Von Strategie zu reden, ist einfach, wenn es einem Unternehmen gut geht. Worauf kommt es in schlechten Zeiten an?

Riet Cadonau: In schlechten Zeiten kommt Pragmatismus klar vor akademischen Höhenflügen. Im Jahr 2002 befand sich Ascom in einer sehr schwierigen Situation. Da ging es darum, mit einigen Schlüsselmassnahmen das Überleben sicherzustellen.

Wie genau?

Cadonau: Die Strategie bestand damals aus drei wesentlichen Elementen: Stop Cash-Burning, Devestition von verlustbringenden Einheiten und Stärkung der Eigenkapitalbasis. Dank einer erfolgreichen Umsetzung steht Ascom heute wieder auf gesunden Beinen ? zwar deutlich kleiner, dafür aber schuldenfrei und mit einigen Reserven für eine nachhaltige Unternehmensentwicklung. Jetzt geht es darum, unsere Ziele zu erreichen, sprich zu liefern.

Ihr Unternehmen ist seit 20 Jahren eine Baustelle. Wie soll die Öffentlichkeit glauben, dass es sich diesmal tatsächlich um eine endgültige und gewinnbringende Strategie handelt?

Cadonau: Ascom ist heute solid: Das Unternehmen ist schuldenfrei, profitabel im Kerngeschäft und verfügt über eine beachtliche Nettoliquidität. Wir streben profitables Wachstum an, und unser Ziel für 2010 lautet 10% Ebit-Marge auf Gruppenstufe bei jeweils 5% organischem Wachstum im Kerngeschäft. Das letzten Herbst beschlossene Investitionsprogramm Vitesse wird uns helfen, diese Ziele zu erreichen.

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Wieso gehen Sie selbst davon aus, dass die diesmalige Strategieänderung den Durchbruch bringt?

Cadonau: Die Ascom-Strategie ist seit 2003 gleich geblieben. Mit dem Investitionsprogramm Vitesse wollen wir das profitable Wachstum beschleunigen. Gelingen wird uns das mit fähigen und engagierten Mitarbeitenden, die an richtiger Stelle eingesetzt sind. Vitesse besteht aus den drei Elementen Wachstumsinitiativen, Restrukturierungsmassnahmen und Portfoliobereinigung.

Wie wurde das Programm mit seinen 82 Einzelmassnahmen konkret erarbeitet?

Cadonau: In einer ersten Phase haben wir mit externer Unterstützung während vier Wochen in einem Top-down-Ansatz die Kosten- und Margenpotenziale analysiert. Die einzelnen Massnahmen haben wir anschliessend mit einem Bottom-up-Ansatz während einer Periode von drei Monaten verifiziert. Seither läuft die Implementierungsphase ? die Hälfte der beschlossenen Massnahmen ist bereits umgesetzt.

In der Vergangenheit fanden immer wieder Trends und Gegentrends von Diversifikation zu Fokussierung und umgekehrt statt. Warum haben Sie sich jetzt für eine Fokussierung entschieden?

Cadonau: Als Folge der Globalisierung ist die heutige Unternehmenslandschaft zum Grossteil auf klar definierte Kerngeschäfte fokussiert. Das A und O ist allerdings eine konsequente Umsetzung der Fokussierungsstrategie.

Man kann sich auch auf das Falsche fokussieren ?

Cadonau: Richtig. Um das zu vermeiden, haben wir bei unseren beiden eigenen Einheiten Wireless Solutions und Security Solutions eine SWOT-Analyse durchgeführt und sie den Chancen und Risiken der Märkte gegenübergestellt. Das ist kein besonders innovatives Vorgehen, dafür aber pragmatisch.

Sie streben in absehbarer Zukunft nicht bloss organisches Wachstum, sondern auch Akquisitionen an. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie?

Cadonau: Wir haben sieben Akquisitionskriterien definiert, die ebenfalls pragmatisch sind. Wir entscheiden beispielsweise danach, ob etwas zu unserer Strategie passt und ob ein Objekt eine geografische und/oder technologische Ergänzung unserer Palette darstellt. Weitere Kriterien sind die Kundenbasis, die Profitabilität, die Retention der Schlüsselpersonen und ob überhaupt die Bereitschaft zum Verkauf vorhanden ist.

Bei Spectralink haben sie trotz optimalem Potenzial untätig zugesehen ?

Cadonau: Die Akquisition von Spectralink wurde ? noch vor meiner Zeit als Ascom-CEO ? aufgrund des zu hohen Preises nicht weiterverfolgt. Als Teil von Vitesse haben wir aber in den USA das Projekt Catapult lanciert: Es gelang uns, nach dem Verkauf von Spectralink an Polycom, ein Team von Verkaufsleuten abzuwerben und unsere Vertriebsorganisation so gezielt zu stärken.

Wie stellen Sie sicher, dass Vitesse anhaltend wirkt?

Cadonau: Vitesse wird als Projekt von mir geführt und vom verantwortlichen Projekt-Manager konsequent umgesetzt. Persönlich mache ich eine regelmässige Review zu jeder einzelnen Massnahme.

Ascom muss schnell handeln und kann sich keine Fehltritte mehr leisten. Wie gehen Sie mit dem Problem des Zeitdrucks um?

Cadonau: Es ist in der Tat so, dass viele Schritte parallel getan werden müssen, was hohe Anforderungen an das Management und die Mitarbeitenden stellt. Wir arbeiten als Team sehr zielorientiert und haben uns in den letzten Monaten auch verstärkt. Unsere Mitarbeitenden wissen, dass bei Ascom kein Easy Life möglich ist. Dafür haben sie die Chance zu erleben, dass sie etwas bewegen können.

Wie wichtig ist für das nachhaltige Verfolgen einer Geschäftsstrategie die Ausgestaltung der Aktionärsstruktur?

Cadonau: Als Publikumsgesellschaft ist ein breit gestreutes Aktionariat wünschenswert ? nicht zuletzt als gute Verankerung im Finanzmarkt. Wir wünschen uns Investoren, die zumindest die mittelfristige Unternehmensentwicklung unterstützen. Das Unternehmen sollte nicht zum Spielfeld für Spekulationen und destruktiven Aktivismus werden. Denn damit wird das Management absorbiert und die Implementierung wichtiger Massnahmen verzögert.

? wie vor einem Jahr fast mit Victory geschehen. Wie halten Sie künftig Heuschrecken fern?

Cadonau: Das beste Mittel ist ein hoher Aktienkurs.

Davon ist Ascom derzeit weit entfernt ?

Cadonau: Ascom liegt im allgemeinen Trend der Börse. Unser Ziel besteht darin, die in Aussicht gestellten Resultate zu liefern und so nachhaltige Glaubwürdigkeit bei den Investoren zu schaffen.