Auf den Traktor klettern, einen Anhänger ankoppeln und raus aufs Feld fahren. Das ist der Alltag vieler Landwirte - und nun auch der von immer mehr Spielern. Tausende von Fans weltweit mähen ganz ohne Hektik ihre grünen Wiesen, statt wie bis anhin mit Laserkanonen Monster aus dem All. Sie führen mit Verve einen Hof, füttern Vieh und schneiden Gras. Rund um den Erdball wurden schon Zehntausende Exemplare des Spiels verkauft, sogar der Schweizer Bauernverbands-Präsident Hansjörg Walter ist vom «Landwirtschafts-Simulator» begeistert.

Hinter dem Überraschungserfolg steckt das Zürcher Jungunternehmen Giants Software. Trotz des Volltreffers hat es noch nicht einmal ein eigenes Büro, die sieben Mitarbeitenden sind bei einem Ingenieurunternehmen in Untermiete, eine Klingel mit Firmen-Logo fehlt am Hauseingang. Allerdings will das zweijährige Unternehmen schon bald in grössere Räume umziehen. Nötig wäre es: Dank der grossen Fangemeinde schafft Giants Software zu den bestehenden sieben bald drei zusätzliche Stellen.

Die aktuelle Ausgabe des rund 30 Franken teuren «Landwirtschafts-Simulators» gehörte in Deutschland zu den meistverkauften Computerspielen der letzten Monate. Seit der Lancierung 2008 hat sich das Spiel mehr als 700 000-mal verkauft. «Mit der aktuellen Version werden wir die Millionen-Marke knacken», sagt Mitinhaber Thomas Frey. Neben Deutschland zählen England, Skandinavien und Polen zu den stärksten Absatzmärkten des Spiels.

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Der Neid der Konkurrenz

Das Produkt ist in Deutschland so erfolgreich, dass sich nun auch die Konkurrenz ein Stück vom Kuchen abschneiden will. Im Oktober brachte das deutsche Unternehmen UIG den «Agrar-Simulator» auf den Markt - nur wenige Tage vor dem Start des neusten Titels von Giants Software. Das Produkt der Firma aus München bekommt von Nutzern indes regelmässig wenig schmeichelhafte Noten. «Dieses Spiel ist unfertig und nicht spielbar, es kann sich nur um einen Betrugsversuch handeln», beschwert sich auf der Seite des Online-Händlers Amazon ein verärgerter Kunde. Von 86 Gamern vergeben 66 die Tiefstnote. Auch in Computerspielmagazinen hagelte es vernichtende Kritiken. Auf der Packung des «Agrar-Simulators» werden zudem Aspekte beworben, etwa der Mehrspielermodus, die im Spiel schlicht fehlen. Auch lässt es sich auf vielen Rechnern gar nicht erst starten, geschweige denn spielen. Besonders ärgerlich ist es da für die Zürcher Jungunternehmer von Giants, dass die Verpackung des «Agrar-Simulators» der des «Landwirtschafts-Simulators» zum Verwechseln ähnlich sieht. Wer sich nicht auskennt, greift leicht zum falschen Titel.

Zwar ist es nicht verboten, für ein neues Spiel das Landwirtschafts-Konzept zu übernehmen. Doch die Qualität des deutschen Titels war so bescheiden, dass Astragon, der deutsche Vertriebspartner des Zürcher Unternehmens, gegen den «Konkurrenten» UIG rechtliche Schritte einleitete. Da das Spiel Funktionen bewarb, die es gar nicht umfasst, mussten es die Händler nun in Deutschland auch wieder aus den Regalen nehmen.

Doch in die Schranken gewiesen hat Giants-Software den missliebigen Konkurrenten mit dem juristischen Spielzug nicht wirklich. Man arbeite derzeit an einer verbesserten Neuauflage und schiebe Updates nach, um die schlimmsten Fehler der Erstversion zu beseitigen, schreibt UIG auf seiner Internetseite. «Es ist vieles schief gelaufen - das sehen wir ein», bekennt das Münchner Unternehmen weiter. Doch es giesst gleich neues Öl ins Feuer: «Es ist aber leider so, dass wir von einem Konkurrenten aktiv ausgebremst wurden und werden.» Damit schiebt UIG die Schuld für das Debakel auch Giants in die Schuhe.

