Wie gefällt Ihnen die derzeitige energiepolitische Diskussion?

Heinz Karrer: Sie ist spannend und hilfreich. Wenn es um wichtige Themen, Weichenstellungen und politische Prozesse geht, kann uns nichts Besseres passieren. Die Energiepolitik ist in jüngerer Vergangenheit zunehmend intensiver geworden, von da her finde ich den Prozess enorm wichtig.

Kernenergie, Biomasse, Holzschnitzel, Photovoltaik: In welcher Reihenfolge sollten wir die anstehenden energiepolitischen, energiewirtschaftlichen und energiebezogenen ökologischen Probleme diskutieren?

Karrer: Das hängt sehr stark von den Potenzialen der Technologien ab. Nehmen wir das Beispiel von Offshore-Windanlagen. Solche haben im Bodensee wohl weniger Aussicht auf Erfolg, als wenn sie in der Nordsee stehen. Es gibt also Regionen, die prädestinierter für bestimmte Technologien sind als andere. Darum wollen wir wissen, wie gross das jeweilige langfristige Potenzial ist - und ob man nicht besser zuwartet, bis es nachhaltig erschlossen werden kann. Es sind viele Kriterien und Überlegungen, entlang derer wir unsere Prioritäten setzen und festlegen, welche Mittel wir in Forschung und Entwicklung investieren. Auch im Wissen, manchmal nicht die Probleme der nächsten 50, als vielmehr jene in 100 Jahren zu lösen. Ich weiss, dass diese differenzierte Betrachtung nicht sehr attraktiv ist. Sie polarisiert nicht und erfordert einen differenzierten Diskurs. Das liegt mir jedoch mehr.

In den vergangenen zehn Jahren hat die Axpo 100 von Mio Fr. in Produktionskapazitäten im Ausland investiert. Welche Strategie liegt und lag dem zugrunde?

Karrer: Die Schweizer Energiewirtschaft ist seit mehr als 60 Jahren international vernetzt. Seitdem investiert man im Ausland, nicht zuletzt auch in französische Kernkraftwerke. Wir verdienen mit unseren Wasserkraftwerken Geld, weil wir zu optimalen Zeiten Strom ins Ausland verkaufen. Von diesem internationalen Handel profitieren die Aktionäre, bei uns sind dies die Bürgerinnen und Bürger, und die Stromkunden gleichermassen. Doch in Zukunft werden wir nicht mehr in einem monopolistischen, sondern in einem zunehmend liberalisierten Umfeld wirken. Wenn wir eine sichere und zuverlässige Versorgung samt günstigen Strompreisen wollen, müssen wir international erfolgreich sein.

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Ist dies der Grund dafür, dass die Axpo-Tochter EGL an der Gaspipeline durch die Adria beteiligt ist, also an einer Infrastruktur, die Italien mit dem Iran verbindet?

Karrer: Ja. Aber wir streben nicht primär den Besitz von Infrastruktur an. Wir schaffen uns jedoch die Möglichkeit, Gas zu importieren und zu nutzen. Wir sind mit unseren Gaskombikraftwerken in Italien auf grössere Mengen Gas angewiesen und standen vor der Frage, das Gas entweder bei grossen Importeuren zu kaufen oder selber ins Midstream-Geschäft einzusteigen. Als Gaskäufer bei Importeuren hätten wir kaum einen Wettbewerbsvorteil gegenüber unseren Konkurrenten gehabt. Immerhin machen die Gaskosten rund 70% des Strompreises aus. Im Midstream-Geschäft gehen wir zwar ein etwas höheres Risiko ein, reduzieren aber gleichzeitig die Beschaffungskosten. Zudem zeigt sich, dass der Strompreis auch vom Gaspreis, vom Kohlepreis und vom Ölpreis beeinflusst wird, und letztlich auch vom CO2-Preis. Diese Preistreiber muss man verstehen: Nur wer in diesem Geschäft selber engagiert ist, verringert das Preisrisiko auf der Stromseite.

In Ihrer Studie «Strom für heute und morgen» fordern Sie viel Geduld in Bezug auf die künftigen Beiträge der neuen erneuerbaren Energien. Doch die Öko-Bauszene belegt, dass Gebäude schon heute zu konkurrenzfähigen Preisen energieautark sind.

Karrer: Es findet derzeit in der Tat eine Entwicklung statt, wie wir sie in dieser Form noch nicht erlebt haben. Durch die technologisch kreierte «dezentrale Intelligenz» kann man Kunden dezentral und weitgehend energieautark versorgen. Moderne Baustandards sparen massiv Wärmeenergie, und mittels intelligenter Steuerungen wird auch der Strom effizienter eingesetzt. Eine nächste Entwicklungsstufe wird die Speicherung betreffen. Dies erfordert aber noch einiges an Geduld.

Sind Ihre jüngsten Angebote - wie zum Beispiel das Contracting-Geschäft - Ausdruck Ihrer Innovationsstrategie? Welche Erwartungen verbinden Sie mit der Elektromobilität?

Karrer: Wir beobachten die Entwicklung der dezentralen Energieversorgung schon lange und es ist offensichtlich, dass sich daraus erfolgsversprechende Geschäftsmodelle ergeben. Kunden wünschen sich zu Hause irgendwann nur noch einen Vertrag und wollen mit einem einzigen Produkt dezentral versorgt werden. Auch das Anlagen-Contracting entwickelt sich seit geraumer Zeit recht erfolgreich bei Gewerbe und Industrie. Ich schliesse nicht aus, dass wir damit in absehbarer Zeit in den Privatbereich vorstossen werden. Bei der Elektromobilität stellen wir uns allerdings die Frage, welches letztlich unsere Geschäftsmöglichkeiten sein werden.

