Klaus Peter Müller hat sich geirrt. Noch im Dezember hatte der Chef der Frankfurter Commerzbank erklärt, dass sich die Übernahmewelle in Europa schnell ausbreiten werde, wenn es erst einmal zu einer grenzüberschreitenden Fusion kommen wird. Die deutschen Banken jedoch spielten dabei keine Rolle, meinte der amtierende Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken.

Vermutlich hatte Müller nicht damit gerechnet, dass sein Kollege Dieter Rampl von der Hypovereinsbank (HVB) sich mit einer Juniorrolle begnügen würde, als der immer wieder betonte, dass die HVB sich an der europäischen Bankenkonsolidierung beteiligen wolle. Die Gespräche zwischen den Münchnern und der italienischen Unicredito sind aus Sicht vieler Experten ein klares Signal dafür, dass nun die seit langem erwartete Konsolidierung in Europa an Fahrt gewinnt ­ und alle privaten Banken sich Gedanken um ihre Zukunft machen müs-sen.

In den meisten europäischen Ländern hat sich der Bankensektor in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Durch Fusionen entstanden grosse nationale Institute. In Frankreich, Spanien, Italien und Grossbritannien dominieren jeweils drei bis fünf Grossbanken den Markt. Selbst in den geografisch kleinen Benelux-Staaten haben sich internationale Finanzkonzerne wie ABN Amro oder ING entwickelt, die längst über ihre nationalen Grenzen hinaus denken und handeln. Und die Schweizer Banken, allen voran UBS und Credit Suisse, sind ihrem guten Ruf gerecht geworden und als Adresse für internationale Kapitalanleger nach wie vor beliebt.

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In all diesen Ländern sind «nationale Champions» entstanden, die stark auf ihrem Heimatmarkt sind und gleichzeitig im internationalen Konzert mitspielen können. Die wertvollste Bank ist die Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC) mit Sitz in London, gefolgt von der Royal Bank of Scotland und der UBS. Durch die Übernahme der HVB würde Unicredito, gemessen am Börsenwert, auf Rang neun in Europa vorrücken.

Es fehlt der nationale Champion

Nur in Deutschland hakt der Konsolidierungsprozess ­ eine Folge des Drei-Säulen-Modells aus Privatbanken, Sparkassen und Landesbanken und Genossenschaftsinstituten. Während in anderen europäischen Ländern die Grossbanken dank ihrer Marktmacht auskömmliche Renditen im Heimatmarkt einfahren können, bringen es die deutschen Privatbanken zusammen gerade einmal auf einen Marktanteil von rund 25%. Zu wenig, um für ausländische Institute wirklich interessant zu werden. Nicht einmal die Deutsche Bank ist nach Ansicht der Experten in der jetzigen Konstellation in der Lage, ein wirklicher nationaler Champion zu werden.

Daher hat die Nachricht von einer möglichen Übernahme der HVB durch Unicredito die Gerüchteküche sofort wieder angeheizt. Schon werden die ersten Kandidaten genannt, die ernsthaft an der Commerzbank interessiert sein könnten. Dabei könnte es nach Analysteneinschätzung auch zu einer deutsch-deutschen Liaison kommen, wenn denn die Deutsche Bank nach ihren vor fünf Jahren gescheiterten Fusionsplänen mit der Dresdner Bank nun die Commerzbank ins Auge fassen sollte. Die britische Royal Bank of Scotland hat mehrfach angekündigt, dass sie auf Suche ist, auch in Deutschland. Und schliesslich werden die französischen Grossbanken BNP Paribas und Société Générale genannt.

Die Aussicht auf eine bevorstehende Übernahme hat zumindest an der Börse für Auftrieb gesorgt, Commerzbank-Aktien legten deutlich zu. Nüchterner als an der Börse werden jedoch in Frankfurter Bankenkreisen die Chancen eingeschätzt, dass es schon bald zu einer Offerte für die Commerzbank kommen könnte.

