Die Projektgruppe heisst 2012 – in diesem Jahr werden die Kyoto-Vereinbarungen ablaufen. Dann dürften auch die Rahmenbedingungen für den Bau neuer Gaskombikraftwerke noch strenger werden, die Klimaziele nach Kyoto deuten darauf hin. Vorher aber sollte das Gaskombikraftwerk der Süddeutschen Energiedienst Holding (ED) und der Industriellen Werke Basel (IWB) auf der deutschen Seite des Rheins nahe der Grenze zu Basel entstehen. IWB-Chef Eduard Schumacher bestätigt: «Wir möchten mit der Energiedienst-Gruppe ein Gaskombikraftwerk von 400 MW Leistung mit Wärmeauskoppelung für das Basler Fernwärmenetz bauen.» Über den genauen Standort will er noch nichts sagen.

Martin Steiger, ED-Chef, ergänzt: «Wir nehmen unsere volkswirtschaftliche Verantwortung wahr und prüfen laufend Kraftwerkstandorte auf ihre Eignung und wie Energie möglichst umweltfreundlich, günstig und zuverlässig bereitgestellt werden kann.»

Inklusiv Stromleitung nach Basel

Um die Wärme ins grösste Schweizer Fernwärmenetz einzuspeisen, bräuchte es allerdings noch eine Leitung – eine teure. «100 m Rohr kosten rund 1 Mio Fr.», sagt IWB-Chef Schumacher, und fügt an: Wenn man die Erde in Richtung Basel aufreissen würde, wäre es ein Leichtes, auch noch eine Stromleitung reinzulegen. Damit hätte das Stadtwerk Basel direkten Zugang zu einem grossen Gaskombikraftwerk.

Den grossen Schweizer Stromproduzenten Axpo, BKW, EOS und Atel bleibt solches bis jetzt verwehrt. Der Grund ist politisch: Das Parlament hatte im vergangenen Sommer beschlossen, dass die CO2-Emissionen aus Gaskombikraftwerken zu 70% im Inland und zu 30% im Ausland kompensiert werden müssen.

Für vergleichbare Projekte hat kein europäisches Land derart strenge Auflagen. Kein Wunder, haben Axpo & Co. den Fuss vom Gaspedal ihrer inländischen Projekte genommen. Diese werden – zumindest offiziell – auf kleinem Feuer warm gehalten (BKW, EOS) oder schubladisiert (Axpo). Die Kompensationsvorschriften machten den Bau von Gaskombikraftwerken im Inland unrentabel, heisst es bei den Stromunternehmen.

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Was das für die Zukunft heisst, hat vergangene Woche EOS-CEO Hans Schweickardt vorgerechnet: Für sein Projekt Chavalon im Kanton Wallis hätten sich innerhalb zweier Jahre die Gestehungskosten von 11,2 auf 22 Rp./kWh verdoppelt. Preistreiber seien die steigenden Gaspreise, die Kosten für die Kompensation der CO2-Emissionen sowie die Baukosten, die sich wegen der weltweit grossen Nachfrage nach Turbinen innert Jahresfrist verdoppelt haben. «Mit dem Kompensationsregime handeln Bund und die Politiker verantwortungslos. Sie rasen mit geschlossenen Augen gegen die Wand», wettert Schweickardt.

In der Schweiz haben deshalb die Stromproduzenten Axpo, BKW und Atel mit Unterstützung des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse den Direktzug in Richtung neue Kernkraftwerke (KKW) bestiegen. EOS-Chef Schweickardt, dessen Unternehmen in diesem Jahr mit der Stromhändlerin und KKW-Betreiberin Atel zusammengeführt wird, warnt jedoch: «Wir brauchen einen Mix von neuen erneuerbaren Energien wie Sonne- oder Windkraft, von Wasserkraft, Kernenergie und als Zwischenlösung auch Gaskombikraftwerke.» Schweickardt will in den nächsten Wochen bei Economiesuisse Überzeugungsarbeit leisten und den Wirtschaftsdachverband auf einen KKW-Kurs via Gaskombikraftwerk als Übergangslösung bringen.

Gas hat in EU einen besseren Ruf

Anders als in der Schweiz sind im Ausland Gaskombikraftwerke für die Schweizer Stromkonzerne nicht tabu. Sie beteiligen sich an Gaskraftwerken unter anderem in Deutschland, Frankreich und Italien. Dass Gaskraftwerke in der EU einen besseren Ruf geniessen als in der Schweiz, zeigt das Beispiel Deutschland: Der europäische Pionier in der Förderung neuer erneuerbarer Energien hat 2007 drei grosse Gaskraftwerke in Betrieb genommen – als umweltfreundlichere Alternative zu den Kohlekraftwerken.

Ob die Basler IWB und die an der Zürcher Börse SWX kotierte Energiedienst-Gruppe mit dem Gaskombikraftwerk-Projekt ennet der Basler Grenze die Lösung gefunden haben, ist offen. Über die Realisierung eines solchen Projektes entscheidet die Basler rot-grüne Politik mit. Das Projekt dürfte es also schwer haben.

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KOMMENTAR
IWB liefert Input für die nationale Energiedebatte

Gabriela Weiss

Auch wenn sich die Initiative der Basler Stadtwerke und der Energiedienst Holding als Versuchsballon entpuppen sollte, zeigt sie, wie vertrackt die Frage um den Energie-mix hierzulande ist. Die Schweiz kommt nicht darum herum, die Rahmenbedingungen für die Kompensation der CO2-Emissionen für Schweizer Gaskombikraftwerke noch einmal zu diskutieren.

70% der Emissionen müssen heute im Inland klimafreundlich kompensiert werden, 30% im Ausland. Da die Schweiz zu den emissionsärmeren Ländern der Industrienationen gehört, macht das die CO2-Reduktion im Inland teuer. Und den Bau von Gaskombikraftwerken zu teuer. Das hindert Schweizer Stromproduzenten aber nicht daran, sich im Ausland an Gaskraftwerken zu beteiligen, ohne auch nur 1 t CO2 nach Schweizer Vorstellungen kompensieren zu müssen. Was in der Schweiz als CO2-Schleuder verschrien ist, gilt in Deutschland – Vorbild für die Förderung von neuen erneuerbaren Energien – als vergleichsweise saubere Stromproduktion.

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Bund und Wirtschaft rechnen damit, dass in der Schweiz der Strom knapp wird. Die Auslandsbeteiligungen der Stromproduzenten tragen nur im Notfall zur Versorgungssicherheit der Schweiz bei – weil die Leitungskapazitäten in die Schweiz begrenzt sind und Europa von steigender Nachfrage ausgeht. Wie der Schweizer Strommix künftig aussieht und wie viel Strom dereinst importiert werden wird, weiss heute niemand. Die Diskussion hat erst begonnen. Das Basler Stadtwerk IWB liefert hierzu neuen Input.

 

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