Die Milliardäre aus Russland lassen sich gerne am St. Moritzer Suvretta-Hang nieder. Die Biotech-Dynastie Bertarelli residiert in Saanen. Die Schwiegermutter von Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi besitzt ein Haus im Engadiner Dörfchen S-chanf.

Doch die Schweizer Berge locken längst nicht mehr nur prominente Superreiche an. Auch das wachsende Heer der Gutverdiener stürmt den alpinen Immobilienmarkt - mit dramatischen Folgen. Egal ob in St. Moritz, Davos, Zermatt oder Saas Fee, überall herrscht ein ungezügelter Bauboom. Die Immobilienpreise explodieren. Allein in St. Moritz lag das Plus in zwei Jahren bei je über 15 Prozent.

Die Folge sind Zweitwohnungsanteile von 60 bis 80 Prozent und leerstehende neue Hotelsuiten. Das spült zwar dem lokalen Gewerbe kurzfristig Profite in die Kasse. In den Bergdörfern führt es aber zu einer Monokultur. Das wichtigste Kapital der Bergregionen - die Schönheit der Naturlandschaft - werde aufs Spiel gesetzt, warnen Experten.

«Der grösste Feind des Tourismus ist der ungezügelte Zweitwohnungsbau», sagt Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. Auch Werner Messmer, Präsident des Baumeisterverbands und FDP-Nationalrat, räumt Fehler ein: «Die regionalen Exekutiven und Parlamente stehen bei solchen Fragen ohne Zweifel unter einem enormen wirtschaftlichen Druck.»

Die Schweizer Politik scheint machtlos. Neue Betriebskonzepte in umgebauten Hotels, Lockerungen im Zusammenhang mit der Personenfreizügigkeit und der Vollzug von EU-Recht lassen Gesetze wirkungslos verpuffen.

Rodewald verlangt vom Bund verbindliche Kontingente für den Bau von Ferienwohnungen. Messmer plädiert dagegen für föderalistische Lösungen und nicht für Moratorien, Vorschriften oder Kontingente auf Bundesebene: «Die Probleme im Wallis, Engadin, Tessin oder Jura sind eben ganz unterschiedlich, und es macht keinen Sinn, über die ganze Schweiz eine uniforme Lösung zu verhängen.»

Ende letzten Jahres beschloss das Bundesparlament erste Gegenmassnahmen. Sie verpflichten Kantone und Regionen, soweit nötig Kontingente festzulegen und ein ausgewogenes Verhältnis von Erst- und Zweitwohnungen umzusetzen. Daniel Müller-Jentsch, Ökonom bei Avenir Suisse, hält wenig von der Revision des Raumplanungsgesetzes. «Es gibt keine klaren Schwellenwerte, wann die Kantone handeln müssen.» So werde am Ende gar nichts geregelt. Wenn man nun auch noch die Lex Koller ohne griffige flankierende Massnahmen abschaffe, «werden sich die Probleme noch weiter verschärfen», befürchtet Müller-Jentsch. Es gehe letztlich um eine Zweitwohnungspolitik, «die den Tourismus stärkt, statt ihn zu kannibalisieren».

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