Karl Schreiber* nimmt in einem kargen Büro in der Berliner Chausseestrasse auf einem Holzstuhl Platz. Der ehemalige Manager des österreichischen Stahlkonzerns Voest wirkt angespannt. Der Kopf ist gesenkt, der Körper nach vorne geneigt. Seine Erzählungen belasten seinen früheren Arbeitgeber schwer. Es geht um geheime Absprachen, undurchsichtige Geldströme – und Besuche in Basler Bordellen.

Die Affäre zieht seit Monaten immer weitere Kreise. Am 5. Juli 2012 verhängte das Bundeskartellamt Bussgelder in der Höhe von insgesamt 124,5 Millionen Euro gegen vier Schienenlieferanten wegen wettbewerbswidriger Absprachen, darunter die österreichische Voest-Alpine. Nun zeigt sich, dass im Dickicht europaweiter Tricksereien auch Spuren in die Schweiz führen könnten. An den mutmasslichen Marktabsprachen sollen Schweizer Mittelsmänner und ein ehemaliger Angestellter der SBB beteiligt gewesen sein. Alle betroffenen Firmen bestreiten die Vorwürfe.

Angebliche Abtauschgeschäfte

Für viele Schweizer Bahnen ist die Voest seit Jahrzehnten einer der grössten Lieferanten von Schienen für den Hochgeschwindigkeitsverkehr sowie Trassen für Alpenquerungen und Transitstrecken. Aufgrund neuer EU-Ausschreibungsregeln, welche die Schweiz übernommen hatte, versuchten ab 1998 neben der Voest mehrere Firmen wie M. und T. aus Tschechien, L. aus Italien und die deutsche TS. – damals noch eine Konkurrentin der Voest, heute eine Firmentochter – ihre Produkte auch in die Schweiz zu verkaufen. Die Voest habe versucht, das mit allen Mitteln zu verhindern, behauptet Schreiber. «Ein Leiter des Schienenbereichs der Voest rief sein Pendant bei der Konkurrenzfirma an und vereinbarte, dass die Voest in der Schweiz zum Zug kommt.»

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So sei etwa eine Vereinbarung mit dem italienischen Stahlkonzern L. getroffen worden. Im Gegenzug dafür, dass die Voest sich die Mitbieter vom Leib hielt, hatte sie sich dazu verpflichtet, Stahlblöcke abzunehmen. Ein ähnliches Spiel sei mit der tschechischen Stahlfirma T. wiederholt worden. «Dafür, dass sich T. aus der Schweiz raushielt, wurden Unterbestellungen von mehreren tausend Tonnen Stahl versprochen.» Nach diesem Muster soll der gesamte europäische Schienenmarkt inklusive der Schweiz aufgeteilt worden sein. Insbesondere in den 1990er-Jahren und bis 2009 soll sich das so abgespielt haben.

Die Voest dementiert diese Darstellung allerdings entschieden. «Es gab niemals Vereinbarungen mit Wettbewerbern zum Abtausch von Lieferungen gegen Vormaterial», heisst es in der Rechtsabteilung.

Die Lieferungen an die SBB sowie die Weiterlieferungen an die Privatbahnen wurden jahrelang von derselben Person abgewickelt. Dazu stand sie in engem Kontakt mit einer Rorschacher Vermittlerfirma, welche die Voest in der Schweiz repräsentierte. Insider erzählen, dass es der SBB-Mitarbeiter «bravourös verstand, Mitbewerber gegeneinander auszuspielen und für die Lieferanten desaströse Preise zu erzielen». Die Voest soll laut den Aussagen des Ex-Managers bald erkannt haben, dass sie bei den Schweiz-Geschäften zu wenig verdiente. Also sei die Strategie geändert worden. Man versuchte angeblich, persönliche Schwächen des Verhandlungspartners in der Schweiz für das Rotlichtmilieu auszunützen. «Ich musste ihn in die Nachtlokale begleiten und erreichte bei der nächsten Ausschreibung das gewünschte Ziel, für die Voest-Alpine Schienen, nämlich maximale Mengen zu auskömmlichen Preisen, zu liefern», erzählt Schreiber.

Doch sind diese harten Anschuldigungen glaubwürdig? Der ehemalige SBB-Mitarbeiter bestreitet das vehement: «Ich habe keine Kenntnis von den erwähnten Vorkommnissen, ich habe mit dieser Sache nichts zu tun.» Die SBB wollen sich zu den Vorwürfen nicht äussern. Die Beziehungen des Ex-Angestellten in der Branche waren dort wohl bekannt. Disziplinarische Massnahmen gab es aber keine.

Den Untersuchungsergebnissen aus Deutschland sehen die SBB jedoch «mit Interesse» entgegen. Die Behörden nahmen mit den SBB bislang nicht Kontakt auf. Laut gut informierten Kreisen stehen die deutschen Behörden aber längst in Kontakt mit der EU-Kommission. Betroffen seien neben der Schweiz nämlich auch Belgien, die Niederlande und Skandinavien. Offiziell heisst es aus Brüssel nur: «Kein Kommentar.»

* Name von der Redaktion geändert

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