Hans Theo Jachmann reibt sich die Hände. «Das Geschäft mit Pestiziden macht wieder Spass», freut sich der Deutschland-Chef von Syngenta, dem weltgrössten Anbieter von Schädlingsbekämpfungsmitteln. Seit mehr als 15 Jahren ist Jachmann Geschäftsführer bei dem Agrochemie-Konzern, aber einen Boom wie dieser Tage hat er noch nicht erlebt. Um Nahrungsmittelknappheit und Preissteigerung zu bremsen, ist wieder all das gefragt, was die Öko-Bewegung hasst. Der Bio-Landbau gerät ins Hintertreffen.

Nach der Jahrtausendwende musste Syngenta mehrere Produktionsstandorte schlies- sen, doch nun ist die Nachfrage so rasant gestiegen, dass das Unternehmen mit der Lieferung nicht mehr nachkommt. «Zusätzliche Werke sind in Planung», sagt Jachmann. Ein Umsatzplus von 40% verzeichnete Syngenta 2007, im 1. Quartal 2008 legte der Erlös noch einmal um 22% zu. Die Aktie schnellte an den Börsen in New York und Zürich in die Höhe.

Mehr Meschen, gleiche Fläche

Weltweit steht die Landwirtschaft nach Meinung vieler Experten vor einer Trendwende: Die globalen Nahrungsvorräte sind geschrumpft, immer mehr Menschen müssen von den Erträgen gleich bleibender Flächen leben. Der Generaldirektor der Welternährungsorganisation der UN, Jacques Diouf, hatte schon im Dezember 2007 erklärt: «Wir brauchen Mineraldünger, um die Welt zu ernähren.»

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Misstrauen exportiert

Doch in Europa, wo bis vor kurzem Überfluss und Dumpingpreise im Lebensmittelhandel herrschten, sollte die Landwirtschaft weg vom industriellen Anbau und seinen verpönten Methoden. Der Glaube an den Segen von Bio und das Misstrauen gegen landwirtschaftliche Technologie wurden zugleich exportiert – in jene Länder, die jetzt unter der Krise zu leiden haben. «Von den Prioritätenlisten der Entwicklungshilfeorganisationen und ihrer Geldgeber ist die Förderung des ländlichen Raums seit zwei Jahrzehnten verschwunden», klagt zum Beispiel Klaus Lampe. Er war bis 1995 Generaldirektor des Internationalen Reisforschungs-Instituts (IRRI) in Los Banos auf den Philippinen. Schon während Lampes Amtszeit musste das IRRI seinen Mitarbeiterstab von ursprünglich 3200 auf etwa 2000 reduzieren, und heute sind noch 1000 übrig. Die Preise für Grundnahrungsmittel waren jahrzehntelang gleich geblieben oder sogar gesunken. Damit ist nun Schluss: Reis, der für die Menschen in vielen asiatischen Schwellen- und Entwicklungsländern das Hauptnahrungsmittel ist, kostet doppelt so viel wie noch zu Jahresbeginn.

Gerade beim Reisanbau habe die Entwicklungspolitik versagt, meint Lampe. 90% der weltweiten Reisproduktion werden unverarbeitet direkt verzehrt, bei Mais sind es dagegen nur 30%. Wer sich in der Dritten Welt jedoch um Agrartechnik bemühen wolle, so Lampe, müsse sein Vorhaben als Bio- oder Umweltprojekt tarnen. «Aber die gepriesene Bioproduktion kann nur einen Wohlstandsmarkt befriedigen oder Subsistenzbauern eine Existenz sichern, für den Rest der Welt ist sie bedeutungslos.»

Entwicklungspolitik hat versagt

Um die stark wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, muss die vorhandene Fläche effizienter bewirtschaftet werden, darüber sind sich die Fachleute einig. Was nichts anderes bedeutet, als dass auf den gleichen Feldern mehr Mais, Weizen, Reis oder Soja geerntet werden muss. Denn die Fläche auszuweiten ginge auf Kosten der Wälder, und das wäre kaum möglich, ohne das ökologische Gleichgewicht empfindlich zu stören. Viele setzen daher ihre Hoffnung auch auf die Gentechnik. Wo die klassische Züchtung versagt, soll sie helfen, die Pflanzen widerstandsfähiger zu machen gegen Schädlinge und Krankheiten. Denn durch sie geht zum Beispiel bei Getreide zwischen Aussaat und Verarbeitung etwa die Hälfte des Ertrags verloren.

Verändert hat sich die Einstellung der Deutschen zur Gentechnik. Laut einer Umfrage der Marktforscher von Emnid schwindet mit der Debatte um die Nahrungsknappheit die ablehnende Haltung: 56% gaben an, dass sie genmanipulierte Nahrung essen würden, wenn so die drohende Hungerkatastrophe abgewendet würde.