1. Home
  2. Banknoten-Experte Sicpa setzt auf Blockchain

Digitalisierung
Banknoten-Experte Sicpa setzt auf Blockchain

Schweizer Franken

Schweizer Franken: Sicpa will sich neben Geldfarben ein digitales Geschäftsfeld aufbauen.

Quelle: Keystone

In jeder Banknote steckt Farbe der Waadtländer Sicpa. Doch Bargeld wird weniger – darum setzt der Milliardenkonzern auf Blockchain.

Von Marc Badertscher
am 09.03.2018

Es gibt Firmen, die kennt kaum jemand. Dabei sind deren Produkte allgegenwärtig. Sicpa ist so ein Fall. Das Lausanner Unternehmen stellt Spezialfarben für Banknoten her. Sicher, lichtresistent. Eine Wissenschaft für sich ist das. Sicpas Farben sind überall drin, auch in den neuen Schweizer Banknoten. Jeder Zentralbanker kennt das Lausanner Unternehmen.

Neunzig Jahre Geschichte. Sicpa ist eine Institution, ein sogenannter Hidden Champion.
Doch für die Ewigkeit ist nichts. Die Digitalisierung macht selbst beim Geld nicht halt – und in absehbarer Zeit wird die Welt weniger Banknoten brauchen als heute. Das weiss auch das Familienunternehmen. Seit Monaten ist das Management daran, ein neues Standbein aufzubauen. Man will den Behörden ermöglichen, künftig sicherer mit ihren Daten umzugehen. Oder wie das heute heisst: eine Plattform für Regierungen bauen.

Enge Kontakte zu Behörden nutzen

«Sicpas Kapital sind der gute Ruf in Sicherheitsfragen und die engen Kontakte zu den Behörden weltweit. Das wollen wir weiter nutzen», sagt Philippe Thévoz. Er ist zuständig für die neuen E-Government-Lösungen. Und er will den Regierungen Lösungen anbieten, «damit die Bevölkerung auch in Zeiten von Datenlecks, Datenklau und Datenfälschungen Vertrauen in die Behörden haben kann».

Im Kern geht es um all die Register, welche Verwaltungen führen. Grundbücher, Motorfahrzeugregister, Geburtslisten, Identitätsdatenbanken oder auch Patientendossiers. Sie alle werden sukzessive in die digitale Welt verschoben. Und jene, die es bereits sind, brauchen oft sicherere Lösungen, als es sie bisher gab.

Sicpa wird kontrolliert durch die diskret auftretende Familie Amon und macht einen Umsatz von 1 Milliarde Franken. Rund 3000 Angestellte in 42 Ländern arbeiten für den Waadtländer Konzern. Über hundert Milliarden Banknoten werden jedes Jahr mit Sicpas Spezialfarben bedruckt. Zuletzt wuchs die Gruppe vor allem bei Sicherheitssystemen für den Markenschutz auf Verpackungen.

Konzepte aus der Blockchain-Welt

Alleine wird Sicpa den Aufbau des neuen Daten-Management-Geschäfts nicht stemmen können. Dazu fehlt trotz allem das Fachwissen in einem sich schnell wandelnden Umfeld. Seit Monaten ist die Firma deshalb auf Expansionskurs. Zuletzt ging man mit dem estnischen Unternehmen Guardtime ein Joint Venture ein. Guardtime ist seit fünf Jahren beauftragt, die Daten der Regierung Estlands zu verwalten.

Wie so viele Firmen in diesen Monaten setzt Thévoz auf Konzepte aus der Blockchain-Welt, um die nötigen Datenbanken aufzubauen. Allerdings erachtet er die heute verfügbaren Blockchain-Technologien als ungeeignet, um alle Bedürfnisse der Behörden abzudecken. Zu diesen Anforderungen gehören etwa: Einträge sollen nicht unautorisiert und vom Bürger unbemerkt verändert werden können. Für alle Vorgänge braucht es so etwas wie ein Logbuch. Und gleichzeitig muss die Privatsphäre gewahrt bleiben.

Vertrauen durch Transparenz

«Die Leute sollen nicht der Behörde trauen müssen, sondern dem System», so Thévoz. Zentrales Element von Sicpas Ansatz ist es, dass die Behörden periodisch einen Code zum Beispiel in Zeitungen veröffentlichen. Mit diesem Code kann jedermann jederzeit überprüfen, ob die behördlichen Daten stimmen, und sicher sein, dass sie nicht manipuliert worden sind.

Die Behörde legt dadurch andauernd öffentlich Rechenschaft ab. Vertrauen durch Transparenz lautet das Motto. Gleichzeitig behält der Staat die Kontrolle über das Management der Daten.

Sicpa muss das Rad nicht neu erfinden. «Wir nehmen existierende Bausteine und setzen sie neu zusammen», sagt Thévoz. Das bedingt eine ganz andere Arbeitsweise. Kooperationen mit Experten für die einzelnen Bausteine werden wichtiger. Das wiederum kommt einem Kulturwandel für das Familienunternehmen gleich. «Wir bauen nun ein Ökosystem um uns herum auf», sagt Thévoz.

Pilotprojekte noch für 2018 geplant

Was floskelhaft klingt, hat weitreichende Folgen. Am Anfang stand schlicht die Einsicht, dass in der digitalen Welt selbst ein Riese wie Sicpa nicht mehr alles alleine machen kann. So öffnen sich Sicpa auch Methoden, die aus der Open-Source-Bewegung stammen und dazu führen, dass die Softwareprogramme zumindest teilweise öffentlich einsehbar sind.

Die grosse Gefahr für solche Projekte mit dem Staat als Kunden ist immer, dass schnell einmal Jahre ins Land ziehen, bis schöne Pläne in die Tat umgesetzt werden. Zumindest von Sicpa-Seite soll jetzt alles ziemlich schnell gehen. Bereits 2018 dürften erste Pilotprojekte bereitstehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Sicpa neu erfindet. Begonnen hatte der Betrieb 1927 mit der Herstellung und dem Vertrieb von Melkfett.

Anzeige