In Investorenkreisen ist häufig zu hören, nachhaltige Anlagen seien ein Thema, um das schlechte Gewissen im persönlichen Umgang mit dem Klimawandel zu entlasten. Hat die Krise diesen Modetrend nicht in den Hintergrund gedrängt?

Antoinette Hunziker: Wir stellen fest, dass die Kunden, ausgelöst auch durch die Krise, zukünftig sehr viel bewusster mit ihrem Geld umgehen wollen. Sie möchten mit ihren Anlagen nicht mehr der Raffgier dienen und keine negativen Folgen für Umwelt und Gesellschaft bewirken.

Ein Bewusstseinswandel?

Hunziker: Ja, die Anleger möchten sich intensiver mit der Materie des Geldanlegens befassen. In diesem Sinn ist die Krise ein Gewinn. Der wirtschaftliche Schock hat viele Menschen dazu gebracht, ihr eigenes Investitionsverhalten stärker zu hinterfragen.

Nachhaltigkeitsfonds sind teils stärker eingebrochen als konventionelle Anlagen. Was ist schiefgelaufen?

Hunziker: Sehr viele Nachhaltigkeitsfonds, etwa im Bereich von Schweizer Aktien, haben eine gleich gute Performance wie konventionelle Anlagen. Investitionen im Sektor Mikrofinance schnitten gar besser ab als der Durchschnitt. Negativ sieht es bei den erneuerbaren Energien aus. Diese Fonds haben sich stärker auf kleinere und mittlere Unternehmen ausgerichtet, die in der Krise besonders häufig mit Finanz- und Liquiditätsproblemen zu kämpfen hatten. Insgesamt weisen nachhaltige Anlagen bei einer breiten Diversifikation eine ebenso gute Performance auf wie konventionelle Investments.

Sind Engagements bei Start-ups und Kleinstfirmen wesentlich volatiler?

Hunziker: Ja, darum ist neben der Überprüfung von Nachhaltigkeitskriterien auch eine Finanzanalyse sehr wichtig.

In Europa sind nur rund 2% der Gelder in Nachhaltigkeit angelegt. Was braucht es, damit sich das ändert?

Hunziker: Notwendig sind umweltbewusste institutionelle und private Anleger. Gemäss einer Studie der Rating-Agentur Feri wollen gegen zwei Drittel der befragten institutionellen Investoren in den nächsten drei bis fünf Jahren mehr in Nachhaltigkeitsfonds anlegen. Wir beobachten bei uns in jüngster Zeit eine verstärkte Nachfrage nach Investments, die Umwelt- und Gesellschaftsthemen berücksichtigen. Dieser Trend dürfte bald Mainstream werden.

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Was heisst das?

Hunziker: Die Leute werden ihr Geld nur noch gestützt auf Nachhaltigkeitskriterien anlegen.

Weshalb sind uns die Amerikaner mit einem Nachhaltigkeitsanteil von über 10% deutlich voraus, obwohl sie etwa im Bereich des Kohlendioxidausstosses bei Autos alles andere als Vorbilder sind?

Hunziker: Im Finanzbereich kommen die Innovationen, ob sinnvoll oder weniger sinnvoll, fast immer aus den USA. Auch die Geschichte der nachhaltigen Geldanlagen geht auf die Amerikaner zurück.

Bei der Weltklima-Konferenz in Kopenhagen gab es von wichtigen Nationen nur halbherzige Bekenntnisse, um das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll mit einem Folgeabkommen griffig weiterzuführen. Erlahmen damit nicht auch die Anstrengungen für mehr Nachhaltigkeit bei den Unternehmen?

Hunziker: Aus unserer Sicht sind sich viele Firmen der Verantwortung und ihrer wichtigen Aufgaben im Bereich einer umweltschonenden Produktion bewusst, egal wie schnell die Politik mit griffigen Zielen vorankommt. Vor allem weil auch Investoren das nachhaltige Handeln einfordern.

Die Anstrengungen der Firmenchefs sind in diesen wirtschaftlich schlechten Zeiten vor allem auf Kostenreduktionen und mehr betriebliche Effizienz ausgerichtet. Hat es in dieser Konstellation noch Platz für die Nachhaltigkeit?