Sie fördern seit langer Zeit die neuen erneuerbaren Energien und investieren viel Geld in Beteiligungen und Anlagen. Wird das in absehbarer Zeit ebenfalls ein Business?

Karrer: Das Stichwort «absehbar» ist sehr wichtig, denn die neuen erneuerbaren Energien werden noch viele Jahre auf Subventionen angewiesen bleiben. Das ist ein Faktum - und das ist politisch, ja sogar gesellschaftspolitisch auch gewollt. Auch wir können nicht einfach ein paar Mrd Fr. ausgeben, ohne Aussicht auf Gewinn. Dies würden weder die Eigentümer noch die Stromkunden unterstützen. Zumal diese Frage zusehends zum internationalen Thema wird. Es betrifft immer stärker auch die globale Klima- und CO2-Politik und wird dadurch zunehmend auf die politische Ebene verlagert. Dabei orientiert sich unsere nationale Politik täglich stärker am internationalen Geschehen und damit an der Politik der EU.

Zurück zur Schweiz und dem Vorschlag des Atomrappens von Energieminister Moritz Leuenberger. Ist das für Sie ein Friedensangebot oder eine Kriegserklärung?

Karrer: Weder noch. Solche Themen sind ja nicht neu. Es überrascht mich auch nicht, dass dieser Vorschlag gerade jetzt wieder aufs Tapet kommt. Die Diskussion über die Kernenergie nimmt an Intensität zu - nicht nur in der Schweiz. Belgien hat die Verlängerung der Laufzeiten beschlossen, Schweden den Ausstieg aus dem Ausstieg, Italien den Wiedereinstieg - und in Deutschland plant man die Verlängerung der Laufzeiten. Auch dort spricht man vom «Atombatzen». Es ist also nachvollziehbar, dass Bundesrat Leuenberger dieses Thema aufgebracht hat.

Immer mehr Kantone und Kommunen schöpfen Stromnetze, Stromlieferungen und Stromgewinne ab, um damit Energieprojekte zu finanzieren. Wie bewerten Sie diese Vorgänge?

Karrer: Solche Wünsche werden Konsequenzen haben. Denn die Wirklichkeit holt auch Menschen mit edlen Zielen ein. Wer dem globalen Klimawandel begegnen will, muss die Emissionen weltweit reduzieren. Da reicht der lokale Handlungshorizont nicht aus. Global bedeutet, die Emissionen zu begrenzen und CO2-Zertifikate auszuteilen. Wer mehr emittiert als zugeteilt, zahlt seinen Preis. Und wer weniger emittiert, bekommt etwas zurück. Dies hat den Vorteil, dass Emissionen global reduziert wurden und dies erst noch ökonomisch effizient. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass die Reduktion fossiler Energieträger in der Schweiz dazu führt, dass damit weltweit Benzin oder Gas eingespart wird. Denn es wird ganz einfach nach China, Japan oder Brasilien verkauft. Wir müssen all unsere Anstrengungen darauf ausrichten, dass der Verbrauch der fossilen Energieträger global gesehen auf eine deutlich längere Zeit ausgedehnt wird.

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Immerhin sind Kernenergiegegner davon überzeugt, dass sich der Neubau von Kernkraftwerken nicht mehr rechnet. Sie kritisieren auch, dass die Kernenergie stark subventioniert werde. Welche Rechnung geht letztlich auf?

Karrer: Es trifft zu, dass der Staat erhebliche Mittel in die Kernenergie investiert hat. Das wurde auch anderswo gemacht - in der Medizin ebenso wie in der Solarindustrie. Das ist in Form von Forschung und Entwicklung auch richtig. Doch die Sorge der Kernenergiegegner um unsere Investitionen ist unbegründet. Und sollte sie sich als begründet erweisen, würde sich das Thema ohnehin von selber erledigen. Selbstverständlich prüfen wir sehr genau, ob sich die Investition in ein Kernkraftwerk rechnet. Nach heutigem Wissensstand dürfen wir von Strom-Gestehungskosten im einstelligen Rappenbereich ausgehen. Über einen Lebenszyklus hinweg werden es dann 6, 7 oder 8 Rp. pro erzeugte Kilowattstunde sein. Letztlich werden diese Zahlen auch vom Finanzmarkt beeinflusst, also von den Zinsen, der Finanzierungsform, der Abschreibungspolitik und einigem mehr. Wichtig für uns bleibt: Es muss und wird rentieren.

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Gibt es einen Plan B für den Fall, dass die Option Kernenergie nicht mehr zu realisieren wäre?

Karrer: Ja. Wenn beispielsweise etwas nicht mehr in genügendem Masse zur Verfügung steht, muss man sich einschränken. Punkt. Und wenn etwas nicht mehr geht, muss man es abschalten. Das gibt es auch in anderen Bereichen. Die Frage ist, ob man dies will. Ich vermute, eher nicht. Die zweite Option betrifft den Import von Strom unter anderem auf Basis fossiler Brennstoffe wie Erdöl und Gas. Angenommen, wir müssten also 20 bis 30% des Stroms einführen. Der Strompreis würde dann durch den höchsten Preis in Europa bestimmt, was erhebliche volkswirtschaftliche Belastungen mit sich bringen würde. Das zeigt das Beispiel Italien. Dort ist Strom doppelt so teuer wie bei uns. Wir könnten auch neue grosse Wasserkraftwerke um den Preis unseres heutigen Natur- und Landschaftsschutzes erstellen oder bei den neuen erneuerbaren Energien sämtliche Bewilligungsprozedere in den Wind schlagen. Schliesslich bieten sich in höchster Not auch Kohlekraftwerke und Gaskombikraftwerke an.

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