Alle Unternehmen im Kanton Jura werden erstmals gezwungen, für die Berufsbildung in die Tasche zu greifen. Vielen Betrieben in der Deutschschweiz dürfte es bald ähnlich ergehen. Der Kanton Jura führt nach Genf, Neuenburg und Wallis einen kantonalen Berufsbildungsfonds ein - die Stimmbürger haben im Juni mit 68% Mehrheit einen solchen Fonds angenommen. Als Folge zahlen die Betriebe im Jura künftig bis zu 0,1% der Lohnsumme in den Fonds ein. Für den kleinen Kanton bedeutet dies, dass jährlich zusätzlich gegen 700000 Fr. für die Berufsbildung zur Verfügung stehen, wie Jean-Luc Portmann vom Bildungsamt des Kantons Jura auf Anfrage sagt.
Mit den Fondsgeldern werden die Grundbildung, Einführungskurse, Prüfungen, Lehrmeisterschulung sowie neue Attestlehren unterstützt. Die Idee ist, dass sich Trittbrettfahrer - Unternehmen, die nicht in die Lehrlingsausbildung investieren, aber gerne gut qualifizierte Arbeitskräfte anheuern - an den Kosten der Lehrlingsausbildung beteiligen müssen.

*Arbeitgeberverband alarmiert*
Weil Lehrstellen weiter knapp sind, wurden dieses Jahr auch in den Kantonen Schaffhausen und Baselland Initiativen für kantonale Berufsbildungsfonds lanciert. Im Kanton Zürich stimmt der Kantonsrat diesen Herbst über einen solchen Fonds ab. Vor zwei Jahren wurde eine entsprechende Motion mit 78 zu 81 Stimmen nur knapp abgelehnt, heute stehen die Chancen 50 zu 50, dass der Fonds per Anfang 2008 eingerichtet wird. Rund 69000 Zürcher Betriebe sollen dann 0,1% der Lohnsumme einzahlen. Vorgesehen ist eine paritätische Verwaltung und Äufnung bis zu 20 Mio Fr.
Der Arbeitgeberverband ist alarmiert über den Boom dieser kantonalen Berufsbildungsfonds. Arbeitgeber-Direktor Thomas Daum kritisiert: «Nüchtern betrachtet handelt es sich dabei um eine neue Steuer für alle Unternehmungen - eine zusätzliche Abgabe, die zusätzlichen Aufwand bringt.» Die bisher ausbildenden Betriebe würden administrativ belastet, die übrigen entledigten sich der Aufgabe durch Bezahlung und bildeten weiterhin nicht aus.

*Schmarotzer leisten Widerstand*
Die Drückeberger vor Ausbildungsengagements geraten nicht nur von kantonalen Berufsbildungsfonds stärker unter Druck. 2007 nimmt auch die Zahl der allgemeinverbindlich (AVE) erklärten Berufsbildungsfonds der Branchenverbände weiter zu. Knapp drei Jahre nach der Einführung gibt es inzwischen elf Branchen, in denen sämtliche Firmen in einen Fonds einzahlen müssen. In der Metallbranche beispielsweise müssen neben den 1700 Mitgliederbetrieben der Schweizerischen Metall-Union (SMU) weitere 1700 Nichtmitgliederfirmen den Branchenfonds speisen.
Obwohl der Schweizerische Arbeitgeberverband solche Branchenfonds unterstützt, ist der SMU laut Direktor Gregor Saladin auf teilweise massiven Widerstand gestossen. Etliche externe Firmen verweigerten die Zahlung von 150 Fr. Grundbeitrag und 50 Fr. je Angestellter. Laut Saladin kommen die Trittbrettfahrer aber nicht davon: «In drei Fällen kam es zum Gerichtsprozess, zwei davon sind aber zugunsten der SMU ausgegangen, einer ist noch hängig.»

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*Innovative Branchenverbände*
Die Welle der neuen kantonalen Fonds sei eine grosse Sorge, sagt Saladin weiter. Er befürchte, dass Firmen gleich doppelt besteuert werden und die Kantone den Betrieben Geld wegnehmen, anstatt die Bundesgelder für die Berufsbildung richtig einzusetzen. Er bestreitet allerdings nicht, dass bisher alle Kantone eine Doppelbesteuerung verhinderten. Firmen, die in einen Branchenfonds zahlen, werden bei den kantonalen Fonds ausgenommen.
Die Befürworter der kantonalen Fonds argumentieren, die Branchenfonds wirkten nur innerhalb einer Branche und seien deshalb Struktur erhaltend. Neue Berufe dagegen würden noch nicht von Branchenverbänden vertreten. Zur Schaffung neuer Lehren und Ausbildungsplätze in branchenübergreifenden Wirtschaftszweigen brauche es auch branchenübergreifende kantonale Fonds.
Ob es zur Bekämpfung der Lehrstellenknappheit private und kantonale Fonds braucht, bleibt umstritten. Fest steht: Die Branchenverbände können sich nicht vorwerfen lassen, sie seien nicht innovativ. Der Schreinerverband und die SMU haben mit den AVE-Geldern beispielsweise die neuen Attestlehren Schreinerpraktiker respektive Metallbau entwickelt.