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Zwar ist die Commerzbank ebenso wie die anderen privaten Grossbanken derzeit vergleichsweise günstig bewertet, und auch der Sanierungsprozess ist weit gehend abgeschlossen. Und doch ist zumindest das Interesse ausländischer Bankmanager am deutschen Markt noch immer zu gering, um selbst einen niedrigen Preis zahlen zu wollen. «Der deutsche Markt ist weiterhin schwierig», betont Konrad Becker vom Bankhaus Merck Finck. Auch bei der möglichen Übernahme der HVB steht für die Unicredito nach seiner Einschätzung vor allem das Osteuropa-Geschäft im Mittelpunkt. Hier hat die HVB mit ihrer österreichischen Tochter Bank Austria deutlich mehr zu bieten als etwa die Commerzbank.

Vorerst würden sich die britischen, französischen oder spanischen Banken daher auf die europäischen Länder konzentrieren, in denen der nationale Konsolidierungsprozess deutlich weiter vorangeschritten ist als in Deutschland. So hat die spanische Grossbank BBVA ein Auge auf die sechstgrösste italienische Bank Banca Nazionale del Lavoro geworfen, die niederländische ABN Amro möchte die Banca Antonia Popolare Veneta kaufen. In Italien haben diese Offerten für Aufregung gesorgt. Selbst der Notenbankchef wirbt für den Erhalt der nationalen Bankenhoheit.

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Doch auf Dauer wird sich das nicht halten lassen ­ das mussten sogar die konservativen Briten erkennen. Durch die 12,5 Mrd Euro teure Übernahme der Abbey National hatte der spanische Marktführer Santander Central Hispano im vergangenen Herbst die Phase der grenzüberschreitenden Fusionen eingeläutet.

Auf dem deutschen Markt dagegen versuchen ausländische Institute aus eigener Kraft, Marktanteile für sich zu gewinnen. Seit langem schon macht die amerikanische Citigroup mit ihrer Tochter Citibank den deutschen Konkurrenten vor, wie man im Privatkundengeschäft gutes Geld verdienen kann. Die niederländische ING hat mit ihrer Direktbank Diba den Markt für Direktbankkunden aufgemischt. Und die GE Money Bank, ein Ableger des US-Konzerns General Electric, will die Zahl ihrer Privatkunden von derzeit 500000 in zwei Jahren verdoppeln.

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Auch Schweizer mischen mit

Auch im Firmenkundengeschäft sind die ausländischen Institute mit dabei. Mit günstigen Konditionen werben die Amerikaner von der Citigroup ebenso wie die Royal Bank of Scotland oder ABN Amro um deutsche Mittelständler und Konzerne, die sich über die zurückhaltende Kreditpolitik der deutschen Banken beschweren. Die Schweizer Geldhäuser wie UBS oder Credit Suisse umwerben vor allem vermögende Privatkunden, die auf die Verschwiegenheit der Eidgenossen bauen.

Und selbst im Investmentbanking haben die Ausländer zum Angriff geblasen, indem sie mehr und mehr Spitzenmanager abwerben, die dann nach und nach ihre Kunden zu ihrem neuen Arbeitgeber mitbringen sollen. Vielleicht behält Commerzbank-Chef Müller doch noch Recht ­ wenn es so weitergeht, werden deutsche Banken in Europa bald keine Rolle mehr spielen.

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Europas grösste Banken

Börsenkapitalisierung (in Mrd Euro)

1 GB HSBC 134.00
2 GB Royal Bank of Sc. 77.29
3 CH UBS 73.47
4 E Banco Santander 58.98
5 NL ING Groep 51.63
6 GB Barclays 50.86
7 FR BNP Paribas 48.77
8 GB HBOS 46.03
9 E Banca Bilbao BBVA 42.72
10 CH Credit Suisse 40.14
11 GB Lloyds 39.05
12 D Deutsche Bank 36.52

Ferner:

I Unicredito26.20
D Hypovereinsbank15.20

Quelle: Bloomberg