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Axpo: Falsche Gegner

Glückwünsche des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew auf der russischen Konkurrenz-Pipeline Nord Stream.

Bundesrätin Leuthard weibelt für das Gaspipelineprojekt TAP der Stromfirma. Hilfe tut not, denn die Konkurrenz für das Projekt ist gross.

Von Jürg Meier
am 16.11.2011

Fünf dürre Figuren tragen auf ausgestreckten Armen einen riesigen Globus. Dieser ist aus Dutzenden Türschlüsseln geformt. Die über eineinhalb Meter hohe Eisenskulptur ist auf vielen Fotos aus Doris Leuthards Büro zu sehen. «Schlüssel zum Erfolg» heisst das Kunstwerk. Leuthard erhielt es von der Energiefirma EGL als Abschiedsgeschenk. Zwischen 2002 und 2006 sass sie im Verwaltungsrat des Stromhändlers, der nun zum Nordostschweizer Stromriesen Axpo gehört. Nach ihrer Wahl in den Bundesrat 2006 musste sie das Gremium verlassen.

Nun hoffen EGL und Axpo, dass Leut­hard zum Erfogsschlüssel ihres wichtigsten Projektes wird. Sie sind an einer Pipeline beteiligt, die ab 2017 Gas aus dem ­Kaukasus nach Italien transportieren soll (siehe Kasten). Das Förderkonsortium in Aserbaidschan will bis Ende Jahr entscheiden, ob ihr Gas durch Trans-Adriatic Pipeline (TAP) fliessen wird oder ob eines der Konkurrenzprojekte zum Zug kommt.

Mitte Oktober reiste Leuthard in Begleitung von EGL-Chef Hans Schulz nach Baku. Hauptziel des Trips in die aserbaidschanische Hauptstadt war es, die TAP zu unterstützen, wie es in einer Mitteilung des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) heisst. Die Unterstützung kommt wie gerufen. Kurz bevor die TAP Anfang Oktober ihr Angebot einreichte, ist aus heiterem Himmel ein neuer Konkurrent aufgetaucht. Zudem mischt im Hintergrund Russland im Kampf um das Gas aus Aserbaidschan mit.

Konkurrenz aus Grossbritannien

Neben der TAP waren bisher nur zwei andere Projekte im Rennen, der Interconnector Turkey-Greece-Italy (ITGI) sowie Nabucco, das von einer Reihe europäischer Firmen getragene Grossprojekt, das auch Favorit der EU ist (siehe Grafik). Im Laufe der Zeit wurden die Karten der TAP immer besser. Das Projekt Nabucco kann zwar dreimal so viel Gas transportieren wie die TAP. Doch genau das ist ihr Problem. In naher Zukunft gibt es im kaspischen Raum nur gerade Gas aus Aserbaidschan. Das reicht nicht, um Nabucco zu füllen. Mit der italienischen Edison und der griechischen Depa stehen zwei Firmen hinter dem Vorhaben ITGI, die in finanziellen Problemen stecken.

Das in letzter Minute angekündigte neue Projekt könnte nun aber der TAP die Suppe versalzen. Es stammt aus der Küche des Energieriesen BP, der für die Gasförderung im aserbaidschanischen Feld Shah Deniz zuständig ist (siehe Kasten). Es läuft unter dem Titel «South East Europe Pipeline» (SEEP). «Man könnte fast sagen, dass diese Pipeline eine zurechtgestutzte Ver­sion des Nabucco-Projekts ist», sagt Gerhard Mangott, Professor für internationale Politik an der Universität Innsbruck. Das macht den neuen Konkurrenten für TAP gefährlich. Kann die Europäische Union ihr Lieblingsprojekt Nabucco nicht bauen, dann wirft sie ihr ganzes Gewicht möglicherweise hinter die Leitung von BP. ­Experte Mangott räumt der BP-Pipeline darum bessere Chancen ein als der TAP.

TAP-Vertreter nehmen die neue Konkurrenz vordergründig gelassen. «Bei der Planung oder der Einholung von Genehmigungen sind wir weit voraus», sagt ein Sprecher. Ganz ungefährlich ist der neue Konkurrent aber offenbar doch nicht. TAP habe sich ein Zusammengehen noch nicht konkret überlegt. «Zwischen den beiden Projekten könnte es aber interessante Synergien geben», so der Sprecher.

