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Luxusgüter
Bally: Schweizer Luxus-Brückenkopf der Chinesen

Frederic De Narp
Bally-Chef Frédéric De Narp: «Niemand entkommt der Macht Chinas.»Quelle: 2016 Stefanie Keenan

Chinesische Konzerne kaufen europäische Luxusfirmen in Serie. Und haben grosse Pläne – vor allem mit der Schweizer Bally.

Marcel Speiser
Von Marcel Speiser
am 03.12.2018

Jack Ma kennen wir. Der Chef des E-Commerce-Giganten Alibaba ist auch im Westen bekannt wie ein bunter Hund. Einige kennen allenfalls noch Pony Ma, den Lenker des Tech-Riesen Tencent, der mit der App Wechat das Leben der allermeisten ­Asiaten beeinflusst. Oder Wang Jianlin, den Chef des Mischkonzerns Wanda, der mit seiner Schweizer Sportrechtefirma Infront weltweit Sportserien und TV-Rechte einsammelt.

Aber kaum jemand kennt Qiu Yafu, den Chef von Shandong Ruyi. Noch nicht einmal der Name seines Milliardenkonzerns ist europäischen Wirtschaftsfachleuten ein Begriff. Doch das wird sich ändern – auch in der Schweiz. Denn Qiu hat im Frühling Bally gekauft.

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Herr Qiu und seine Ambitionen

Und er hat grosse Pläne: Er steigt mit Shandong Ruyi in den Infight mit LVMH, Kering und Richemont. Der Milliardär will zu jenem Mann werden, der in einem Atemzug mit Bernard Arnault (LVMH), François-Henri Pinault (Kering) und Johann Rupert (Richemont) genannt wird – zu einem der Granden der globalen Luxusgüterindustrie.

Egal ob Agrochemie, Bahntechnik, autonomes Fahren, Biotechnologie oder Pharma, Payment, E-Commerce, künstliche Intelligenz, Gentechnologie oder Elektromobilität: Chinesische ­Unternehmen spielen heute schon ganz vorne mit im globalen Wettbewerb – oft ganz zuvorderst. Selbst den viel gelobten Innovationstreibern im Silicon Valley wie Apple oder Google laufen die chinesischen Firmen teilweise davon.

Befeuert von strategischer Industriepolitik in den unterschiedlichsten Branchen und günstigem (Staats-)Geld streben Chinas Kolosse unerbittlich nach Dominanz. Jetzt eben auch in der Luxus­industrie, bislang eine unbestrittene Domäne Europas.

Epizentrum der Luxusindustrie

Mitten drin im Sturm auf die europäische Luxusbastion: Bally, die ikonische Schweizer Traditionsmarke. Bally-Chef Frédéric De Narp, ein Veteran der Luxusgüterbranche, sagt: «China ist heute das Epizentrum der Industrie. Niemand kann der Macht Chinas entkommen.»

Kein Wunder: Chinesen sorgen ­global für rund 35 Prozent der Verkäufe im Luxussektor. Die Beratungsfirma McKinsey geht davon aus, dass die ­Chinesen bis 2025 für rund die Hälfte des Umsatzes sorgen. Ohne chine­sische Konsumenten geht in der Branche also nichts. Nur konsequent daher, dass China danach strebt, an der grossteils durch einheimische Shopper generierten Luxuswertschöpfung teilzuhaben.

Gleiche Liga wie Rolex

Bereits heute ist Shandong Ruyi eine grosse Nummer in der Branche (siehe Grafik). Mit einem Umsatz von über 5 Milliarden Dollar spielt das Unternehmen in einer Liga mit Namen wie Rolex oder Hermès. Für Bally hat Shandong Ruyi gemäss Schätzungen rund 700 Millionen Dollar bezahlt, fast das Doppelte des Umsatzes. Ausserdem gehören ­Marken wie das italienische Herren-­Label Cerutti, das tradi­tionsreiche britische Label Aquascutum zu Shandong Ruyi, ebenso die Londoner Savile-Row-Edelschneider Gieves & Hawkes und Kent & Curwen, an dem auch der frühere Fussballstar David Beckham beteiligt ist. Auch die französischen Labels Sandro, Maje und Claudie Pierlot hat Shandong Ruyi übernommen, zudem das Unternehmen, das weltweit das Stoff­label Lycra kontrolliert.

Noch ist keine Übermarke wie ­Gucci, Louis Vuitton oder Cartier im Portfolio, aber das kann noch werden. Kürzlich hat Qiu Yafu an einer internationalen Konferenz der Luxusbranche die anwesenden Industrie-Insider unumwunden aufgefordert, an ihn zu verkaufen: «Kommen Sie zu mir, wenn Sie eine gute Gelegenheit wahrnehmen wollen.» So spricht einer, der weiss, was er will. Und einer, dessen Kriegskasse prall gefüllt ist. Allein in den letzten drei ­Jahren hat er mehrere Milliarden für Edelzukäufe ausgegeben.

«Luxus durch Bally entdeckt»

De Narp ist glücklich mit seinem neuen Besitzer. Weil Qiu wisse, was Bally sei. Und weil die Chinesen wüssten, was Bally sei. Aus drei Gründen. Erstens: «Bally war die erste Luxus­marke, die nach China gegangen ist. Und zwar bereits 1986», sagt De Narp. «Die Chinesen haben Luxus quasi durch Bally entdeckt.» Zweitens, weil die Chinesen die Schweiz schätzten: «Knapp die Hälfte der Schweizer Luxusuhren wird an Chinesen verkauft», so De Narp weiter. «Chinesen wissen also, was Schweizer Qualität ist. Und wenn sie Bally kaufen, bekommen sie Schweizer Qualität in Leder.» Drittens lasse Shandong Ruyi den Firmen ihre DNS. «In der Schweiz gibt es Hunderte von Uhrenmarken – und Bally. Wir sind stolz auf unsere Schweizer Wurzeln, auf unsere Schweizer Tradition, auf unsere Schweizer Qualität.»

Viertens schliesslich, so De Narp, mache den Chinesen Eindruck, wie gross die Tradition von Bally sei. Gegründet im Jahr 1851, ist Bally die zweit­älteste Luxusmarke der Welt. Gleich nach Hermès, die es seit 1837 gibt. «Authentizität kann man nicht erfinden. Man hat sie oder man hat sie nicht. Bally hat sie», sagt De Narp.

Auch Fosun greift an

Shandong Ruyi ist aber nicht das einzige Unternehmen aus China, das im Luxusmarkt angreift. Auch das Konglomerat Fosun gibt Gas: Es hat das ­Pariser Label Lavin gekauft, die New Yorker Marke St. John, den italienischen Herrenausstatter Caruso und Wolford, den Vorarlberger Hersteller für Luxusstrümpfe. Über 2 Milliarden Dollar hat Fosun in die Expansion in der Modebranche investiert.

Wenn Shandong-Ruyi-Chef Qiu Yafu wie seinerzeit bei der Bally-Übernahme also sagt, «er wolle ein weltweiter Leader in der Luxusindustrie werden», sollten die Europäer das ernst nehmen.