Im Mordprozess vor dem Geschworenengericht Lugano TI hat die Staatsanwaltschaft eine lebenslängliche Freiheitsstrafe für den 52-jährigen Angeklagten gefordert. Der Deutsche soll am 11. November 2010 in Lugano den Tessiner Marketingchef einer Grossbank erstochen haben.

Der Tessiner Staatsanwalt Morena Capella zeigte sich in seinem Plädoyer überzeugt, dass es sich bei dem Tötungsdelikt um einen geplanten Mord mit finanziellen Hintergründen handelte. Der im Tessin lebende Deutsche habe damit verhindern wollen, dass er als Betrüger auffliegt.

Damit widersprach die Anklage der Version des Angeklagten, der das Gericht von einem Beziehungsdrama überzeugen wollte. Gemäss Darstellung des Staatsanwalts hat zwischen Täter und Opfer gar kein einvernehmliches Liebesverhältnis bestanden. Dies sei alles eine Erfindung des Beschuldigten.

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Die beiden Männer habe eine normale Freundschaft verbunden, die auf gemeinsamen kulturellen Interessen basierte. Zwar schliesst der Staatsanwalt nicht aus, dass der Deutsche stärkere Gefühle für den homosexuellen Tessiner hegte. Doch sei dieser fest gebunden gewesen.

Kein Beziehungsdrama

Für ein Beziehungsdrama, wie der Angeklagte es darstellte, fehlten demnach laut Anklage die Voraussetzungen. Der Deutsche hatte zuvor ausgesagt, dass es am Abend der Tat einen emotional geladenen Streit zwischen ihm und dem späteren Opfer gab.

Angeblich habe der Tessiner Marketingchef die heimliche Beziehung nach sechs Jahren abbrechen wollen. Der Beschuldigte sagte, er sei beleidigt worden, habe die Fassung verloren und in der Küche des Freundes mit einem zufällig dort liegenden Messer blind zugestochen.

Doch die Vielzahl der Stichverletzungen des Opfers lassen den Staatsanwalt daran zweifeln, dass es sich bei der Tat um eine spontane, rein emotional getragene Aktion gehandelt habe. Dagegen spreche auch, dass der Täter anschliessend die Wohnung reinigte und Beweismittel entfernte.

Finanzdelikte als Motiv

Die Staatsanwaltschaft rückte stattdessen eine Reihe von Finanzdelikten in den Mittelpunkt, die der Angeklagte in den Jahren vor dem Tötungsdelikt begangen haben soll. Den Schaden habe unter anderem der Getötete getragen. Die Anklage sieht darin das wahre Mordmotiv.

Der 40-jährige Tessiner Marketingchef soll seinem Freund, der als selbständiger Verkaufs- und Anlageberater tätig war, 200'000 Franken für Börsengeschäfte anvertraut haben. Weil das Geld verloren ging, sei es zum tödlichen Streit gekommen.

Der Beschuldigte streitet ab, dieses Geld erhalten zu haben. Andere Betrugsvorwürfe dagegen, die in der Anklageschrift aufgelistet sind, gab er vor Gericht zu. Demnach erschwindelte er sich mit gefälschten Gehaltsauszügen Geld von seiner Arbeitslosenkasse.

Ausserdem soll er einem Bekannten für nicht existente Geschäfte mit Hypothekenpfandbriefen mehrere hunderttausend Franken abgenommen haben. Der Staatsanwalt spricht neben Mord von gewerbsmässigem Betrug, Veruntreuung und Dokumentenfälschung.

Der Prozess wird am Freitag mit dem Plädoyer der Verteidigung fortgesetzt. Der Termin der Urteilsverkündung steht noch nicht fest.

(chb/sda)