Schelte vom obersten Bauern

Perfekt ist auch das Spiel von Giants Software noch nicht. So sieht Bauern-Präsident Walter trotz aller Begeisterung auch Mängel: «Es lassen sich Pflanzenschutzarbeiten auf einem reifen Feld ausführen. Das ist nicht umweltgerecht», kritisiert er. Mitinhaber Thomas Frey entgegnet: «Es gibt immer Spieler, denen der Simulator zu unrealistisch ist. Doch er darf auch nicht zu kompliziert sein, sonst hat man keinen Spass mehr damit.»

So wie es Hobby-Piloten gibt, die am Flugsimulator den Flug von Paris nach New York in Echtzeit absolvieren, und andere, die nur starten und landen, so gibt es eben auch Spieler mit tieferen Ansprüchen, die einfach nur ein wenig mit dem Traktor herumfahren wollen, ohne jeden Schalter im Detail zu kennen. Das Spiel spricht denn auch verschiedene Zielgruppen an: «Kinder sind von grossen Maschinen wie Traktoren oder Baggern fasziniert, Erwachsene wollen etwas Besonderes erleben, was sie sonst nicht tun würden», erklärt Frey den Erfolg seines «Landwirtschafts-Simulators».

Die Welt des Spiel ist offen: Jeder kann so lange spielen, wie er eben Spass am virtuellen Bauernleben hat. Für Langzeitmotivation sorgt, dass in der neusten Version erstmals kooperativ geackert werden kann. Ein Spieler häckselt den Mais, währenddem der Mitspieler nebenher fährt, um das Material einzusammeln.

Das eigentliche Erfolgsgeheimnis des «Landwirtschafts-Simulators» sind jedoch die zahlreichen «Mods». Jeder kann das Spiel frei modifizieren und diese Anpassungen mit anderen Spielern teilen. Das geht von einfachen Umlackierungen von Landmaschinen bis hin zu komplett neu entwickelten Traktoren oder gar gänzlich neuen Spielwelten. «Weltweit haben wir eine Community von rund 200 000 Spielern», sagt Frey. Davon profitiert die grosse Masse der passiveren Spieler.

Ski-Pisten und Tell

«Dadurch haben wir fast alle Hersteller von Landmaschinen im Spiel, ohne dafür Lizenzgebühren bezahlen zu müssen», kommentiert Frey. Dennoch versucht Giants kontinuierlich, weitere Lizenzverträge mit bekannten Herstellern von Traktoren, Mähdreschern, Pflügen, Sämaschinen, Ballenpressen und Ladewagen abzuschliessen. Das ist für das kleine Team zwar aufwendig, doch der Zusatzaufwand lohnt sich. Er ermöglicht vielversprechende Geschäftsmodelle: Seit Kurzem können Spieler virtuelle Maschinen bekannter Hersteller hinzukaufen.

Künftig soll sich bei Giants Software jedoch nicht mehr nur alles um den Kassenschlager «Landwirtschafts-Simulator» drehen, das Team träumt davon, aufwendigere Titel zu produzieren. «Das ist wie bei einem Schweizer Filmemacher, der einen Hollywood-Blockbuster drehen will», sagt Frey. Die Entwicklung eines solchen Spiels kostet jedoch mit Dutzenden von Millionen rund hundertmal mehr als die des Bauernsimulators.

Ende 2011 betritt Giants Software schon mal Neuland und wagt sich erstmals auf die Skipiste. Im neuen Spiel soll der Nutzer Pisten präparieren und in einem zusätzlichen Wirtschaftsmodul auch noch Seilbahnen und Hotels bewirtschaften. Doch auch das soll nur ein Zwischenschritt sein. Denn der Wunsch danach, ein Spiel mit einer eigenen Geschichte zu entwickeln, ist noch immer da. Ursprünglich wollte das Team von Giants Software ein Rollenspiel mit Willhelm Tell in der Hauptrolle entwickeln. Momentan liegt das Projekt namens «Tell the Game» jedoch auf Eis: Der Schweizer Nationalheld muss sich gedulden, bis das kleine Schweizer Unternehmen ohne eigenes Klingelschild genügend «Landwirtschafts-Simulatoren» verkauft hat.