Seit drei Jahren hat die Baisse die Börsen im Griff. Ist das Private Banking in einer tiefen Krise?

Bernard Droux: Es ist falsch, von einer tiefen Krise zu sprechen. Aber die Zeiten sind schwierig. Die Börsenbaisse dauert bereits ausserordentlich lang, und die Schweiz ist gegenüber der EU nicht in der besten Position. Viele Branchen haben aber zu kämpfen, und im Bankbereich ist nicht nur das Private Banking von der Baisse betroffen.

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Was heisst schwierig in Zahlen ausgedrückt? Eine Umfrage der Fondation Genève Place Financière hat ergeben, dass die Gewinne der Vermögensverwaltungsbanken im letzten Jahr zwischen 20 und 30% gefallen sind. Wo steht Lombard Odier Darier Hentsch im Vergleich dazu?

Droux: Die Zahl der Fondation ist ein Durchschnittswert. Ich vermute, dass einige Banken noch schlechtere Zahlen haben, allerdings kaum solche aus Genf. Der Gewinnrückgang unserer Bank entspricht etwa diesem Durchschnittswert.

Welches Jahr war schlimmer: 2002 oder 2001?

Droux: Man sollte nie vergessen, dass das Jahr 2000 ausserordentlich war. Im Vergleich zum Vorjahr nahm der Gewinn unserer Bank um 65% zu. Seit 1994 hatten wir steigende Profite. 2002 ist im Vergleich zu 2001 weniger schlecht, als dieses Jahr zu 2000.

Die Vermögensverwaltungsbanken hätten den starken Gewinneinbruch verhindern können, wenn sie früher die Aktienquote in den Portefeuilles ihrer Kunden reduziert hätten.

Droux: Wir haben den Aktienanteil in den Portefeuilles bereits Ende 2000 gesenkt. Seither haben wir diesen Prozess fortgesetzt. In einem ausgewogenen Portefeuille lagen im Jahr 2000 noch zwischen 50 bis 60% Aktien. Jetzt sind wir bei 25%.

Sehen Sie eine Chance, dass die Einnahmen in den nächsten Monaten steigen könnten?

Droux: Wir müssen sehr vorsichtig sein. Zumindest das erste Halbjahr wird sehr hart werden. Die Irak-Krise und die allgemein schwierige wirtschaftliche Lage lasten auf dem Geschäft. Was im nächsten und übernächsten Jahr passieren wird, ist schwierig zu prognostizieren. Grund zu grossem Optimismus gibt es aber nicht.

Andere Institute verloren Kunden und Vermögen, als sie fusionierten. Leidet Lombard Odier Darier Hentsch auch darunter?

Droux: 2002 war nicht das beste Erntejahr, um neue Vermögen zu gewinnen. Die Zu- und Abflüsse von neuen Vermögen halten sich ungefähr die Waage.

Im Fondsgeschäft sieht es aber anders aus: Gemäss den Daten der Fondsanalysefirma Lipper sind aus den Fonds Ihrer Bank in den letzten zwölf Monaten fast 900 Mio Fr. abgeflossen.

Droux: Der Abfluss von Vermögen ist hauptsächlich auf einige unserer grössten Vertriebspartner zurückzuführen. Zudem erlitten wir auch in Italien und Deutschland gewisse Abflüsse. Viele Deutsche sind halt etwas aktienmüde geworden.

Was bedeutet all dies für die Vermögensverwalter? Ivan Pictet von der gleichnamigen Bank sagt, dass die Institute noch zwei bis drei Jahre unter Überkapazitäten leiden würden.

Droux: Es gibt wahrscheinlich noch Überkapazitäten. Eindeutig vorhanden wären sie, wenn der Bärenmarkt noch einige Jahre weiterginge. Zwischen 1995 und 2000 haben die Vermögensverwaltungsbanken laufend Leute eingestellt, da die Nachfrage nach ihren Dienstleistungen sehr lebhaft war. Dank der Fusion können wir uns wieder refokussieren. Die Fusion ist zu zwei Dritteln abgeschlossen. Die IT-Plattformen wurden innerhalb von sechs Monaten zusammengeschlossen, was sehr schnell ist.

Gemäss Ihren früheren Angaben wird Lombard Odier Darier Hentsch Mitte 2004 1700 Mitarbeiter beschäftigen rund 300 weniger als zum Zeitpunkt der Fusion. Gilt das noch?

Droux: Wir werden dieses Ziel wahrscheinlich bereits in den nächsten Monaten erreichen.

Also kein weiterer Stellenabbau?

Droux: Aus heutiger Sicht nicht.

Gleichzeitig sagten Sie, dass die Bank Arbeitsplätze schaffe in Geschäftsfeldern, die sich gut entwickeln würden. Gibt es derzeit überhaupt solche Geschäftsfelder?

Droux: Wir haben Stellen geschaffen. So etwa in unserem Büro in Paris. Auch in London und Amsterdam haben wir im Portfolio-Management neue Leute angestellt.

Daneben investierten Sie auch ins Aktienhandelsgeschäft. Sie haben der Deutschen Bank im letzten Sommer 14 Broker abgeworben. Obwohl die Volumen an den Börsen klein sind, beschäftigen Sie nun eine riesige und teure Mannschaft.

