Seit eineinhalb Jahren ist Gérald Mathieu Chef des Private-Banking-Ablegers von Barclays. Nach schwierigen Jahren wollen die Briten hierzulande wieder wachsen. Mathieu wurde das Ziel vorgegeben, die verwalteten Vermögen baldmöglichst über die Marke von 20 Milliarden Franken zu heben, wie er im Gespräch mit der «Handelszeitung» erklärt. Derzeit lägen sie – inklusive Barbestände – bei ­gegen 17 Milliarden Franken.

Erreichen will er das über neue Zielmärkte. «Ich trat mit dem Auftrag an, erst die Kern- und dann die Wachstumsmärkte zu definieren», sagt Mathieu, der davor für Barclays in Mo­naco tätig war.

Einer der Wachstumsmärkte ist Israel. Vor kurzem verpflichtete Barclays fünf neue Mitarbeitende, die in Zürich einen Israel-Desk aufbauen sollen. Für das Land sprächen mehrere Gründe: Einerseits gebe es dort eine Generation, die mit eigenen Unternehmen zu Wohlstand gekommen ist. Gleichzeitig suchten viele ­Israeli die Diversifikation ausserhalb des Landes, sagt Mathieu. Und dafür gebe es eigentlich nur zwei Bankenplätze: London und die Schweiz.

Barclays habe bereits eine starke Präsenz im israe­lischen Investment Banking. «Wir sind da der grösste ausländische Player.» Dazu sei man unter anderem über die Akquisition von Geschäftsteilen der gescheiterten ­Lehman Brothers gekommen.

Wie es die Schweizer Grossbanken auch schon versucht haben, will Barclays sein auf sehr reiche Kunden ausgerich­tetes Private Banking eng mit seiner Investmentbank verlinken. «Wir wollen den Kunden Direktanlagen, etwa über Private Equity, vermitteln», sagt Mathieu.

Legitimation für die Investmentbank

Die Bank tut das wohl nicht ganz frei­willig, sucht sie doch – wie viele – nach einer Legitimation für ihre seit Jahren schwächelnde Investmentbank. Analysten zu­folge habe diese oft ihre Kapitalkosten nicht zu decken vermocht. Zwar scheiterte an der vergangenen Generalversammlung ein aktivis­tischer Investor mit dem ­Antrag, das Investment Banking massiv zurückzufahren. Doch als Warnschuss funktionierte der Angriff sehr wohl.

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Nebst Israel hat Barclays in der Schweiz weitere politisch eher instabile Regionen im Fokus für das Cross-Border-Geschäft. Schwergewichte habe man im mitt­leren Osten sowie in Ost­europa und Russland, sagt Mathieu.

Gérald Mathieu

Gérald Mathieu, CEO Barclays Schweiz, will den Kunden Direktanlagen über Private Equity vermitteln.

Quelle: ZVG

«Keine Mehrheit» bildeten hingegen die Schweizer Onshore-Kunden, die gleichwohl einen wichtigen Markt darstellten, so Mathieu. Barclays zielt hierbei vor allem auf in der Schweiz lebende Expats. Nicht zuletzt betreut Barclays viele Kunden mit Bezug zum Konzernmutterland Grossbritannien. Die dort schwelenden Brexit-Unsicherheiten hätten Barclays in der Schweiz «leichte» Zuflüsse verschafft.

Mathieu gibt sich zuversichtlich, was den Schweizer Standort angeht. In den vergangenen Jahren dürfte der britische Hauptsitz aber wenig Freude am hiesigen Geschäft gehabt haben, schrieb die Bank mit Hauptsitz in Genf doch immer wieder Verluste. Zuletzt in der ersten Hälfte 2019, wie der Blick in die im «Handelsamtsblatt» publizierte Halbjahresbilanz zeigt. Der Verlust von gut 3 Millionen Franken wurde offenbar von einem Abschreiber im Zinsgeschäft verursacht.

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Mathieu wollte diesen nicht kommentieren. Auch in den Vorjahren kam es zu grossen ­Verlusten in der Schweiz: 2012 waren es 12 Millionen Franken, 2013 sogar 42 Millionen. Allein im Jahr 2012 musste das Kapital der Schweizer Tochter zweimal aufgestockt werden. Auch zum Hintergrund dieser Verluste macht die Bank ­keine Angaben.

Spekulationen über Rückzüge

Es gab denn auch immer wieder Spekulationen darüber, Barclays würde sich aus der Schweiz zurückziehen. Zuletzt ­Anfang 2018, als der damalige Schweiz-Chef kurzfristig abtrat und durch den ­wenig bekannten Franzosen ersetzt wurde. Von einem «sich beschleunigenden Niedergang» schrieb das Portal «Inside Paradeplatz» damals.

Der Personalbestand in der Schweiz dürfte zuletzt eher ab- als zugenommen haben, zumindest wenn man die im Handelsregister ein­getragenen Personen als Indiz nimmt. 19 Neueintragungen standen in den letzten zwei Jahren 41 Streichungen gegenüber.

Zudem hat Barclays vor, Kapital aus der Schweiz abzuziehen. Im April wurden mehrere Schuldenrufe publiziert mit der Absicht, das Aktienkapital um 70 Millionen Franken zu reduzieren und dieses Geld den Aktionären auszube­zahlen. Auch das kommentiert die Bank nicht.

Schweiz-Chef Mathieu bestreitet Rückzugsüberlegungen. Möglich, dass das «vor vier bis fünf Jahren» mal ein Thema ge­wesen sei, als Barclays infolge der Finanzkrise die Kapitalisierung habe verstärken müssen. Heute aber würde er «sein Haus verwetten», dass Barclays dem Schweizer Standort treu bleibe.

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