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Raiffeisen
Besserwisser gegen Sesselkleber

«Geordneter Übergang»: Pascal Gantenbein, interimistischer VR-Präsident, und Patrik Gisel, scheidender CEO von Raiffeisen Schweiz.
«Geordneter Übergang»: Pascal Gantenbein, interimistischer VR-Präsident, und Patrik Gisel, scheidender CEO von Raiffeisen Schweiz.Quelle: Walter Bieri | Keystone

Es ist ganz einfach, von aussen den Rücktritt eines Managers zu fordern. Intern ist die Sache zumeist komplizierter.

Kommentar  
Von Ralph Pöhner
am 19.07.2018

Man könnte jetzt einfach sagen: Das war sowieso klar. Patrik Gisel, seit 2002 zweiter Mann von Raiffeisen Schweiz, schien nur schon wegen seines Karrierewegs nicht mehr in der Lage, die Genossenschaftsbank in eine unbelastete Zukunft zu führen. Von aussen erstaunte höchstens, dass er es so lange anders sah. Gisels Entschlossenheit, sein Amt als CEO durchzuziehen, weckte mit jedem frischen Informations- und Skandalhappen zur Ära Vincenz neue Erinnerungen an Marcel Ospel.

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Der hatte sich, als es in den Bilanzen der UBS schon lichterloh brannte, kurzerhand ins grosse Buch der unvergesslichen Managerzitate geredet: Er wolle «Teil der Lösung des Problems» sein, sagte der UBS-Präsident im Dezember 2007. Man denkt vielleicht auch an Phi­lipp Hildebrand, den einstigen Nationalbank-Präsidenten; an Josef Ackermann, den standfesten Deutsche-Bank-Boss; oder an Susanne Ruoff: «Ich trete nicht zurück», verkündete sie im Februar im «Sonntagsblick». Es wurde ihr letztes Interview als Chefin der Post.

Sollen sie denn abschleichen?

Offenbar erscheinen die Fälle in der Aussenwahrnehmung vielfach klarer als für die Direktbetroffenen. Journalisten, je nachdem auch gewisse Stakeholder oder Politiker beurteilen die Lage in einem Unternehmen aus einer Fernperspektive, ohne Pflichten und Verantwortung; also überhäufen sie die Manager-Akteure im Krisenfall rasch mit Rücktrittsforderungen. Den Geforderten stellen sich derweil andere, viel konkretere Fragen – nach der Alternative, nach den Folgen eines Rücktritts für Untergebene, nach der Rechtslage, nach der Verantwortlichkeit im Detail, nach Loyalitäten, auch nach ihrem Stolz.

Und sie kommen vielleicht zum Schluss, dass sie – jawohl! – immer noch ihren Teil zur Lösung beitragen müssen. «Ich möchte nicht feige durch die Hintertür abschleichen», hatte Marcel Ospel seinem legendären Spruch vorausgeschickt. Das aber wurde nicht weiter zitiert. 

Brady Dougan, Lloyd Blankfein, Patrik Gisel

Zeichnen sich die Rücktrittsgeforderten dann noch durch eine gewisse Sturheit aus, so gelten sie als «Sesselkleber», was in sich eine weitere Abwertung darstellt – bis zum vielbeklatschten Abgang. Nun gibt es allerdings Fälle, wo die Sturheit siegte. In der Schweiz avancierte Brady Dougan, CS-Konzernchef von 2007 bis 2015, zum Champion in dieser Disziplin: In den letzten drei Jahren seiner Amtszeit wurde der Amerikaner stetig abgeschrieben und aufgegeben, wegen mieser Aktienkurse, wegen einer Rüge durch die Nationalbank, wegen Milliardenbussen. Nur Dougan selber gab sich stets unerschütterlich. Und heute, mit gewissem Abstand, wirkt der Zeitpunkt seines Rücktritts nicht besonders ausschlaggebend für das weitere Schicksal von Credit Suisse.

International übernahm Lloyd Blankfein die Rolle dessen, der gefälligst gehen soll, aber nicht geht. Der Chairman von Goldman Sachs, im Amt seit 2006, galt seit der Finanzkrise als überholt, weil seine Bank, deren Kultur und das Investment Banking insgesamt für alles standen, was schiefgelaufen war in der Branche. Diese Woche nun sagte Blankfein tatsächlich Adieu – untermalt vom grössten Quartalsgewinn in der Geschichte von Goldman Sachs.

Natürlich liegt der Fall bei Raiffeisen speziell. Doch was ist die Lage? Patrik Gisel tritt zurück. Allerdings nicht sofort. Um «einen geordneten Übergang sicherzustellen», arbeitet er weiter bis zum Jahresende, derweil der Verwaltungsrat die Suche nach einem Nachfolger vorantreibt.

Das klingt eigentlich wie ein sehr vernünftiger Teil der Lösung des Problems.