Davor Pisk hat in Europa ein Problem. Der 49-jährige Brite hat Anfang Jahr den Chefposten der Saagut-Division des Agrochemiekonzerns Syngenta mit Sitz in Basel übernommen. Das sogenannt moderne Saatgut ? die Umsatzhoffnung bei Syngenta ? hat eine Eigenschaft, die speziell in Europa kritisiert wird: Es wird durch biotechnologische Methoden gezüchtet, ist also gentechnisch verändert.

Auch in der Schweiz sind die Bedenken gegen gentechnisch veränderte Saatgutsorten gross. So haben zwölf Umwelt- und Bauernorganisationen gegen einen vor wenigen Tagen gestarteten Freisetzungsversuch der ETH Zürich mit Gen-Mais eine Beschwerde beim zuständigen Bundesrat Moritz Leuenberger eingereicht.

Syngenta-Saatgutchef Pisk bedauert dies gegenüber der «Handelszeitung»: «Wir haben in Europa die höchsten wissenschaftlichen Sicherheits- und Zulassungsstandards der Welt. Doch wir sehen, dass einzelne EU-Mitgliedsstaaten Entscheidungen treffen, die nicht wissenschaftlich basiert sind, sondern mögliche Risiken in den Vordergrund stellen.» Dies beeinträchtige die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Bauern.

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Die Division Saatgut mit weltweit mehr als 21000 Mitarbeitenden gilt als Wachstumstreiber der Firma, obwohl der Bereich im vergangenen Jahr erst 2 Mrd Dollar zum Gesamtumsatz von über 9 Mrd Dollar beisteuerte.

Auch die Uno sorgt sich

Rückenwind bekommt Syngenta neuerdings von Jacques Diouf, Chef der Uno-Welternährungsorganisation FAO. Er muss mittlerweile zugeben, dass solches «effizientes» Saatgut Vorteile hat: «Wenn die Bevölkerung von heute 6 Mrd Menschen bis 2050 auf die prognostizierten 9 Mrd ansteigt, wird man nicht darum herumkommen, die Fortschritte der Biotechnologie zu berücksichtigen», sagte er Anfang Februar der «NZZ am Sonntag».

Er will deshalb im Sommer 2008 eine Konferenz zu Klimawandel und Biotreibstoffen und deren Einfluss auf die Sicherheit der Lebensmittelversorgung veranstalten. Syngenta begrüsse diese Initiative und werde ihre Interessen durch den Industrieverband vertreten lassen, betont Pisk.

Wegen der hohen Nachfrage setzt Syngenta seit 2004 auf solches modernes Saatgut. Bis 2011 sollen 85% des Sortiments gleichzeitig gegen mindestens drei Schädlinge oder Umwelteinflüsse resistent sein. Erste solche Sorten können 2008 eingeführt werden. 2009 soll die Mais-Sorte «Mais-Amylase» erhältlich sein, welche die Herstellung von Bioethanol effizienter machen könnte.

Es sei noch zu früh, eine Umsatzschätzung für diese Sorte abzugeben, so Pisk. «Im Saatgutbereich streben wir bis 2011 eine Ebitda-Marge von 15% an, die auf Volumen und Preis zurückzuführen sein sollte», meint er aber. 2007 betrug die Marge des Saatgutgeschäfts noch 5%.

Die Aussichten für Syngenta sind gut, weil die Landwirte weltweit immer mehr auf solches Saatgut setzen:

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Diese Mais- oder Sojasorten sind resistenter gegen Schädlinge oder die Folgen des Klimawandels wie Hitzewellen.

Wegen des weltweiten Bevölkerungswachstums nimmt die allgemeine Nachfrage nach Nahrungsmitteln zu. Und der gestiegene Fleischkonsum erhöht den Bedarf an Futtermitteln für Tiere.

Die boomenden Biotreibstoffe wie Ethanol werden aus Ölsaat, Zuckerrohr oder Mais hergestellt. Dies heizt die Nachfrage nach Saatgut ebenfalls an.

Andere bestimmen den Zweck

«Um dieser steigenden Nachfrage gerecht zu werden, muss die landwirtschaftliche Produktivität weiter gesteigert werden. Dafür sind neue Technologien erforderlich», sagt Pisk. Damit könne man auch der Entwicklung begegnen, dass das landwirtschaftlich nutzbare Land durch Dürren (wie in Australien) oder Verstädterungen (wie in China) abnimmt.

Der Syngenta-Divisionschef sieht sich aber nicht als Polizist der Landwirte: «Es ist offensichtlich, dass die Entscheidung, ob die Ernte zur Herstellung von Treibstoffen, Nahrung oder Futtermitteln verwendet wird, von anderen in der Wertschöpfungskette getroffen wird und nicht Syngenta darüber entscheidet.»

 

 


Paraquat: Folgt nun US-Klage?

Die zweite Division von Syngenta, das Pflanzenschutzgeschäft (Umsatz 2007: 7,3 Mrd Dollar), bereitet mehr Sorgen als die Saatgut-Division. Ihr Chef John Atkin muss verhindern, dass nicht noch mehr Länder das Pflanzenschutzmittel Paraquat verbieten. Dieses Pestizid ist umstritten, weil es Augenschäden oder Verbrennungen der Haut verursachen kann. Die EU-Behörden entzogen dem Produkt 2007 die Zulassung, kürzlich sprach auch Sri Lanka ein Verbot aus. «Eine unabhängige Studie, die Ende 2007 veröffentlicht wurde, zeigt, dass es im Durchschnitt mit Paraquat nicht mehr Zwischenfälle als mit anderen Pflanzenschutzmitteln gibt», entgegnet Atkin auf Anfrage. «Es wird etwa zwei Jahre dauern, bis ein neuer Zulassungsantrag eingereicht werden kann. Wir werden die Situation dann neu bewerten.»

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Unter Führung der Schweizer Nichtregierungsorganisation Erklärung von Bern (EvB) läuft seit 2006 eine Kampagne für ein globales Paraquat-Verbot. Laut Sprecher Oliver Classen prüft die EvB mit Partnern und Rechtsanwälten gerade eine Klage in den USA.(han)