Die EZB hat den Geldinstituten in der Euro-Zone im Sommer weitere Milliardenspritzen zugesagt. Die erste Salve dieser neuen Mittel will die Notenbank Mitte September abfeuern, eine weitere dann im Dezember. Mit dem Geld versucht die Europäische Zentralbank (EZB) die Kreditvergabe an Unternehmen anzukurbeln. Allerdings dürften viele Banken die frischen Euro-Noten aus Frankfurt auch verwenden, um die bereits existierenden und demnächst auslaufenden Krisenhilfen der EZB zu ersetzen. Diese wurden ihnen 2011/12 auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise für drei Jahre geliehen. Damals machte EZB-Präsident Mario Draghi eine Billion Euro locker, um die Branche zu stabilisieren.

Viele halten Hand auf

Um dieses Mal an das Geld der EZB zu kommen, müssen die interessierten Banken bereits bis Donnerstag melden, wie viel Firmenkredite oder Konsumentendarlehen sie aktuell vergeben haben. Auf Basis dieser Daten errechnet die EZB, welche Summe sie jeder Bank maximal zur Verfügung stellt. Nach den Worten von Ulrich Bindseil, verantwortlich für die Refinanzierungsgeschäfte der EZB mit den Instituten, hat «eine ganze Reihe von grossen Banken» signalisiert, dass sie das Geld haben möchten. Das Geschäft ist attraktiv: Sie bekommen die frischen Mittel zum Leitzins von 0,15 Prozent plus einem Mini-Aufschlag, also extrem günstig.

Freie Handhabe

Was sie mit dem Geld machen, ist ihnen in den ersten beiden Jahren mehr oder weniger freigestellt. Wollen sie das billige Geld darüber hinaus behalten, was maximal vier Jahre geht, müssen sie nachweisen, dass sie weiter Darlehen vergeben und ihre Kreditvergabe nicht einschränken. Bindseil macht sich aber keine Illusionen: Er rechnet damit, dass viele Institute das neue Geld nutzen werden, um auslaufende Hilfen der Notenbank zu ersetzen. «Man muss bedenken, dass die für drei Jahre ausgereichten LTRO's auslaufen.» Sie sollten damals Liquiditätsengpässe verhindern. Inzwischen haben die Banken mehr als die Hälfte davon wieder zurückgezahlt.

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Das neue Geld könnte vielen Instituten deshalb gerade recht kommen und Lücken stopfen. Die EZB rechnet damit, dass die ersten beiden noch dieses Jahr anstehenden Geldspritzen insgesamt ein Volumen von 400 Milliarden Euro haben dürften. Mit weiteren Salven, die sie danach noch abfeuern will, hofft Bindseil auf einen Betrag von bis zu 850 Milliarden Euro zu kommen. Das Geld würde dann die Banken insgesamt flüssig halten, ihre Refinanzierungskosten senken und - so das Kalkül der EZB - zu einem Teil als neue Kredite in die Wirtschaft fliessen. Ob das klappt, ist jedoch umstritten.

Frühere EZB-Kredite ersetzen

Commerzbank-Geldpolitikexperte Michael Schubert bezweifelt, dass diese Rechnung aufgeht: «Es besteht schon die Gefahr, dass die Banken mit dem neuen Geld einfach frühere EZB-Kredite ersetzen und den Rest für lukrative Geschäfte verwenden.» Genau dies hat ein Teil der Banken auch 2011/12 gemacht und vor allem Anleihen ihrer Heimatländer gekauft. Dadurch war die finanzielle Verquickung von Banken und Staaten noch stärker geworden - zum Unwillen von Politik, Aufsehern und Notenbankern.

EZB-Mann Bindseil hält solche «Carry Trades» heute für weniger attraktiv als noch vor einigen Jahren, da sich mit ihnen keine so hohen Renditen einfahren liessen wie zu Hochzeiten der Krise.

(reuters/chb)