Mit Politik hat das Schneesportmagazin «Snowactive» eigentlich nichts am Hut. Das Hochglanzmagazin des Schweizer Schneesportverbandes Swiss-Ski berichtet über Wintersport-Trends und neue Skis. Doch jetzt ist das Kommunikationsorgan des Verbandes zum Politikum geworden. Statt in Zofingen wird es neu im Ausland gedruckt. Dieser Schritt löste in der Druckereibranche eine Welle der Entrüstung aus. «Es stände einem nationalen Verband gut an, die hiesige Industrie zu berücksichtigen», sagt Thomas Gsponer, der Direktor von Viscom, dem führenden Verband der grafischen Industrie. Gsponer äussert sich gemässigter als viele Mitglieder. Diese sprechen von einem «riesigen Ärgernis».

50 Prozent weniger Beschäftigte

Der Wirbel um die Vergabe eines einzelnen Auftrags macht deutlich, dass die Branche tief in der Krise steckt. Das zeigt sich auch am Beispiel der wirtschaftlich angeschlagenen «Basler Zeitung» (BaZ), die derzeit wegen den Querelen rund um den Einfluss von SVP-Stratege Christoph Blocher Schlagzeilen macht. Die BaZ lagerte den Druckbereich im Frühling in eine Tochterfirma aus. Doch das Geschäft ist stark defizitär und durch ein Millionenloch in der Pensionskasse belastet.

Besserung ist nicht in Sicht. Vor zehn Jahren existierten in der Schweiz 3000 grafische Betriebe, heute sind es noch 1800. Aktuell zählt die Branche knapp 24'000 Beschäftigte. Die Hälfte dieser Arbeitsplätze könnte innerhalb der nächsten 10 Jahre ausradiert werden, befürchtet Verbandsdirektor Gsponer.

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Der Fall des Magazins «Snowactive» ist angesichts dieser Aussichten ein Dorn im Auge Gsponers. Kommt dazu, dass sein Verband derzeit eine Kampagne für mehr Swissness führt, um den Druckereien im Kampf um Aufträge unter die Arme zu greifen. Umso frustrierender, dass sich ausgerechnet ein von Schweizer Sponsoren finanzierter Sportverband darum foutiert. Der Verband Swiss-Ski verweist darauf, dass man die Publikation von «Snowactive» an die Strike Media Schweiz delegiert habe. Ihr Geschäftsführer Wolfgang Burkhardt begründet den Druckentscheid nüchtern mit wirtschaftlichen Argumenten. Man habe fünf Offerten eingeholt. Eine deutsche Firma habe die beste Qualität zum günstigsten Preis geboten.

Werbeprospekte stammen aus Deutschland 

Viele andere Kunden der Druckbranche haben in den letzten Jahren ähnlich emotionslos gerechnet. Magazine wie «Annabelle», «TV täglich» und «Sprechstunde Doktor Stutz» werden seit zwei Jahren im Ausland gedruckt. Viele Werbeprospekte in Schweizer Briefkästen stammen aus Deutschland oder Österreich, etwa die Flyer von Micasa und M-Electronics. Gleiches gilt für die Reisekataloge von Kuoni und Hotelplan, für zwei Drittel der Schweizer Telefonbücher sowie für die Bahn- und Postauto-Kursbücher. «Die Entwicklung ist beunruhigend, und sie hat sich in diesem Jahr weiter beschleunigt», so Gsponer.

Weil der Euro-Kurs so tief ist, kann im Ausland bis um die Hälfte billiger gedruckt werden als in der Schweiz. Gemäss einem Index des Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Basel ist die grafische Industrie im laufenden Jahr tief in die Rezession gerutscht. Die reale Bruttowertschöpfung lag im 3. Quartal um 9 Prozent unterhalb des entsprechenden Vorjahreswertes. Der Export von grafischen Erzeugnissen brach um 30 Prozent ein. Die Importe nahmen um 20 Prozent zu.

Seit Jahren sinkende Auftragsvolumen

Doch die Auftragsvolumen sinken schon seit Jahren, denn die Kommunikation verlagert sich zusehends ins Internet. Die Schweizer Druckereien kämpfen mit Überkapazitäten. Gleichzeitig stehen sie unter einem hohen Investitionszwang, schliesslich entwickelt sich auch die Drucktechnologie laufend weiter. Selbst die Grossen geraten in der mehrheitlich von Kleinfirmen bevölkerten Branche inzwischen in den Sog der Krise. Marktführerin Swissprinters will auf Ende Juni 2012 die Produktionen in St. Gallen und Zürich schliessen. Rund 250 Beschäftigte verlieren ihre Stelle. Das Unternehmen war 2005 aus dem Zusammenschluss der nicht zeitungsbezogenen Druckereien von Ringier, NZZ und Edipresse heraus entstanden. Swissprinters-Chef Alfred Wälti begründet den Kahlschlag mit dem Verlust von grossen Druckaufträgen an deutsche Konkurrenten. Das Unternehmen gehört zu 58 Prozent Ringier.

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Der Medienanwalt und ehemalige BaZ-Mitbesitzer Martin Wagner glaubt, dass der Branche der grosse Kahlschlag erst noch bevorsteht. Grosskunden hätten die Druckereien gegeneinander ausgespielt und die Preise nach unten gedrückt. «Jetzt lassen sich kaum mehr vernünftige Renditen erzielen», betont er. Und ein Heilmittel, um eine weitere Verlagerung des Geschäftes ins Ausland zu stoppen, sei nicht in Sicht.

Druckaufträge des Bundes nur noch an Schweizer Unternehmen

Um den Schrumpfungsprozess in der Druckereibranche zumindest zu verlangsamen, setzt Viscom auf politischer Ebene alle Hebel in Bewegung. Beim Bundesrat hat der Verband ein Massnahmenpaket deponiert. Unter anderem soll der heute für Zeitungen, Zeitschriften und Bücher geltende reduzierte Mehrwertsteuersatz von 2,5 Prozent auf sämtliche Print-Erzeugnisse ausgeweitet werden. Der Berner SP-Nationalrat Corrado Pardini fordert in einer Motion, dass Druckaufträge des Bundes sowie von SBB, Post und Swisscom künftig nur noch an Schweizer Unternehmen vergeben werden sollen. Verbandsdirektor Thomas Gsponer rechnet sich gute Chancen aus, dass die Forderungen Gehör finden. «Schliesslich geht es hier um die Erhaltung des Werkplatzes Schweiz.

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