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Neubeginn
Bei VW hat die Ära nach Ferdinand Piech begonnen

Ferdinand Piech: Nach dem Rücktritt des Patriarchen muss VW wieder in die Spur finden. Keystone

Nach dem Rückzug von Piech von der Spitze des Verwaltungsrates muss Volkswagen in die Spur finden. Wie sieht die neue Machtbalance aus? Im schlimmsten Fall könnte der Machtpoker weitergehen.

Veröffentlicht am 26.04.2015

Ferdinand Piech hat nach dem Machtkampf um die Volkswagen-Spitze das Vertrauen verspielt. Am Samstag zog er die Konsequenzen und trat vom Verwaltungsratspräsidium zurück. Branchenexperten sehen Europas grössten Autohersteller nun vor schwierigen Herausforderungen.

Gemäss Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management, muss nun zuerst eine neue Machtbalance bei VW gefunden werden. Der Konzern müsse sich strukturell neu aufstellen und dezentraler organisiert werden, sagte Bratzel am Sonntag gegenüber der Nachrichtenagentur DPA.

Machtpoker könnte weitergehen

Der Rücktritt Piechs sei das tragische Ende einer grossen Lebensleistung. Es sei vorerst unklar, welche Rolle der VW-Patriarch künftig einnehmen werde. Denkbar sei, dass er als graue Eminenz im Hintergrund weiterhin wichtige Strippen ziehe, ergänzte Bratzel. Der Machtpoker könne im schlimmsten Fall weitergehen.

Für Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen ist die Allianz aus Gewerkschaften und dem Bundesland Niedersachsen die eigentliche Siegerin des Machtkampfs. Dieser Allianz gehe es vor allem um den Erhalt der Arbeitsplätze in Deutschland. Ob der Konzern damit aber langfristig auf der Gewinnerseite stehe, sei ungewiss.

Überraschender Rücktritt

Zur Zukunft Piechs sagte Dudenhöffer, er würde nicht ausschliessen, dass Piech nun auch seine Anteile der Porsche Holding verkaufe, unter deren Dach der VW-Konzern mehrheitlich steht. Piech sei überzeugt, dass der Weg, den VW geht, der falsche sei.

Der 78-jährige Piech war am Samstag mit sofortiger Wirkung von seinem Posten als VW-Verwaltungsratspräsident zurückgetreten. Auch seine Ehefrau Ursula gibt demnach ihr Mandat im Kontrollgremium ab. Im Verwaltungsrat übernimmt nun interimistisch der Gewerkschaftler Berthold Huber den Vorsitz.

Zweiwöchiger Machtkampf

Das Präsidium des VW-Verwaltungsrats begründete den Rücktritt Piechs mit einem zerrütteten Verhältnis. Das für eine erfolgreiche Zusammenarbeit notwendige gegenseitige Vertrauen sei nach den Vorfällen der vergangenen Wochen nicht mehr gegeben, hiess es in einer Erklärung.

Mit Piechs Abgang endet ein kurzer aber heftiger Machtkampf in der VW-Spitze. Vor gut zwei Wochen hatte Piech dem Nachrichtenmagazin «Spiegel» den entscheidenden Satz gesagt: «Ich bin auf Distanz zu Winterkorn». Der Vertrauensverlust hatte den Konzern erschüttert. In der Zentrale war von einer Katastrophe die Rede.

Winterkorn galt als Ziehsohn von Piech

Bis dahin war der 67-jährige Winterkorn als Piech-Nachfolger an der Spitze des Verwaltungsrates gehandelt worden. Die beiden waren über Jahre eng verbunden und Winterkorn galt als Ziehsohn von Piech. Mit seiner Demontage stand aber plötzlich ein Fragezeichen vor Winterkorns Zukunft im Konzern.

In der Folge wendete sich aber das Blatt und Piech geriet zunehmend selber unter Druck. Zuerst stärkten Betriebsratschef Bernd Osterloh und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, beide selbst im Verwaltungsrat von Volkswagen, Winterkorn öffentlich den Rücken.

Dann ging auch Verwaltungsrat Wolfgang Porsche auf Distanz zu seinem Cousin Piech. Dessen Aussage zu Winterkorn stelle seine Privatmeinung dar, die mit der Familie nicht abgestimmt sei. Die Familien Porsche und Piech halten die Stimmmehrheit an VW. Nach einem Sondertreffen stellte sich das Verwaltungsratspräsidium daraufhin demonstrativ hinter Winterkorn und kündete dessen vorzeitige Vertragsverlängerung an.

Herausragende Persönlichkeit deutscher Wirtschaftsgeschichte

Damit hatte Piech den gesamten Verwaltungsrat gegen sich aufgebracht. Das Vertrauen war verloren, selbst eine öffentliche Huldigung von Piechs Verdiensten durch den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder half nicht mehr: Am Samstag teilte VW in einer spröden Pflichtmitteilung mit, dass der 78-jährige Konzernpatriarch und seine Frau Ursula mit sofortiger Wirkung ihre Kontrollmandate aufgeben.

Der deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel würdigte Ferdinand Piech am Sonntag gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters als herausragende Persönlichkeit der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Der Konzern und die Angestellten hätten ihm ungeheuer viel zu verdanken.

In Wolfsburg regelrecht gefürchtet

Piech war von 1993 bis 2002 als Konzernchef von Volkswagen tätig und leitete seither den Verwaltungsrat. Nach der gescheiterten Übernahme von VW durch Porsche drehte Piech den Spiess kurzerhand um und sorgte dafür, dass Porsche der Volkswagen-Gruppe als zehnte Marke einverleibt wurde.

Angetrieben wurde er von der Idee eines Megakonzerns, der vom Kleinwagen bis zum Schwerlaster alles anbietet, was auf den Strassen rollt. Piech weitete seine Macht im Konzern, den sein Grossvater Ferdinand Porsche gegründet hatte, systematisch aus.

Kaum eine wichtige Entscheidung in dem weltumspannenden Imperium fiel ohne grünes Licht aus Piechs Büro am Familiensitz in Salzburg. Der Vater von zwölf Kindern aus vier Beziehungen wurde in Wolfsburg regelrecht gefürchtet. Privat soll er jedoch auch ein warmherziger Familienmensch sein.

(awp/sda/dpa/reu/moh)

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