WETTBEWERB. Um international mithalten zu können, muss die Schweiz Höchstleistungen vollbringen. Denn mit Massenprodukten ist hier wenig zu wollen. Das ist eine Binsenwahrheit. Allerdings: Die Konkretisierung dieser viel gepredigten Vision ist bislang höchst unklar geblieben.

Spitzenleistungen der Wirtschaft

Was ist denn Höchstleistung? Etwa, dass sich die Schweiz laut dem neusten Global Competitiveness Report des World Economic Forum weltweit auf Platz zwei befindet? Oder die Feststellung des IMD Competitiveness Centers in Lausanne, dass die Schweiz wieder zur Top-Liga aufgestiegen ist bezüglich Unternehmenserfolg und dem daraus resultierenden Impuls für die gesamte Wirtschaft (von Rang 8 auf Rang 6)?

Oder ist es die Beurteilung des European Innovation Scoreboard, in dem die Schweiz bezüglich Innovationsleistungen bei 7 von 15 Kriterien überdurchschnittlich ist? Oder die Spitzenplatzierung von Schweizer KMU im internationalen Innovationsvergleich durch die Kof Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich?

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«Für mich ist es eine unternehmerische Höchstleistung, wenn es gelingt, eine Idee trotz Widerstand zu realisieren, ein Produkt nachhaltig in die Geschäfte zu bringen und in der Gesellschaft damit ein Umdenken zu bewirken», sagt Wim Ouboter, der Erfinder des Micro-Scooters. Und um unternehmerische Höchstleistungen realisieren zu können, brauche es bestimmte Voraussetzungen.

«Ohne Leidenschaft ist aus meiner Sicht keine Höchstleistung möglich – genau so wenig, wie kein Feuer ohne Flamme entsteht», meint Andreas Schönenberger, CEO von Google Schweiz. Auf unternehmerischer Ebene seien deshalb die Förderung von Kreativität, der Respekt für den Einzelnen, ein leistungsorientiertes Anreizsystem sowie eine positive Macher-Mentalität und viel Unternehmergeist entscheidend für die Realisierung von Höchstleistungen, glaubt er.

«Man muss in sich irgendwo einen Minderwertigkeitskomplex haben, der einem die Kraft gibt, es allen zeigen zu wollen», glaubt auch Ouboter, der ehemalige Banker, der in der Schule schlechte Noten schrieb. «Aber bewundernswert ist eine Leistung vor allem dann, wenn einen die Idee nicht völlig auffrisst, sondern man auch für die privaten Bereiche und für Gemeinnützigkeit Zeit hat. Ein Unternehmer, der seine Kinder nur einmal pro Woche sieht, ist nicht bewundernswert», ergänzt er.

Alle warten aufs Scheitern

Allerdings kämpft die Schweiz derzeit eher mit der gegenteiligen Gefahr. «Durch den Erfolg der letzten Jahrzehnte sind wir zum Teil etwas bequem geworden und überschätzen auch etwas unseren Wettbewerbsvorteil», warnt Schönenberger. Peter Stähli, CEO des Swiss Economic Forum, hat die Gefahr des Phlegmatismus ebenfalls erkannt und will sie durch ein Wiederbeleben der Begeisterungsfähigkeit bannen.

Bei der Begeisterungsfähigkeit ortet auch Ouboter das grosse Problem der Schweiz. «Wir sind ein Volk der Neider. Während ein erfolgreicher Mensch andernorts Bewunderung erntet, warten die Schweizer hämisch auf sein Scheitern», sagt er. Zwar seien stärkere steuerliche Anreize für Jungunternehmer und Investitionen in die Ausbildung nötig. «Aber vor allem braucht es eine vermehrte Sensibilisierung der Gesellschaft gegen den Neid und dafür, dass Unternehmer in der Regel keine abzockenden Manager sind. Nur so können Höchstleistungen in der Schweiz wirklich zum Blühen gebracht werden», ist er überzeugt. Blumenbeete dafür gebe es nach Ansicht von Ouboter und Schönenberger einige: Tourismus, Umwelttechnologien, Information- und Kommunikationstechnologien, aber auch Gesundheitsdienstleistungen und Life Science.

 

Das Swiss Economic Forum will den Phlegatismus bannen

Die Schweizer sind bescheiden und zurückhaltend. Wir möchten, dass sie mehr aus sich herauskommen, Begeisterung entwickeln und ihr Umfeld mitreissen.» Das sagt Peter Stähli, CEO des Swiss Economic Forum (SEF). Unter dem Motto «HöCHstleistung» steht die zehnte Ausgabe der Veranstaltung. Das Thema habe sich aufgedrängt, da die Schweiz als Hochlohnland auf solche angewiesen sei. «Die Schweiz muss Nischen besetzen und mit neuen Produkten ihren Marktvorsprung ausnützen», ist er überzeugt.

Unternehmerische Höchstleistung definieren die Veranstalter des SEF als die Fähigkeit, innerhalb einer klar begrenzten Zeit, qualitativ hochstehende Innovationen erfolgreich an den Markt zu bringen. Aber auch ein nachhaltiger unternehmerischer Erfolg, die erfolgreiche Etablierung einer Start-up-Firma oder ein gelungener Turnaround sind Leis-tungen auf höchstem Niveau.

Es brauche gute Rahmenbedingungen für solche unternehmerische Höchstleistungen, vor allem eine liberale Gesetzgebung, eine ausgebaute Infrastruktur, ein hohes Ausbildungsniveau und wenig administrative Hürden. «Das alles bietet die Schweiz. Und deshalb ist das Land prädestiniert für den Hightech-Bereich und das erfolgreiche Umlegen von Innovationen», so Stähli. Mit Erfolgsbeispielen, aber auch mit Lehrstücken aus Misserfolgen will das SEF zu mehr Dynamik anregen. «Besonders auch durch das Netzwerken auf höchstem Niveau erhoffen wir, dass neue Ideen, Kooperationen und Geschäfte mit Folgen auf dem Markt entstehen», sagt er. Denn eine grosses Gefahr habe das Land: Nämlich die Gefahr des Phlegmatismus.

Weil es uns heute schon sehr gut gehe und wir auf einem hohen Standard leben, sei es schwierig geworden, die Dynamik aufrechtzuerhalten, beobachtet Stähli. «Anders als die Länder in Asien, die den grossen Aufschwung noch vor sich haben, sind auf unserem Niveau nur noch kleinere und weniger spektakuläre Schritte möglich», meint er. Doch seien genau sie wichtig, um das Land weiterzubringen.

Das Thema «HöCHstleistung» soll am nächsten SEF aber nicht bloss im Hinblick auf Produkteinnovationen behandelt werden. «Höchstleistung beginnt im persönlichen Engagement. Ein CEO muss Begeisterung versprühen und diese an sein Team weitergeben. Erst wenn dies verschiedenen Unternehmensführern gelingt, entsteht Höchstleistung am Markt», erklärt Stähli. Und auf das käme es schliesslich an. «Ein einziges erfolgreiches Unternehmen bringt dem Land wenig», sagt er, «es sind alle gefordert, damit die Volkswirtschaft profitiert.».