Wenn wir kein Glück haben, wird es zu einem Interregnum kommen. Doch dieser Zustand darf nicht ewig dauern.» Voller Sorge blickt Paul Kurrus, Präsident von Aero-suisse, dem Dachverband der Luft- und Raumfahrt in der Schweiz, und früherer FDP Nationalrat, auf die Vakanz an der Spitze des Bundesamts für Zivilluftfahrt (Bazl). Mit ihm fürchten politische Aviatikkreise, dass es im Bazl zu einer längeren Übergangslösung kommen könnte und wichtige Pendenzen liegen blieben.

Noch bis 15. September 2008 läuft die Ausschreibung des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) von Bundesrat Moritz Leuenberger (siehe «Nachgefragt») für die Nachfolge Raymond Crons. Dieser wird die Behörde nach viereinhalb Jahren Ende November verlassen und in die Privatwirtschaft zurückkehren (siehe auch «Handelszeitung» Nr. 34 vom 20. August 2008). Es ist denkbar, dass Matthias Suhr, Crons Stellvertreter, die Leitung ad interim übernimmt.

«Eier legende Woll-Milch-Sau»

Ähnlich wie Paul Kurrus urteilt CVP-Generalsekretär Reto Nause, von 2000 bis 2001 Geschäftsführer von Aeropers, der Vereinigung des Cockpitpersonals der ehemaligen Swissair: «Das Bazl ist dank Cron gut aufgestellt, weshalb ein gewisses Führungsvakuum zu verkraften sein wird. Aber mehr als drei Monate sollte es nicht dauern.» Bei einer solchen Kaderfunktion lasse sich das jedoch kaum verhindern.

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Das Anforderungsprofil sei äusserst anspruchsvoll, sagen Nause und Kurrus übereinstimmend. Der neue Bazl-Direktor müsse Politiker und Diplomat sowie Manager und Beamter in einem sein. Nause: «Das erfüllt niemand zu 100%.» Die beiden Aviatikexperten sprechen gar von einer «Eier legenden Woll-Milch-Sau».

«Es braucht jemanden an der Spitze, der sich in der Luftfahrt auskennt», sagt Kurrus. Weitere Anforderungen: Politisch dürfe er kein Prediger der allgemeinen Grosswetterlage sein. Wirtschaftlich müsse er sich auskennen. Zudem sollte er unnötige innere Widerstände zwischen der Luftfahrtbranche und dem Bundesamt vermeiden. Er müsse ein Team-Player sein, weil das Bazl viele personelle Veränderungen erfahren habe.

Erschwerend ist laut Kurrus, dass die Einarbeitungszeit des neuen Direktors praktisch gleich null sei. «2009 kommt die Anpassung des Artikels 86 der Bundesverfassung zur Abstimmung.» Damit soll die Grundlage für eine Spezialfinanzierung für Aufgaben des Luftverkehrs geschaffen werden. Im Gegensatz zur Verbrauchssteuer auf Treibstoffen für Fahrzeuge werden die Erträge der Mineralölsteuer auf Flugtreibstoffen bisher nicht für den Luftverkehr verwendet. Eine weitere Herausforderung stelle die Teilrevision des Luftfahrtgesetzes dar.

Position von Swiss und Unique

Auch die Airlines und Airports hoffen auf eine kurze Übergangslösung. Franco Gullotti, Leiter der Medienstelle von Swiss, sagt: «Im Hinblick auf die grosse volkswirtschaftliche Bedeutung der Schweizer Zivilluftfahrt und der laufenden Dossiers, etwa DVO und SIL, ist es für uns wichtig, dass die Nachfolge rasch geregelt wird.» DVO steht für Durchführungsverordnung. Damit sind die von Deutschland einsei-tig verordneten Anflugsbeschränkungen auf Zürich gemeint, profan als «Fluglärmstreit» bekannt. SIL heisst Sachplan Infrastruktur der Luftfahrt. Dieser Prozess bildet die Basis für die Betriebsreglemente der Schweizer Flughäfen.

