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E-Mobilität
Bei Tesla ist der Lack ab

Tesla Elon Musk
Elon Musk mit Model X: Glamour, aber nicht immer professionelle Fertigung.Quelle: Getty Images

Lange verzückte der Elektropionier die Wall Street. Nun machen Produktionsprobleme, Verzögerungen sowie Unfälle die Investoren nervös.

Von Helene Laube
am 17.05.2018

Wie lange hält er durch? Wann stürzt er vom Thron? Elon Musk, weltweit gefeierter Rebell, der die überbezahlten Autobosse mit seinen Telsa-Flitzern ausbremste, der mit einer Rakete – Marke Eigenbau – zum Mars aufbrechen will, der es aufs Cover vom «Rolling Stone»-Magazin schaffte und von Investoren mit Milliarden überhäuft wurde, dieser scheinbare Alleskönner steht an der Wand.

Und alle stellen sich die Frage: Ist er Visionär oder doch bloss der Blender, den es im Silicon-Valley-Hype nach oben spülte? Zwar hat er, der gefeierte Tech-Unternehmer, schon manchen Rückschlag lässig weggesteckt, doch jetzt scheint sich alles gegen ihn verschworen zu haben. Die Anleger, die Analysten, die Techniker, die Lieferanten, die Konkurrenten, ja sogar das eigene Management.

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Lange schenkte auch die Wall Street dem Tesla-Chef, der den Elektroautohersteller aus dem Silicon Valley mit einem Anteil von 20 Prozent kontrolliert, schier grenzenlosen Goodwill. Die Geldgeber schossen immer wieder frisches Kapital ein und trieben das hochverschuldete Unternehmen trotz tiefroten Zahlen auf immer neue Höhen. Aber nach 15 unprofitablen Jahren, acht davon an der Börse, ist der Lack ab.

Und manch einer fragt sich: Weshalb soll ich in eine Startup-Bude investieren, die unrentabel ist und jedes Ziel verpasst? Zunehmend macht sich Rationalität breit. Und die zeigt, dass die Autobauer aus München, BMW, vielleicht doch mehr können als die Bastler aus dem Silicon Valley. Die Vernunft zeigt sich auch daran, dass die Firma Tesla, die letztes Jahr mehr Wert war als BMW, mit einem immer grösseren Abschlag gehandelt wird.

Tesla
Tesla verbrennt viel Geld
Quelle: Bloomberg

Tesla – eine Anlage zur Dollar-Verbrennung

Musk rast seit Wochen von einem Problem zum nächsten, kein Fettnäpfchen lässt er aus. Produktionsprobleme, die zur mehrmaligen Überarbeitung der Ziele beim für den Unternehmenserfolg zentralen Model 3 führen, eine Rückrufaktion für 123 000 Model S, Fragen zum Autopiloten nach tödlichen Unfällen, ein Autobrand im Tessin, Arbeitsunfälle im kalifornischen Montagewerk und Prozesse im Zusammenhang mit Musks umstrittenem Kauf der von seinen Cousins gegründeten Solarfirma SolarCity verunsichern Investoren und drücken auf den Aktienkurs. Seit dem Allzeithoch von knapp 390 Dollar im vergangenen September ist der Tesla-Kurs um 23 Prozent eingebrochen. Der Strahl zeigt weiter nach unten.

Die Herabstufung der Schulden in Richtung Junk-Niveau durch Moody’s Ende März erschüttert das Vertrauen weiter. Die Ratingagentur warnte vor einer «beträchtlichen Unterschreitung» der Model-3-Produktionsrate sowie fehlendem Cash für den normalen Betrieb, den Produktionsausbau und für den Anfang nächsten Jahres fällig werdenden Schuldendienst. Tesla sitzt auf einem längerfristigen Schuldenberg in Höhe von 9 Milliarden Dollar und gesamten Verbindlichkeiten von fast 22 Milliarden Dollar.