Droux: Riesig ist das falsche Wort. In Tat und Wahrheit hat die Zahl der Mitarbeiter im Aktienhandelsgeschäft nicht zugenommen. Wir beschäftigen wie zuvor rund 50 Mitarbeiter, da uns einige Leute verlassen haben. Wir ersetzten sie durch erstklassige Broker der Deutschen Bank, die gute Beziehungen in der Finanzwelt besitzen. Wir verbesserten also die Qualität des Teams.

Versicherungen und Pensionskassen haben ihre Aktienbestände massiv reduziert. Das schmälert doch die Geschäftschancen im Brokerage.

Droux: Diese Institutionen haben tatsächlich massiv Aktien verkauft. Für einen Broker sind diese Verkäufe aber ebenfalls ein Geschäft.

Irgendwann haben die Versicherungen die Verkäufe abgewickelt. Dann sind Ihre Broker auf Folgegeschäfte angewiesen.

Droux: Bei den Versicherungen ist die Schweiz etwas ein Sonderfall. Es gibt jedenfalls rund um die Welt immer noch genügend Asset-Manager, die sehr aktiv sind. Das Brokerage für sich ist daher immer noch profitabel. Die Marge ist ähnlich hoch wie die Rendite des Fondsbereichs und des institutionellen Vermögensverwaltungsgeschäfts. Zudem: Für zweitrangige Anbieter hat es im Brokerage keinen Platz mehr. Das ist ein Grund, warum wir unser Brokerage-Team verstärkt haben. Wir haben den Ehrgeiz, der grösste unabhängige Broker für Schweizer Aktien zu werden.

Trotzdem sollen die Kunden auf die Margen drücken?

Droux: Im Bankgeschäft gibt es derzeit überall einen Margendruck. Aber für einen guten Service sind die Kunden nach wie vor bereit zu zahlen. Im Aktiengeschäft wollen wir es ohnehin nicht mit den grossen internationalen Brokern aufnehmen: Wir wetteifern nicht mit ihnen um grosse Kauf- und Verkaufsaufträge. Lombard Odier Darier Hentsch will für die Beratung, eine saubere Ausführung und die Qualität bezahlt werden.

Neben dem Brokerage ist auch das Fondsgeschäft besonders von der Baisse betroffen. Hat sich Ihre Bank in zu viele Gebiete ausserhalb des reinen Private Banking vorgewagt?

Droux: Wir sind froh, dass wir Einnahmen aus verschiedenen Geschäftsbereichen haben. Das gibt Stabilität. Unser Kerngeschäft ist und bleibt aber das Private Banking. Im Ausland sind wir ein Nischenanbieter, etwa in Frankreich, Holland oder Grossbritannien. In Deutschland möchten wir unsere Partnerschaft mit Deka ausbauen. Sie will das Vermögensverwaltungsgeschäft in Deutschland verstärken. Wir denken dabei an eine Kooperation mit Deka.

Es gibt viel zu viele Fonds: Werden Sie weitere Fonds auf den Markt bringen?

Droux: Unsere Fondsgesellschaft führt rund 70 Fonds. Zudem bieten wir unseren Kunden auch Fonds von Drittanbietern an. Trotzdem müssen wir offen sein für Ideen und den Kunden neue Produkte anbieten. Wahrscheinlich werden wir aber die Anzahl Fonds nicht erhöhen, sondern einige Vehikel umgestalten.

Unter den neuen Produkten sind Hedge-Fonds besonders beliebt. Wenn man gewissen Banken zuhört, entsteht der Eindruck, dass sie Hedge-Fonds als Allheilmittel gegen die Börsenbaisse vertreiben. Ihre Bank ist aber sehr zögernd und spät in das Hedge-Fonds-Geschäft eingestiegen.

Droux: Nein, wir sind vielleicht zu diskret. Wir haben ein Team von rund zehn Personen, die Hedge-Fonds analysieren, und das seit rund zehn Jahren. In der Asset-Allokation haben Hedge-Fonds einen Anteil von rund 10%. Zudem führen wir einen In-House-Fund-of-Funds.

Wahrscheinlich werden wir ihn bei der Bankenkommission zum Vertrieb anmelden. Wir hoffen, den Fonds dann an Drittpartner verkaufen zu können. Auch wir halten Hedge-Fonds für eine gute Sache.

Die IT-Systeme aller Banken sind für höhere Volumen ausgestaltet als heute verarbeitet werden. Die Valiant Privatbank nutzt ihre IT-Plattform. Suchen Sie weitere Partner?

Droux: Am Beginn unserer Partnerschaft mit der Valiant Privatbank stand eine Vertriebsvereinbarung für Fonds. Gleichzeitig suchte die Valiant aber eine neue IT-Plattform für das Vermögensverwaltungsgeschäft. Sie wählte uns als Partner, weil wir in der Informationstechnologie offenbar bei den Leuten sind.

Sie suchen also keine weiteren IT-Kunden?

Droux: Nein. IT-Partner zu gewinnen, gehört nicht zu unserem Geschäftsmodell. Wir sind keine IT-Firma. Die Partnerschaft mit Valiant hilft uns aber bei unserem Ziel, unsere Präsenz in der Deutschschweiz zu verstärken.

Steckbrief

Name: Bernard Droux
geboren: 3. November 1955
Zivilstand: Verheiratet, drei Kinder
Ausbildung: Bankfachmann
Funktion: CEO und Managing-Partner von Lombard Odier Darier Hentsch


Schlagworte

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