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Bankenfusion: Kurssprung sei nicht voraussehbar gewesen

Swissfirst führt ein neues Gutachten ins Feld:Es soll die massiven Vorwürfe gegen CEO Thomas Matter entkräften.

Von Pascal Ihle
am 09.08.2006

Die Bank Swissfirst wird seit zweieinhalb Wochen angeschuldigt, Pensionskassen um Millionenbeträge gebracht zu haben. Swissfirst hat jetzt der «Handelszeitung» Einblick in unveröffentlichte Unterlagen gewährt.

Rückblende: Die beiden Finanzinstitute Bank Swissfirst und Bank am Bellevue entschlossen sich im Sommer 2005 für ein Zusammengehen. Beide Banken hatten als Nischenplayer mit stagnierenden und rückläufigen Gewinnen zu kämpfen. Das Motto lautete: «Merger among equals», das heisst: Zusammenschluss unter Gleichen. Da für die Altaktionäre der Bank am Bellevue eine 50%-Beteiligung Voraussetzung war, fragte Swissfirst Grossinvestoren an, ob sie daran interessiert wären, rund die Hälfte der Aktien zu verkaufen.

Hier liegt einer der heiklen Punkte: Matter musste die Pensionskassen überzeugen, ihm die Aktien zu verkaufen, durfte ihnen aber keine Details zur Bankenfusion verraten, sonst hätte er sie zu Insidern gemacht. Das ist strafbar. Zudem wusste Matter während der Gespräche nicht, ob die Transaktion zustande kommen würde. Um sich juristisch abzusichern, liessen die beiden Banken die insiderrechtlichen Grundsätze der Transaktion von der Staatsanwaltschaft Zürich prüfen.

Eine Fusion mit Folgen

Matter hatte mit der Fusion Erfolg. Wie ist ihm dies gelungen? Zwischen dem 5. und 9. September 2005 hatte der Banker 47,5% der Aktien beisammen, die Transaktion kam zustande. Nach den fünf ersten Handelstagen sprang der Kurs von 57.50 Fr. auf 85 Fr. Das versetzte Aktionär Rumen Hranov in Rage. Er hielt vor der Fusion rund 10% der Swissfirst-Aktien. Die Hälfte davon hatte er verkauft. Nach dem Zusammenschluss fühlte er sich von Matter hintergangen und reichte Anfang November 2005 Strafanzeige wegen Betrugs und Insidervergehen ein. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich und die Eidgenössische Bankenkommission ermitteln nach wie vor gegen Thomas Matter.

Aktienrechtler Peter Forstmoser und der emeritierte Strafrechtler Niklaus Schmid haben sich in einem Gutachten zur Anwendbarkeit des Grundsatzes «Niemand kann sein eigener Insider sein» geäussert und befinden die Transaktionsstruktur für korrekt. Das Gutachten ist im Auftrag der Swissfirst erstellt worden. Der Finanzmarktexperte Heinz Zimmermann von der Universität Basel legt in einem neuen, ebenfalls von Swissfirst jüngst in Auftrag gegebenen Gutachten dar, dass der Kurs der Swissfirst-Titel nach der Transaktion sowohl hätte steigen als auch sinken können. Somit sei der Kursanstieg nicht voraussehbar gewesen. Eine Vielzahl empirischer Untersuchungen zeige, so Zimmermann, dass der Kurs der übernehmenden Gesellschaft bei einer Übernahme oder Fusion im Durchschnitt sinkt. Dies treffe auch bei Zusammenschlüssen von Finanzinstituten zu.

Ein solches Beispiel ist die Ende Oktober 2005 erfolgte, strukturell und ökonomisch beinahe identische Fusion zwischen der OZ Holding und der Genfer Vermögensverwaltungsgruppe MCG Holding. Im Gegensatz zum Swissfirst/Bellevue-Deal reagierte der Aktienkurs der OZ in den ersten Handelstagen nach dem Zusammenschluss mit einem Kursabschlag von gegen 4%. Deshalb ist es in den Augen der Swissfirst unverständlich, wenn von verlorenen Millionenbeträgen die Rede ist. Da sehr viele Pensionskassen laut Angaben der Swissfirst rund die Hälfte ihrer Aktien verkauften, seien Chancen und Risiken von Kursgewinn und Kursverlust nach dem Zusammenschluss «halbiert» worden. Mit dem rasanten Kursgewinn nach der Fusion seien mit den verbliebenen 50% der Aktien aus heutiger Sicht Millionengewinne erzielt worden, so die Argumentation der Bank.

Rolle der Pensionkassen

Die Pensionskassen, die seit drei Wochen im Rampenlicht sind, halten sich mit Kommentaren zurück. Die Kassen von Rieter und Siemens zeigen sich zufrieden mit dem Geschäft. Die National Versicherung lässt verlauten, es gebe nie einen idealen Zeitpunkt für den Kauf oder Verkauf von Aktien; die Swissfirst-Transaktion habe keine Besonderheiten aufgewiesen. Gleichwohl wurden Untersuchungen eingeleitet: Das Bundesamt für Sozialversicherung nimmt die Transaktionen der IST-Anlagestiftung unter die Lupe. Im Kanton Zürich untersucht die Aufsicht über die Berufliche Vorsorge die Transaktionen der Pensionskassen von Siemens und Rieter. Offen ist, ob Verstösse gegen die Insiderstrafnorm begangen worden sind.

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Eine Bankenfusion wirft Fragen auf

Swissfirst
Die unabhängige Firmengruppe ist an der Schweizer Börse SWX kotiert. Ihre Dienstleistungen umfassen das Investment Banking, Corporate Finance sowie die Vermögensverwaltung.

Fusion
Die beiden Finanzhäuser Swissfirst und Bellevue fusionierten im September 2005. Damit der Deal zustande kam, benötigte Swissfirst-CEO Thomas Matter 50% der Aktien und kaufte sie Pensionskassen ab.

Offene Fragen
Da nach der Fusion der Aktienkurs in die Höhe schnellte, stellen sich Fragen: Welche Rolle spielten Thomas Matter und die Pensionskassen? Wussten Insider vom Deal?

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