Der Autohersteller braucht gemäss Analysten kurzfristig zwischen 2 und 3 Milliarden Dollar Cash für den Ausbau der Model-3-Produktion, auch wenn Musk jüngst zu Protokoll gab, «genau dies nicht tun zu wollen». Er werde höchstens den bestehenden Kreditrahmen nutzen. Musk sagte Ähnliches in der Vergangenheit, nur um dann genau das Gegenteil zu tun. «Musk bekräftigt, dass er kein Geld beschaffen wird – keiner nimmt ihm das ab», fasst Ben Kallo, Analyst bei Robert W. Baird & Co., die Gemütslage zusammen. Kurzum: Musk hat seinen Kredit weitgehend verspielt.

Tesla-Aktie
Anleger setzen auf Tesla
Quelle: Teletrader.com Publisher

Das 2003 von den Silicon-Valley-Unternehmern Martin Eberhard und Marc Tarpenning gestartete und ab 2004 von Musk mitfinanzierte Unternehmen hat mit der erfolgreichen Einführung der Modelle S und X bewiesen, dass es Elektroautos der Luxusklasse bauen und vermarkten kann. Die Zahlen sind aber bescheiden, weshalb Tesla trotz den hohen Preisen unter dem Strich Verluste schreibt.

Damit der Pionier zum Autobauer mit kritischer Masse, schwarzen Zahlen und langem Atem wird und im Kampf gegen Porsche, Audi, BMW, Jaguar, Daimler, VW und Co. bestehen kann, braucht er eine erfolgreiche Einführung seines Model 3, seines ersten für den Massenmarkt konzipierten Elektroautos. Die Nachfrage wäre da: Als Musk das Auto im März 2016 enthüllte, standen die Fans vor den Tesla-Läden Schlange – ähnlich wie bei Apple unter Steve Jobs. Mehr als zwei Jahre später warten die meisten der 450 000 Besteller, die alle Anzahlungen geleistet haben, immer noch. Nur: Jobs lieferte, Musk hält hin. Und nervt.

Der viel gelobte Tausendsassa hatte im Mai 2016 in einer Telefonkonferenz mit Analysten eine für ihn typisch bombastische Prognose gemacht: In der zweiten Jahreshälfte 2017 würden 100 000 bis 200 000 Model 3 vom Band laufen. Die effektive Produktionszahl lag bei 1770 Stück. Im August 2017 stellte Musk bis Ende 2017 5000 Stück der ab 35 000 Dollar erhältlichen Limousine pro Woche in Aussicht. Später hiess es, im ersten Quartal 2018 würden 2500 Model 3 produziert, aber Tesla verfehlte auch dieses Ziel. Jetzt soll die Produktion im kalifornischen Werk gar für sechs Tage ruhen.

Immer mehr X-Modelle in der Schweiz.

Musks Topleute fahren vom Feld

Seit April gilt die Devise: Schadenbegrenzung. Musk übernahm die Leitung der Model-3-Produktion von Chefentwickler Doug Field. Musk, der 2004 Verwaltungsratspräsident wurde und 2008 Eberhard vom CEO-Posten verdrängte, schlief laut eigenen Angaben auf dem Fussboden der Tesla-Fabrik, um die Prozesse und Produktionsprobleme in den Griff zu bekommen.

Diese sollen durch den übermässigen Einsatz von Robotern in Fremont im Silicon Valley und in Teslas Batteriefabrik in Nevada verschärft worden sein, also stellte er auf mehr manuelle Arbeit um. «Die zu hohe Automatisierung bei Tesla war ein Fehler. Um genau zu sein, mein Fehler. Menschen sind unterbewertet», twitterte der Tech-Milliardär, der von vollautomatisierten Fabriken träumt. Er kündigte in einem internen Mail eine Produktion rund um die Uhr an, um bis Ende Juni wöchentlich 6000 Model 3 herstellen zu können. Die Zahl wurde nie offiziell bestätigt.

