Die deutsche Regierung hat die liechtensteinischen Banken mit illegalen Mitteln massiv unter Druck gesetzt. Ist als Nächstes der Finanzplatz Schweiz dran?

Hans Geiger: Die Schritte der deutschen Regierung haben eine neue «Qualität» in den Steuerwettbewerb gebracht. Ich hoffe, dass dies ein einmaliger Ausrutscher bleiben wird. Sollten der Kauf und die Verwertung von Diebesgut durch einen europäischen Staat aber Schule machen, sehe ich schwarz, nicht nur für den Finanzplatz, sondern für die Kultur in unserer Weltregion.

Wie kann sich die Schweiz gegen weitere Angriffe der EU wehren?

Geiger: Die Schweiz muss sich nicht wehren, sie muss die Rechte, die sie aus Völkerrecht und Verträgen hat, durchsetzen, und zwar mit allen Rechtsmitteln und durch alle Instanzen. Wenn die abgeschlossenen Verträge nicht mehr eingehalten würden, dürfte sie mit diesen Staaten keine neuen Verträge mehr abschliessen und müsste überlegen, welche alten Verträge das Papier doch noch wert sind.

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Streitpunkt ist die Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug, die weder EU noch OECD richtig akzeptieren. Muss die Schweiz diese Unterscheidung aufgeben?

Geiger: Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und -betrug ist Steuerhinterziehung in der Schweiz sehr viel seltener als in unseren Nachbarländern. Man darf das als Zeichen eines einigermassen intakten Verständnisses über die Rolle von Staat und Individuum interpretieren. Der Schweizer dürfte grundsätzlich zufrieden sein mit dem, was er vom Staat erhält und was er dafür zu bezahlen hat.

Auch das Schweizer Bankgeheimnis steht immer wieder unter Beschuss. Wie muss sich die Schweiz verhalten?

Geiger: Das Bankgeheimnis ist ein Markenzeichen der Schweiz, das es zu pflegen gilt. Es dient dem Schutz der Privatsphäre der Menschen. Seine Bedeutung steigt, weil die Privatsphäre, nicht nur im finanziellen Bereich, zunehmend gefährdet ist. Das Strafmass bei Verletzung des Bankgeheimnisses ist zu niedrig. Die Maximalstrafe von sechs Monaten steht in keinem Verhältnis zum Preis, den ein krimineller Bankangestellter verdienen könnte. Deutschland hat rund 7 Mio Fr. bezahlt für die Liechtensteiner Daten. Da hat jemand gut verdient.

Der Finanzplatz will bis 2015 unter die Top Drei der Welt vorstossen. Ist das Ziel, auch nach den Milliardenabschreibern von UBS und CS, überhaupt noch realistisch?

Geiger: Wir müssen unterscheiden zwischen Schweizer Banken und Bankenplatz Schweiz. Die zwei Grossbanken sind heute ausserhalb der Schweiz weit grösser als im Inland. Damit gilt auch nicht mehr automatisch «Grosse UBS & grosse CS = grosser Finanzplatz». Zudem kommt es darauf an, wie man Top Drei definiert. Im Devisenmarkt ist die Schweiz heute schon Nummer drei. Das beste Zeichen für die Stärke des Standortes Schweiz sind Anzahl und Grösse der ausländischen Banken.

Welchen Schaden hat die Schweiz durch das Straucheln der Grossbanken erlitten?

Geiger: Der primäre Imageschaden liegt bei den Banken, nicht beim Finanzplatz. Trotzdem hat die Reputation des Finanzplatzes gelitten. Auf den Finanzplätzen in den USA und in England ist der Imageschaden aber sicher noch grösser. Northern Rock ist für den Finanzplatz England eine kleine Katastrophe.

Was kann der Finanzplatz Schweiz jetzt dagegen unternehmen?

Geiger: Die Massnahmen müssen bei den Banken getroffen werden, weniger beim Finanzplatz. Die Nationalbank und die Eidgenössische Bankenkommission müssen aber sicher überprüfen, ob die Schweiz für den Krisenfall genügend und richtig gerüstet ist. Zudem soll die Schweiz gerade jetzt alles tun, um für Finanzdienstleister auch steuerlich attraktiv zu sein.

Wie lange braucht es, bis das Vertrauen wiederhergestellt ist?

Geiger: Es gilt das Sprichwort, dass Vertrauen schnell verloren, aber nur langsam geschaffen werden kann. So gesehen wird es Jahre dauern, bis das Vertrauen ins internationale Finanzsystem wiederhergestellt ist. Das ist aber nicht einfach eine Frage der Zeit. Man darf die Zeit nicht verstreichen lassen, man muss sie nutzen, um einige Fehler zu beheben. Schwachstellen gibt es genügend.

Wo sehen Sie die Zukunft des Finanzplatzes Schweiz?

Geiger: Der Finanzplatz hat sich in den letzten 20 Jahren stark spezialisiert auf Private Banking und Asset Management. In Raum Zürich spielt zudem das Versicherungsgeschäft eine international bedeutsame Rolle, in Genf sind es internationale Trade Finance und Fund of Hedge Funds. Solche innovative Firmen finden sich auch in Schwyz und Zug, dort auch der Rohstoffhandel. Diese Nischen sind auszubauen. Zudem sollte das Single-Hedge-Fonds-Geschäft forciert werden. Es gehört zwingend zu einem Asset-Management-Finanzplatz. Die rasche Abschaffung der Stempelsteuern sollte zu einem Wiedererstarken der Position im Wertpapiergeschäft helfen, wo die Schweiz in den letzten Jahren wichtige Positionen verloren hat.

Wie kann sich die Schweiz gegenüber aufstrebenden Finanzplätzen behaupten?

Geiger: Singapur und Hongkong sprechen aus geografischen Gründen eine andere Kundschaft an. Im Private Banking sind diese Plätze eher Ergänzungen als Konkurrenten zur Schweiz. Zudem sind die wichtigsten Anbieter von Private Banking an diesen Plätzen Credit Suisse und UBS.

Diskussion hat Dämpfer erhalten

Die letzten Wochen müssen den Akteuren des Finanzplatzes Schweiz wie ein Albtraum vorgekommen sein: Zunächst die milliardenschweren Abschreiber der UBS und der Credit Suisse, der Kurssturz der Finanzdienstleister an der Börse und der Reputationsverlust der Banken ? und jetzt die Hatz der deutschen Behörden auf Liechtenstein, die auf die Schweiz überzuschwappen droht. Denn der derzeitige und der ehemalige deutsche Bundesfinanzminister, Peer Steinbrück und Hans Eichel, sagen der Steueroase Schweiz den Kampf an. Bereits ist eine UBS-Filiale in München ins Visier der deutschen Ermittler geraten. Und die Bank Vontobel widerspricht Medienberichten, wonach Kundendaten ihrer Liechtensteiner Treuhand-Tochter entwendet oder missbräuchlich verwendet worden seien.

Das ist natürlich Gift für die Bankiervereinigung, den Versicherungsverband, die Swiss Funds Association und die Finanzplatz-Holding, die Grosses vorhaben: Bis 2015 wollen sie die Schweiz zum weltweit drittgrössten Finanzplatz führen; gegenwärtig rangiert sie auf Rang sechs. Von den vorgeschlagenen Massnahmen, die den Finanzplatz Schweiz revitalisieren und dynamisieren sollen, spricht gegenwärtig kaum mehr jemand