm. Innovationen, die für diesen Trend stehen, heissen zum Beispiel elektronische Ampel- oder Verkehrszeichen-Erkennung, automatische Auffahrwarnung mit Bremsfunktion oder Spurhalteassistent. Letzterer hält das Fahrzeug innerhalb der Fahrbahnmarkierungen.

Technische Hilfsmittel senken Umfallrisiko

Neben solchen Neuerungen gibt es weitere elektronische Helfer, die rasanten Einzug in Fahrzeuge halten und das Autofahren vereinfachen. So gibt es etwa Einparkhilfen, Nachtsicht-, Fernlicht- sowie Tote-Winkel-Assistenten oder Warnsysteme vor aufkommender Müdigkeit, die mittels Kameras und Sensorik die Lenkbewegungen sowie die Kopfhaltung der Fahrer überwachen.

Ziel all dieser technischen Hilfsmittel ist es, Unfälle jeglicher Art zu vermeiden. Je weniger Unglücke sich im Strassenverkehr ereignen, desto weniger müssen Verkehrsteilnehmer für ihre Versicherungspolicen bezahlen. Denn der Preis von Versicherungsschutz hängt direkt vom erwarteten Schadenvolumen ab.

Eindeutige Zahlensprache

Der Effekt ist enorm. Mehrere Studien bestätigen diesen Trend. Unter ihnen eine Analyse des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG, nach der die Zahl der Autounfälle in den kommenden zwei Jahrzehnten um sage und schreibe rund 80 Prozent zurückgehen soll. Als Folge davon gehen laut den Autoren je nach technischer Entwicklung die Preise für Autoversicherungen in den nächsten 25 Jahren um bis zu 45 Prozent zurück.

Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma PwC kommt für den amerikanischen Markt zum Schluss, dass das Schadenvolumen bis zum Jahr 2035 mit dem Einzug neuer Technologien bei Fahrzeugen um rund 20 Prozent sinken wird. Dabei legt PwC konservative Annahmen zugrunde.

Revolution im Anmarsch

Auch der Rückversicherer Swiss Re hat unlängst eine Studie zu diesem Thema publiziert und spricht von einer Reduktion der Schadenhäufigkeit auf Autobahnen – je nach Ausmass der Technik, die zum Einsatz kommt – um 45 Prozent bis 2020, also um fast der Hälfte in nur wenigen Jahren. Auch die Schwere der Unfälle und damit die Wiederherstellungskosten sollen deutlich abnehmen.

Eric Schuh, Rückversicherungsmanager bei Swiss Re, spricht gegenüber der Nachrichtenagentur sda sogar davon, dass es in diesem Bereich eine Revolution geben wird und nicht mehr von einer Evolution gesprochen werden könne. Er ist sich sicher, dass die Preise für Motorfahrzeugversicherungen über die Zeit fallen werden.

Weitere Risiken bleiben

Laut Schuh gibt es neben den rein technischen Neuerungen in den Fahrzeugen einen weiteren Effekt, der zu weniger Unfällen und zur Preisreduktion bei Versicherungen führen wird. Die Fahrzeuge, die heutzutage noch relativ individuell und unabhängig voneinander im Strassenverkehr unterwegs sind, würden nämlich immer mehr vernetzt. Autofahrer erfahren dadurch zum Beispiel künftig automatisch von aufkommenden Staus und allein dadurch knallt es dann auch viel weniger.

Die Euphorie für günstigere Prämien bei Motorfahrzeugen dämpft der Swiss-Re-Experte allerdings etwas, denn die Risiken, zum Beispiel einen Hagelschaden am Auto zu haben oder Opfer eines Diebstahls zu werden, bleiben trotz der technischen Revolution unverändert bestehen.

Einbussen für die Branche

Was die Autofahrer freut, bereitet der Versicherungsindustrie ziemliches Kopfzerbrechen. Swiss Re schätzt das weltweite Prämienvolumen für Motorfahrzeugversicherungen, eine der wichtigsten Sparten der Assekuranz, derzeit auf rund 700 Milliarden Dollar. Rund 500 Millionen Dollar entfallen auf die entwickelte Welt und rund 200 Millionen Dollar auf Schwellenländer. In der Schweiz betrugen die Einnahmen bei Autoversicherungen laut neuesten Verbandszahlen rund 6 Milliarden Franken.

Bricht nun als Folge des technischen Fortschritts bei Fahrzeugen binnen kürzester Zeit ein Grossteil dieser Einnahmen bei den Versicherungsgesellschaften weg, müssen die Firmen ihre Kapazitäten deutlich reduzieren und gleichzeitig neue Geschäftsfelder suchen.

Neue Geschäftsfelder erschliessen sich

Ein Lichtblick dürfte laut Experte Schuh allerdings sein, dass ein Teil der rückläufigen Einnahmen bei Motorfahrzeugpolicen von der Produkthaftung der technischen Gerätschaften sowie von Beiträgen für Cyber-Risiken bei der Vernetzung aufgefangen werden dürfte.

Und kommt es eines Tages dazu, dass die Menschheit zu einem gänzlich autonomen Autofahren übergeht, also dass ein Autopilot das Fahrzeug komplett selbständig steuert, während Insassen E-Mails beantworten oder Musik hören, so entstehen völlig neue Haftungsfragen um die Verantwortung bei Unfällen. Doch bis das geklärt ist, dürfen sich die Autobesitzer zunächst über deutlich günstigere Policen für ihre Motorfahrzeuge freuen.

(sda/jfr/ama)

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