Für die TAP gibt es jedoch noch andere Hürden. Auch der russische Staatskonzern Gazprom hat angeboten, das Gas aus Aserbaidschan zu kaufen. Damit würde er die ungeliebten Konkurrenzprojekte wie TAP oder Nabucco ausbremsen. Die Rus­sen offerieren dabei einen besseren Preis als die TAP oder ihre Konkurrenten, wie Experte Konstantin Simonow von der russischen Stiftung für nationale Energie­sicherheit sagt.

Wie gross ist diese Gefahr für TAP? Das letzte Wort bei der Vergabe des Gases hat gemäss den meisten Experten die aserbaidschanische Regierung. Sie wird laut Russland-Experte Mangott ihr Gas kaum an Russland verkaufen. «Moskau kann ein sehr unangenehmer Geschäftspartner sein», sagt Mangott. Das musste etwa Turkmenistan erfahren. Das Land hat einen gültigen Abnahmevertrag mit Russland. «Als die Rus­sen in der Wirtschaftskrise merkten, dass sie weder das Volumen brauchen noch den Preis bezahlen können, liessen sie im Jahr 2009 eine Gasleitung explodieren und gaben den Turkmenen die Schuld daran.»

Russland «muss man ernst nehmen»

Andere Kenner der Situation sind sich da nicht so sicher. Laut einem Industrie­insider müsse man ein Angebot Russland «immer ernst nehmen». Aserbaidschan müsse sich ja auch überlegen, ob es seinen grossen Nachbarn verärgern wolle. Und Experte Konstantin Simonow glaubt zwar nicht daran, dass sich Aserbaidschan auf einen exklusiven Deal mit Russland einlassen wird. Trotzdem habe das Angebot Russlands einen enormen Einfluss auf den Kampf um die aserbaidschanischen Gasvorkommen. Dank dem guten Angebot der Gazprom könne sich Aserbaidschan einen Vertrag mit der TAP oder einem Konkurrenten viel teurer erkaufen. Zum einen treibe Aserbaidschan den Preis bei der Gazprom-Konkurrenz aus Westeuropa in die Höhe, so Simonow. Zum anderen will sich das Land als Gegenleistung die politische Unterstützung Europas sichern, insbesondere in der Auseinandersetzung um Bergkarabach. Völkerrechtlich gehört das Gebiet zu Aserbaidschan. Seit den 90er-Jahren ist es aber von Armeniern besetzt.

Ein von Wikileaks veröffentlichter diplomatischer Report der US-Botschaft in Baku belegt, wie wichtig den Aserbaidschanern die politische Dimension des Gasdeals ist. Präsident Ilham Alijew erklärte 2008, die Entwicklung der Gasvorkommen in seinem Land erfolge nicht aus ökonomischen Gründen, denn sein Land verdiene mit Öl genug Geld. Damit stellt sich die Frage, was die kleine Schweiz den Aserbaidschanern politisch zu bieten hat. Gut möglich, dass Bundesrätin Leuthard nicht zum letzten Mal in Baku war.

Autor: Jürg Meier

 

Gas: Neues Vorkommen in Aserbaidschan

Grosses Feld
Bereits heute wird im Feld Shah Deniz Gas gefördert. Zur Betreibergesellschaft gehören BP (25,5 Prozent), Statoil (25,5 Prozent) und die aserbaidschanische Energiegesellschaft Socar (10 Prozent). Sie will frühestens 2017 Gas aus der zweiten Förderetappe (Shah Deniz 2) auf den Markt bringen. Um dieses Gas bewirbt sich auch die TAP. An diesem Pipelinekonsortium ist neben der EGL/Axpo (42,5 Prozent) auch Statoil aus Norwegen (42,5 Prozent) beteiligt sowie der deutsche Energieriese E.on (mit 15 Prozent). Laut den Betreibern soll die Entscheidung bis Ende Jahr fallen. Viele Experten gehen aber davon aus, dass es noch länger dauern könnte, weil die politische und wirtschaftliche Lage sehr komplex ist.

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