Zwei Wochen vor Weihnachten lässt OC Oerlikon die Katze aus dem Sack: Der schwer angeschlagene Industriekonzern bittet die Aktionäre, tief in die Taschen zu greifen und frisches Kapital einzuschiessen. Im 1. Halbjahr 2010, das liess OC Oerlikon am Dienstag verlauten, soll die Kapitalerhöhung stattfinden - im Anschluss an eine substanzielle Herabsetzung des aktuellen Aktienkapitals. Allen voran muss Grossaktionärin Renova, die Beteiligungsfirma des russischen Industriellen Viktor Vekselberg, in den sauren Apfel beissen: Sie hat sich einverstanden erklärt, an der Kapitalerhöhung teilzunehmen und als «Underwriter» zu fungieren. Renova übernimmt also das gesamte Emissionsvolumen, falls Oerlikons Bemühungen, weitere Teilnehmer für die Kapitalerhöhung zu gewinnen, ganz oder teilweise fehlschlagen sollten. Renova hält rund 45% an Oerlikon.

Auch die österreichische Beteiligungsfirma Victory, die 2005 den Konzern feindlich übernommen hatte und heute noch rund 13% besitzt, sendet positive Signale. «Wir können uns sehr gut vorstellen, an einer Kapitalerhöhung teilzunehmen, sofern die Konditionen stimmen», lässt Victory-Chef Ronny Pecik auf Anfrage verlauten. «Wir glauben an das Unternehmen und an dessen Stabilisierung.»

Unternehmen steht am Abgrund

Zuversicht ist aber auch das Einzige, was den Beteiligten bleibt - denn Oerlikon steht am Abgrund: Der Hauptumsatzträger, das Textilmaschinengeschäft, ist nahezu um die Hälfte eingebrochen. In den ersten 9 Monaten 2009 erzielte die Sparte noch einen Umsatz von 712 Mio Fr. Die Solardivision, welche einst als Wachstumsstory galt, hat die Erwartungen nicht erfüllt - ebenfalls am Dienstag gab Oerlikon eine ausserordentliche Abschreibung in Höhe eines mittleren zweistelligen Millionen-Franken-Betrags bekannt. Die Oerlikon-Führung sei zum Entschluss gekommen, die Bewertung des Lagerbestands anzupassen. Diese Abschreibung habe aber keinen Einfluss auf die Barbestände beziehungsweise den Geldfluss des Konzerns.

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Ziegler legt Rettungsplan vor

Die angekündigte Kapitalerhöhung ist nur die Spitze des Eisbergs: Wie ebenfalls am Dienstag bekannt wurde, präsentierte Oerlikon-CEO Hans Ziegler am 25. November den 23 Syndikatsbanken einen umfassenden Restrukturierungsvorschlag. Bei den Instituten steht Oerlikon mit 2,5 Mrd Fr. in der Kreide. Im 1. Quartal 2010 werden 600 Mio Fr. fällig. Zieglers Vorschlag sieht die Stundung der Kreditrückzahlungen, verringerte Zinssätze und die Umwandlung von Teilen der Bankschulden in eine Kapitalbeteiligung an Oerlikon vor. Mit anderen Worten: Schon bald werden neben Renova und Victory die Banken das Sagen haben. Bis Ende Februar sollen die Details des Plans ausgearbeitet sein. Teilverkäufe von Oerlikon sind derzeit kein Thema.Die Anleger an der Börse sind verstört: Der Titel stürzte am Dienstagnachmittag um 27% ab und notierte zu Redaktionsschluss noch bei 41.60 Fr. Pikant: Oerlikon versandte die Mitteilung wegen eines Informationslecks früher als geplant und während des Börsenhandels. Das dürfte nun auch noch die Börsenaufsicht auf den Plan rufen.