Thomas Kern, CEO der Unique (Flughafen Zürich AG), meint: «Es dürfte nicht einfach sein, im engen zur Verfügung stehenden Zeitfenster einen Nachfolger zu finden. Die Position ist sehr anspruchsvoll und vor dem Hintergrund der zahlreichen Projekte für uns von grosser Bedeutung.» Das Stichwort dazu lautet: Gekröpfter Nordanflug. Das Bazl hat anfangs Juli das erste Gesuch des Flughafens Zürich abgelehnt. Kerns Wunsch an den neuen Bazl-Direktor ist: «Er muss in der Lage sein, die Bedürfnisse der Luftfahrt mit den volkswirtschaftlichen Interessen unseres Landes unter einen Hut zu bringen und ? auch gegenüber dem Bundesrat ? durchzusetzen.»

Eines sehen jedoch alle befragten Aviatiker gleich: Raymond Cron habe in seiner Amtszeit einen guten Job gemacht und das Bazl wieder auf Vordermann gebracht. Paul Kurrus gibt aber zu bedenken: «Ich habe noch nie einen Amtsdirektor gesehen, der in so kurzer Zeit eine so hohe Dossiersicherheit hatte. Er hat x Baustellen gut aufbereitet ? und nun geht der Chef von Bord. Das macht uns natürlich Bauchweh.»


NACHGEFRAGT

«Es wird kein Dossier brachliegen»

Bundesrat Moritz Leuenberger steht als Leiter des Departements Uvek dem Bundesamt Bazl vor.

Wie weit sind Sie mit der Nachfolgeregelung für Bazl-Direktor Raymond Cron? Wird es per 1. Dezember 2008 zu einer Übergangslösung kommen oder werden Sie schon einen neuen Chef haben?

Moritz Leuenberger: Die Ausschreibung läuft. Ich kenne noch nicht einmal alle Bewerber und auch nicht ihre Disponibilität für den Arbeitsbeginn. Alles ist noch offen. Die Stellvertretung ist für den Fall der Fälle geregelt.

Weshalb muss der neue Bazl-Chef nicht unbedingt ein Aviatiker sein? Wäre dies nicht von Vorteil?

Leuenberger: Raymond Cron war auch nicht Aviatiker. Christoph Franz, Chef der Swiss, ist nicht Pilot, Andreas Meyer, Chef der SBB, ist nicht Lokomotivführer, und ich bin nicht Tunnelingenieur. Aviatische Kenntnisse sind von Vorteil, aber nicht zwingend. Genau so wichtig sind Erfahrungen in der Politik und im Management.

Welche pendenten Bazl-Dossiers dürfen trotz des Abgangs von Raymond Cron und warum nicht brachliegen? Vor allem rund um den Flughafen Zürich gibt es noch einige offene Fragen.

Leuenberger: Kein Dossier wird brachliegen. Bei jedem Wechsel in der Führung gibt es offene Dossiers und offene Fragen. Das Bazl wird seine Arbeit weiterhin wie gewohnt verrichten.

Soll der Nachfolger von Raymond Cron den aufgenommenen Kurs des Bazl fortsetzen oder gibt es Bereiche, in denen der neue Chef gleich zuzupacken hat?

Leuenberger: Der Kurs des Bazl wird durchs Uvek bestimmt. Irgendeine Änderung ist nicht vorgesehen. Auch Crons Nachfolger wird primär den Auftrag haben, die Sicherheit der Schweizer Luftfahrt ständig zu überprüfen und zu verbessern.

Wie sehr wurmt es Sie, dass Raymond Cron überraschend plötzlich kündigt, obwohl Sie ihm während des Batigroup-Verfahrens sowie nach seiner Verurteilung stets den Rücken gestärkt haben?

Leuenberger: Ich habe noch nie einen Mitarbeiter daran gehindert, sich beruflich zu verändern, auch wenn ich seinen Weggang bedauert habe.

Inwiefern hat seine Kündigung mit Differenzen zwischen ihnen zu tun? Etwa beim gekröpften Nordanflug schienen Sie sich nicht einig.

Leuenberger: Ich weise eine solche Unterstellung auf das Entschiedenste zurück. Über den gekröpften Nordanflug entschied das Bazl als zuständiges Fachamt nach objektiven Sicherheitskriterien. Bei der Beurteilung dieser objektiven Kriterien gab es zu keiner Zeit Differenzen zwischen mir und Bazl-Direktor Cron. Andere Behauptungen sind schlichtweg falsch.


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