Henri de Castries, CEO der Axa-Gruppe, sieht seine Branche in einem grundlegenden Wandel. Während einer Veranstaltung seines Versicherungskonzerns in Zürich nahm er dazu kein Blatt vor den Mund: «Viele Geschäftsmodelle wird es in zehn, fünfzehn Jahren nicht mehr geben. Es wird zwar neue Jobs geben, aber es werden auch Stellen verschwinden.» Innert fünf Jahren müsse eine Lösung gefunden werden, warnt De Castries. «Sonst sind wir tot.»

Die Versicherungswirtschaft müsse dringend neue Geschäftsmodelle entwickeln, denn Big Data und die Digitalisierung des Kundenkontaktes werden alles verändern. «Sehr grosse Firmen könnten verschwinden, und sie werden auch verschwinden», fuhr De Castries fort, «möglicherweise werden die mittelgrossen Firmen überleben.»

Zwei Junge können ganze Branche verändern

Es könnten aber auch die ganz Kleinen sein, welche die Branche fundamental verändern. «Die neuen Risiken sind asymmetrisch», sagte De Castries, «zwei junge Menschen können heute die Gleichgewichte in der Politik, aber auch im Geschäft verändern.»

Bestehende und traditionelle Grenzen gelten nicht mehr, neue Abgrenzungen werden relevant. «Wir möchten zu den Gewinnern gehören», erklärte De Castries gegenüber der «Schweizer Versicherung», «und dafür geben wir pro Jahr 400 Millionen Euro aus.» Axa stellte Anfang Juni zudem drei neue Aktivitäten in Asien vor, die ihren Betrieb Ende des Jahres aufnehmen sollen: In Shanghai eröffnete man ein «Lab Asia», in Singapur ein «Daten Innovations-Lab» und in Hongkong ein Büro, das sich um strategische Venture-Investitionen kümmern soll.

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Vieles parallel und gleichzeitig

Der Verbund dieser drei Ableger soll sicherstellen, dass die angestrebten ambitiösen Ziele auch erreicht werden: Ausgehend von einer gegenwärtigen Kundenbasis von 14 Millionen Kunden will man bis zum Jahr 2030 100 Millionen Kunden in der Region abdecken. Bei Axa begründet man das strategische Ziel auch mit der sich wandelnden Bedeutung Asiens. Die Bevölkerung und insbesondere die Mittelklasse würden stark wachsen, der Wohlstand steige und damit steige auch der Bedarf an modernen Versicherungslösungen.

«Die Entwicklungen werden heute von fünf grossen IT-Konzernen aus den USA vorangetrieben», erklärt Nick Sohnemann, Innovationsberater, Gründer und CEO der Firma Futurecandy. Und dabei gebe es nicht mehr einzelne Trends, die jeweils in einem Jahr wirken und gültig sind. «Es gibt vielmehr parallel viele Entwicklungen, die alles gleichzeitig und sehr rasch verändern.»

Niemand wartet auf die Europäer

«Die Fintech-Firmen liefern oft die bessere User-Experience als die grossen Unternehmen», so Sohnemann weiter. «Wenn man ein neues Bankkonto eröffnen will, werden gerade die jüngeren Menschen den einfacheren digitalen Weg bevorzugen.» Und auch der Blick nach Asien lohnt sich hier, wie de Castries im Gespräch sagte. «Auch deshalb verstärken wir unsere Präsenz in der Region.»

Denn gerade in China stehen mit den grossen Versicherungen Ping An, PICC, China Pacific und China Life sowie den Finanzdienstleistern beziehungsweise E-Commerce-Unternehmen AliBaba/AliPay, Tencent und Baidu überaus rasch reagierende, innovative und kolossal grosse Konkurrenten bereit, die sich untereinander nichts schenken – und der Konkurrenz aus dem fernen Europa erst recht nicht.

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Dieser Artikel ist zuerst in der «Schweizer Versicherung» erschienen unter dem Titel «Neue Lösung oder Tod».