Es ist erst im ganz kleinen Kreis bekannt: Walter Grüebler, Präsident des Spezialitätenchemiekonzerns Sika, hat gemeinsam mit dem Verwaltungsrat seinen Kronprinzen gekürt. Industriemanager Paul J. Hälg soll ihn beerben. Das hat die «Handelszeitung» aus gut informierten Kreisen erfahren.

Paul Hälg (56) ist CEO des Industriekonzerns Dätwyler und sitzt bereits im Sika-VR. Darüber hinaus amtet er als VR-Präsident des Spezialwerkstoffherstellers Gurit. Zuvor war Hälg für den Chemiekonzern Dow und den Bodenbelag- und Klebstoffhersteller Forbo tätig - bei Letzterem als Mitglied der Konzernleitung.

Heisse Gespräche

Für Sika-CEO Ernst Bärtschi ist die Wahl Hälgs ein Schlag ins Gesicht. Denn Bärtschi (58), der sich bei Sika vom Finanz- zum Konzernchef hocharbeitete und als hochgradig loyal gilt, hat sich gemäss gut informierten Kreisen grosse Chancen auf das VR-Präsidium ausgerechnet. Dass Hälg ihn nun rechts überholt hat, passe dem ehemaligen Schindler- und Nestlé-Manager Bärtschi gar nicht. Derzeit laufen angeblich heisse Gespräche, wie es mit dem Sika-Konzernchef weitergehen soll.

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Warum Hälg das Rennen gemacht hat, liegt auf der Hand: Der doktorierte Chemiker passt zu Sika wie der Deckel zum Topf - Hälg glänzt mit Fachwissen, Management- und Verwaltungsratserfahrung. Bärtschi dagegen ist ein Zahlenmensch: Der Volkswirtschaftler mit HSG-Diplom gilt als brillanter Finanzer und Visionär, der Sika zu Rekordergebnissen geführt hat - beim Fachwissen aber könne er mit Hälg nicht mithalten.

Grüebler selbst setzte in der Öffentlichkeit bisher keine Signale. An der jüngsten Sika-Generalversammlung im April liess sich der gut vernetzte Industriechef, der in diesem Jahr 68 Jahre alt wird, nochmals von den Aktionären für eine weitere Amtszeit bis 2013 bestätigen. Früher mussten die Sika-Chefs spätestens mit 66 Jahren den Sessel räumen. Dieser Passus ist zwar aus den Statuten gestrichen worden. Trotzdem werden die Stimmen lauter, die Grüeblers Rücktritt fordern. Hinter vorgehaltener Hand wird der Präsident mal als «Urgestein» bezeichnet, mal als «einer, der nicht loslassen kann».

Sika-Konzernsprecher Rainer Weihofen antwortet auf Anfrage schriftlich: «Die Generalversammlung der Sika AG vom 20. April 2010 hat Herrn Dr. Walter Grüebler, Präsident des Verwaltungsrates der Sika AG, für eine weitere Amtsperiode bis zur Generalversammlung 2013 gewählt. In jenem Jahr wird er auch die Altersgrenze als Verwaltungsrat gemäss Organisationsreglement erreichen. Der Verwaltungsrat wird sich rechtzeitig mit seiner Nachfolgeregelung befassen. Konkrete Entscheidungen liegen daher keine vor und sie wären angesichts der Länge der noch verbleibenden Amtsperiode auch verfrüht.»

Gut informierte Quellen halten hingegen an der Version fest, dass sich das Sika-Verwaltungsratsgremium bereits auf Hälg geeinigt habe - zumindest informell. Das macht Sinn: Läge ein formaler VR-Beschluss vor, hätte das Ergebnis aufgrund der Meldepflichten der Schweizer Börse längst kommuniziert werden müssen.

Hälg verweist auf Anfrage an die Medienstelle von Sika: Ihr obliege die Kommunikation, er habe der Stellungnahme des Konzernsprechers nichts hinzuzufügen.

Eng vernetzter Industriechef

Grüebler, ehemaliger Algroup-Manager, übernahm im Oktober 1999 den Sika-Chefsessel. Vom damaligen VR-Präsidenten Hans Peter Ming als Troubleshooter geholt, gelang es Grüebler in den darauffolgenden Jahren, den Konzern neu aufzustellen. Heute erzielt der Spezialitätenchemiekonzern 4,1 Mrd Umsatz und gehört mit einer operativen Marge von über 11% zu den profitabelsten Firmen in seinem Sektor. Im Frühling 2005 zog sich Grüebler, damals 62, aufs VR-Präsidium zurück. CEO wurde Finanzchef Ernst Bärtschi.

Grüebler scheut die Öffentlichkeit, Interviews gibt er selten. Er gehört zu den bestvernetzten Industriechefs der Schweiz. Grüebler hat Verwaltungsratsmandate bei der Raffineriebetreiberin Petroplus, beim Versicherer Nationale Suisse und beim Werkstoffhersteller Quadrant. Darüber hinaus ist er im Stiftungsrat der mächtigen ETH Zürich Foundation. Hier trifft Grüebler auf andere Wirtschaftsgrössen wie Jürgen Dormann, den ehemaligen ABB-Sanierer und heutigen Sulzer-Präsidenten, auf Ex-Swiss-Re-CEO Jacques Aigrain und auf Swisscom-Präsident Anton Scherrer. Mit Letzterem sitzt Grüebler auch im wichtigen Vergabeausschuss der ETH Foundation. Dieser entscheidet darüber, welche Projekte mit wie vielen Mitteln aus dem Stiftungsvermögen unterstützt werden. Zur Kategorie Liebhabereien dagegen gehört sein VR-Präsidium bei der TSH - der Tennis & Squash Hünenberg AG.