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Bauboom: Brandgefährliche Hausfassaden

Abgebrannte Styropor-Fassade eines Testgebäudes: Risikoreicher oder ungefährlicher Baustoff?

Immobilien werden oft mit Styropor isoliert. Bauherren nehmen ein erhöhtes Feuerrisiko in Kauf.

Von Jürg Zulliger und Jürg Meier
am 07.12.2011

In der Schweiz wird gebaut wie kaum je zuvor. Um Heizkosten zu sparen, verwenden die Bauherren grosse Mengen an Dämmmaterial. Sie setzen oft die preisgünstigen Styroporplatten ein. Doch damit nehmen sie erhebliche Risiken in Kauf. Ein Experiment der Materialprüfanstalt Braunschweig hat gezeigt, dass die Wärmedämmplatten einem Feuer nur gerade acht Minuten standhielten, deckte jetzt ein Journalist des Norddeutschen Rundfunks auf.

Die Styroporplatten wirken mitunter wie ein Brandbeschleuniger. «Die Risiken von solchen Dämmungen im Brandfall sind bis jetzt völlig unterschätzt worden», warnt der Zürcher Bau- und Materialexperte Roland Wolfseher. Er appelliert an die Verantwortung: «Die richtige Materialwahl auch in Sachen Brandschutz muss in jedem Fall mit der Bauherrschaft diskutiert werden.»

Bei offiziellen Stellen ist die Gefahr zwar bekannt, sie sehen aber noch keinen Grund zum Handeln. «Wir setzen uns selbstverständlich mit dem Brandschutz bei Dämmstoffen auseinander», sagt Lars Mülli, Chef der Feuerpolizei des Kantons Zürich.

Auch die Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) ergreift keine Massnahmen. «Weder aufgrund von Rück­meldungen noch aufgrund von konkreten Schadenfällen sehen wir im Moment einen Anlass, Styropor vermehrt zu beschränken», sagt Verbandsexperte René Stüdle. Er lässt aber durchblicken, dass die Behörden einem Zielkonflikt ausgesetzt sind. «Natürlich würden wir am liebsten nur nicht brennbare Baustoffe zulassen. Doch nicht brennbare Materialien sind oft teurer.»

Laut dem deutschen Brandschutz­experten Ingolf Kotthoff ist das Braunschweiger Experiment wegen Mängeln in der Versuchsanlage zwar «in keiner Weise repräsentativ». Styropor komme aber auch in der Schweiz bei immer komplexeren Fassadenkonstruktionen zur Anwendung. Darum würde es sich lohnen, die hiesigen Brandschutznormen «entsprechend weiterzuentwickeln», so Kotthoff.

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