Die aktuellste Ansage zu den Produktionszahlen machte Musk Anfang Mai bei der Präsentation der Geschäftszahlen für das erste Quartal. Da gabs – wiederum – einen Rekordverlust zu vermelden und – wiederum – ein Vertrösten auf übermorgen. Doch, doch, fürs zweite Halbjahr seien schwarze Zahlen prognostiziert. Tesla peile bis in zwei Monaten, also bis Anfang Juli, die Produktion von etwa 5000 Model 3 pro Woche an. Auto-Analyst Toni Sacconaghi ist mehr als skeptisch: «Das Hochfahren der Model-3-Produktion ist nicht in Sichtweite, der wöchentliche Ausstoss variiert stark, laufend tauchen neue Probleme auf», sagt der Analyst von Sanford C. Bernstein.

Tesla
Tesla-Anteil in der Schweiz.
Quelle: Auto Schweiz

In dieser kritischen Phase verliert Tesla zudem hochrangige Mitarbeiter. Jüngstes Beispiel ist Matthew Schwall, der zur Google-Schwester Waymo gewechselt hat. Der Ingenieur analysierte bei Tesla Informationen zu Leistung und Sicherheit sich im Einsatz befindender Fahrzeuge; zudem hielt er Kontakt zum Verkehrsministerium, was gerade bei der Entwicklung von autonomem Fahren zentral ist.

Im April ging auch der Chef von Teslas Autopilot zum Chiphersteller Intel, ihm folgten weitere Mitarbeiter des Autopiloten-Teams. Im Februar verabschiedete sich der für den weltweiten Vertrieb und Service verantwortliche Topmanager Jon McNeill in Richtung Uber-Konkurrent Lyft. Ebenfalls vom Acker gingen zwei hochrangige Manager in der Finanzabteilung.

Vergangenen Freitag wurde dann bekannt, dass der entmachtete Model-3-Chef Doug Field ausgerechnet in dieser kritischen Phase mindestens sechs Wochen Auszeit nimmt, um «aufzutanken». Wann er zu Tesla zurückkehrt, war nicht zu erfahren. Das alles tönt reichlich unbedarft und zerstört weiter Vertrauen. Dass diverse Aufgaben, die mit diesen Abgängen verwaist sind, vom Chef persönlich übernommen werden, trägt auch nicht zur Stimmung bei. Denn längst ist klar, dass der flamboyante Startup-Unternehmer mit tausend Ideen und hundert Hüten schon lange überfordert ist. Und jetzt kündigt er auch noch eine Reorganisation an, die noch mehr Macht und Arbeit bei ihm zentriert.

Neuzulassungen E-Autos Schweiz
Hierzulande gibt es fast 5000 E-Autos.
Quelle: Statista

Der Verwaltungsrat – ein Rat von Amateuren

Die Probleme mit dem Model 3, die Teslas technischen Vorsprung schrumpfen lassen, haben nun auch Aktivisteninvestoren auf den Plan gerufen. Die in Washington ansässige CtW Investment Group drängte die Tesla-Aktionäre vor wenigen Tagen in einem Brief, bei der Generalversammlung im Juni drei der neun Verwaltungsratsmitglieder nicht wiederzuwählen. Diese sind: der Risikokapitalgeber Antonio Gracias, Elon Musks Bruder Kimbal und der 21st-Century-Fox-Chef und Rupert-Murdoch-Filius James Murdoch.

Die Begründung der Investmentgruppe lässt tief blicken: Die Verwaltungsräte seien zu stark mit dem Tesla-Chef verbandelt, um unabhängig entscheiden zu können, zwei von ihnen hätten weder einen Schimmer vom Aufbau einer Automobilfirma noch von sauberer Energieerzeugung und -speicherung – Murdoch junior sei zudem in Skandale verwickelt. «Die Neubestellung des Verwaltungsrats ist überfällig», moniert CtW-Geschäftsführer Dieter Waizenegger. Tesla müsse Kandidaten mit «Branchen-, Governance- und Humankapital-Expertise» und mehr Distanz zum übermächtigen Tesla-Chef Musk nominieren.

Damit sorgt Elon Musk für Schlagzeilen

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Er ist Teslas erstes Serienfahrzeug. Zwischen 2008 und 2012 wurden weltweit 2450 Stück gebaut. Mit ihm wollte Musk beweisen, dass Elektroautos sportlich sein können.
Quelle: Getty Images