Kaum jemand aus der Finanzbranche würde sich wohl über ein Comeback des Jahres 2008 freuen. Tobias Merath von der Credit Suisse aber schon. Auch Simon Grenfell hätte dann Grund zur Freude, ebenso wie Gayle Berry von Barclays Capital. Und die vier sind guter Hoffnung, dass schon das kommende Jahr eine Rückkehr von 2008 bringen könnte.

Lagerbestände sinken wieder

Damit ist nicht gemeint, dass das Finanzsystem erneut an den Rand eines Zusammenbruchs geraten wird. Stattdessen sind sich die vier Rohstoffanalysten darin einig, dass die Preise von Öl, Gas, Weizen, Mais, Soja, Gold, Platin, Kupfer, Nickel und Aluminium vor einer lang anhaltenden Rally stehen. Der Anstieg des Ölpreises seit Jahresbeginn sei hier nur der Anfang. Das Hauptargument der Experten: Erholt sich die Weltkonjunktur, wird der Rohstoffbedarf steigen. Das Angebot wird dabei wegen derzeitigen Investitionsmangels nicht mehr mithalten können. Die Folge wären starke Preisanstiege.

Ein Blick auf das Beispiel Öl zeigt: In den Jahren 2000 bis 2008, als die Weltwirtschaft mit jährlichen Raten zwischen 1 und 5% wuchs, stieg auch die Ölnachfrage jährlich um bis zu 5%. Im Zuge der Finanz- und Konjunkturkrise liess die globale Rohstoffnachfrage dann ebenso stark nach wie das Wirtschaftswachstum: Beide Grössen lagen Anfang 2009 etwa 4% unter den Vorjahreswerten. Dementsprechend sind die Lagerbestände an Rohstoffen weltweit stark angestiegen. «Seit Beginn der Finanzkrise ist die Nachfrage deutlich gesunken», sagt der Leiter der Rohstoffanalyse bei der Credit Suisse, Tobias Merath.

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Nun zeigt sich jedoch eine Trendwende. Denn die Rezession in den grössten europäischen Volkswirtschaften und Japan ist aus technischer Sicht beendet. Im 2. Quartal wuchsen die Bruttoinlandprodukte dort im Vergleich zum Vorquartal wieder, nachdem sie vorher monatelang geschrumpft waren. Dazu haben auch die weltweiten Konjunkturprogramme beigetragen, die sich nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg weltweit auf rund 2 Billionen Dollar belaufen.

Notstand bei Investitionen

Die Aussichten für die nächsten Quartale sind günstig: Seit Juni heben immer mehr Banken und Forschungsinstitute ihre Wachstumsprognosen stetig an. Beispielsweise erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) für 2010 inzwischen ein globales Wirtschaftswachstum von 2,5%. Noch im April hatte er lediglich mit 1,9% Zuwachs beim Bruttoinlandprodukt gerechnet. «In Anbetracht dieser verbesserten fundamentalen Perspektiven sollten sich Anleger auf allgemein steigende Rohstoffpreise in den nächsten Monaten einstellen», sagt Merath. Denn der Gleichlauf von Bruttoinlandprodukt und Ölnachfrage in den vergangenen Jahren legt nahe, dass die Nachfrage mit dem Wachstum anziehen sollte.Im Gegensatz dazu können die Rohstoffunternehmen ihr Angebot aber kaum oder gar nicht ausweiten. Denn die Unternehmen haben nur sehr wenig in neue Produktionskapazitäten investiert - vor allem ab Mitte der 1980er-Jahre bis 2001. «Der Grund dafür waren die damals niedrigen Rohstoffpreise», sagt Analyst Jochen Hitzfeld von der Unicredit. Erst im Zuge der Preisanstiege 2008 hätten Ölkonzerne, Minenbetreiber und Agrarproduzenten ihre Investitionen verstärkt.Doch dann kam die Kreditkrise, und die Banken schränkten ihre Darlehensvergabe ein. «Fehlende Investitionen sind zu einem Schlüsselrisiko für die Versorgung geworden», sagt Fatih Birol. Der Chefvolkswirt der Internationalen Energie-Agentur (IEA) sagt weiter: «Wir schätzen, dass die Förderbudgets bei Öl und Gas für 2009 schon um 21% gegenüber 2008 gekürzt worden sind.»

Nervöse Preise beim Kaffee

Öl und Gas sind dabei nur Beispiele für den generellen Trend: Die Preisprognosen von Goldman Sachs, der Deutschen Bank, der Credit Suisse und der Unicredit zeigen: Ende 2010 sollten fast alle wichtigen Rohstoffe deutlich teurer sein als momentan egal, ob Energieträger, Industriemetalle, Edelmetalle oder Agrargüter.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Energierohstoffe und Edelmetalle werden weiterhin vom anziehenden Wirtschaftswachstum insbesondere in den Schwellenländern profitieren. Den Agrarrohstoffen kommt der Megatrend Bevölkerungswachstum zugute, der den weltweiten Nahrungsbedarf in die Höhe treibt. Edelmetalle werden einerseits von der anziehenden Industrieproduktion profitieren (zum Beispiel Platin in der Automobilbranche), andererseits vom steigenden Investoreninteresse (Gold).

Die höchsten Preisaufschläge werden bis Ende 2010 Agrarrohstoffe und Industriemetalle verbuchen, sind sich die Experten einig. Vergleichsweise geringe Zuwächse erwarten sie bei Edelmetallen.