Den ersten Adventssamstag wird der Detailhandel in Belgien nicht so schnell vergessen. An den Kassen in den Läden bildeten sich lange Schlangen, weil der elektronische Super-Gau eingetroffen war: Schritt für Schritt war im ganzen Land das gesamte Kredit- und EC-Kartensystem fast vollständig ausgestiegen.

Der Umsatzverlust wird auf 20 Mio Euro geschätzt. Das ist ein Viertel des normalerweise an einem solchen Spitzentag eingefahrenen Verkaufsvolumens.

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Die sekundären Folgekosten des Systemabsturzes sind noch absehbar. «Reihenweise liessen die Kunden ihre vollen Einkaufswagen genervt stehen», erklärte Gerard de Laminne vom Einzelhandelsverband Fedis. Die Aufräumarbeiten und der Verlust der Tiefkühlprodukte schlügen zu Buche. Ausserdem musste zusätzliches Personal für die Bedienung der manuellen Kassen herbeigerufen werden.

Der Systembetreiber, die bisher als verlässlich bekannte Banksys, brauchte vier Tage, um die Ursache für diesen Worst Case zu eruieren. Die Panne sei weder von einem Virus noch von einem Defekt im Übermittlungssystem zu den Terminals ausgelöst worden, versuchte eine zerknirschte Firmensprecherin die Gemüter zu beruhigen. Vielmehr hat offenbar eine Serie von kleinen Defekten im bankinternen System den Zusammenbruch ausgelöst.

Die Spitzenbelastung am Samstagnachmittag hatte zur Verkettung dieser Anfälligkeiten geführt Die vorhandenen Sicherungsprogramme für den Fall der Fälle waren blockiert. In einer Mitteilung vor zwei Monaten hatte Banksys ihre Verlässlichkeit noch in den höchsten Tönen gelobt. Mit jährlich gegen 900 Mio Transaktionen trage Banksys eine grosse Verantwortung für die gesamte belgische Wirtschaft. Deshalb habe das Unternehmen auch einen Katastrophenplan für das Unvorhersehbare ausgearbeitet. Er sehe ein Wiederhinauffahren sämtlicher Systeme innerhalb von maximal zwei Stunden vor. «Bis Ende 2004 rechnen wir mit einer Verkürzung dieser Frist auf 15 Minuten», hiess es weiter.

Der Totalausfall könnte Banksys teuer zu stehen kommen. Vor allem die Detailhändler fordern Entschädigungen in Millionenhöhe. Er hat aber auch die Kehrseite einer Quasi-Monopolsituation offen gelegt. Die Aktionäre des Unternehmens sind die 50 wichtigsten Banken in Belgien, für die Banksys den elektronischen Zahlungsverkehr ausführt. Zwar gibt es mit Thales, Keyware oder Ingenico weitere Anbieter von elektronischen Zahlungsterminals. Auch im Kreditkartengeschäft mischen zum Beispiel die Citybank und die Europabank mit. Die Marktdominanz von Banksys ist jedoch überragend.

2003 führte Banksys Transaktionen via EC oder Kreditkarte im Wert von 35 Mrd Euro aus. Im selben Zeitraum ist aus Bancomaten Geld im Wert von 10 Mrd Euro bezogen worden. Die Tendenz ist eindeutig: Die Zahl der elektronischen Zahlungen hat um 7% zugenommen, während die Bargeldbezüge um 6% abgenommen haben. Im Klartext heisst dies: Die belgische Wirtschaft ist in zunehmendem Mass auf einen funktionierenden elektronischen Zahlungsverkehr angewiesen.

Für Wettbewerbshüter in Europa könnte der Fall Banksys der Anlass sein, ähnliche Monopolsituationen in anderen Ländern genauer unter die Lupe zu nehmen. In der Schweiz hält Telekurs Multypay dieselbe überragende Stellung.


Zahlungsverkehr Schweiz: «Es kann jederzeit eine Störung geben»

Auch die Schweiz ist gelegentlich von Störungen betroffen. Der letzte grosse Vorfall liegt genau vier Jahre zurück: Am Samstag, 23. Dezember 2000, ging mit den EC-Karten (heute «Maestro») zwischen etwa 14 und 15.25 Uhr nichts mehr, an keinem Kassenterminal und keinem Bankomaten. Der Grund: Bei der Telekurs liess ein Roboter eine Kassette fallen. Zudem begannen die Geldgeräte der Credit Suisse am Tag darauf, grundlos Karten einzuziehen. Bereits vorher gab es Pannen die grössten 1994, 1996, 1997 und 1998.

«Es kann jederzeit eine Störung geben», gibt sich Telekurs-Sprecher Bernhard Wenger heute vorsichtig. Der Vorfall von 2000 habe bei der Gruppe einen tiefen Eindruck hinterlassen: «So etwas darf uns nicht mehr passieren», habe es geheissen. Entsprechend habe man reagiert: Bei Migros und Coop kann man seither «Notbelege» ausfüllen, ähnlich dem Ritsch-Ratsch-Prinzip bei Kreditkarten. Und bereits seien rund 5000 von insgesamt 80000 Kassenterminals mit der Möglichkeit ausgerüstet, «offline» von der Karte zu buchen. Der Pikettdienst bei der Telekurs sei vergrössert worden. Und auch dieses Jahr gilt bei Telekurs ab dem 13. Dezember ein Verbot für nicht dringende Software-Anpassungen.

Dass es trotzdem immer wieder zu grossen Ausfällen kommen kann, liegt nur schon an der Datenübertragung: Wenn es einen Ausfall im Telefonnetz gibt, läuft gar nichts mehr. Der Offline-Bezug an Bancomaten ist technisch ebenfalls möglich. (eb)