Hunziker: Wir sehen zwei Reaktionen: Zum einen argumentieren gewisse Top-Manager damit, sie hätten keine Zeit und kein Geld für die Nachhaltigkeit. Andererseits gibt es die von uns favorisierten Unternehmen, die über eine nachhaltige Geschäftsstrategie verfügen. Da werden auch in der jetzigen Phase keine Abstriche an den klar formulierten Zielen gemacht. Zudem sparen Investitionen in energiearme und ressourcenschonende Produktionsprozesse langfristig Energiekosten.

Welches sind für Sie bei der Nachhaltigkeit die Top-Themen?

Hunziker: Dazu zähl die Qualität des Managements ebenso wie Firmen, die ein massvolles Wachstum aufweisen und die Zahlen transparent publizieren. Bei den Sachthemen sind es die Steigerung der Ressourceneffizienz und der erneuerbaren Energien, eine organische Landwirtschaft sowie eine klare risikoabschätzende Politik zu Gentechnologie und Nanotechnologie. Wir schauen uns Unternehmen an, die einen Beitrag zu einer guten Lebensqualität leisten.

Wo setzt sich das Nachhaltigkeitsdenken vor allem durch: Bei den grossen Konzernen oder mehr im Bereich der KMU?

Hunziker: In allen Unternehmenskategorien, ob gross oder klein, lassen sich solche Bemühungen erkennen. Letztlich hängt es aber von der Führung ab. Der CEO, die Geschäftsführung und der Verwaltungsrat sind die treibenden Kräfte.

Die börsenkotierten Grossunternehmen müssen mit Quartalsberichten die kurzfristigen Gewinnerwartungen der Anleger befriedigen. Lassen sich da nachhaltige Themen langfristig verfolgen?

Hunziker: Die quartalsweise Berichterstattung erschwert eine langfristige Ausrichtung. Derart häufige Zwischenrapporte nehmen viel Zeit und Managementkapazität in Anspruch. Es wäre deshalb sinnvoll, auf Halbjahresberichte zu wechseln.

Wie gehen Sie bei der Auswahl Ihrer nachhaltigen Investments vor?

Hunziker: Wir haben einen dreistufigen Ansatz. Zunächst sind es 200 Nachhaltigkeitskriterien, mit denen wir das Management beurteilen, wie die Mitarbeitenden gefördert werden und welches Entlöhnungssystem angewendet wird. Beim Umweltaspekt schauen wir auf die Wirkung der Produkte und Dienstleistungen sowie den Umgang mit knappen Ressourcen. Im Bereich der Gesellschaft steht die Umsetzung der Menschenrechte im Vordergrund und wie in Entwicklungsländern produziert wird. Analysiert werden über 2200 Firmen sowie mehr als 1000 Fonds und über 50 Länder. Die erste Prüfung geschieht durch unsere externen Partner, die in diesen Ländern vertreten sind.

Wer ist das?

Hunziker: Bei den Unternehmen arbeiten wir mit Centre Info und ihrem internationalen Netzwerk von Nachhaltigkeitsanalysten zusammen. Im Fall der Nachhaltigkeitsfonds ist es die Care Group. Nach diesem Evaluationsverfahren verbleiben noch etwa 700 Firmen. Danach folgen in unserem Hause eine konventionelle Finanzanalyse und eine Nachhaltigkeitsanalyse. Schliesslich verbleiben rund 180 Unternehmen vom Blue Chip bis zum Small Cap und einer breiten Diversifikation nach Branchen sowie 15 nachhaltige Aktienfonds.

Die Qualität des Managements zu überprüfen dürfte nicht ganz einfach sein.

Hunziker: Ausschlaggebend ist für uns, ob die kommunizierten Massnahmen auch umgesetzt werden. Der «Track Record» eines Führungsgremiums wird sehr genau unter die Lupe genommen.

Sprechen Sie persönlich vor?

Hunziker: Ja, bei einigen Managements machen wir bilaterale Interviews. Bei den meisten Geschäftsleitungen, auch im Ausland, schicken wir oder die Nachhaltigkeitsanalysten von unserem Netzwerk unsere Fragen.

Haben Sie sich bei der Beurteilung auch schon getäuscht?

Hunziker: Bis jetzt ist das selten geschehen.

Als der Ölpreis massiv nach unten korrigierte, liessen die Anstrengungen zum Umstieg auf erneuerbare Energien rasch nach. Braucht es einen neuen Ölpreisschock?

Hunziker: Der Trend hin zu erneuerbaren Energien hält an. Offen ist, ob er sich beschleunigt oder verlangsamt. Ein höherer Ölpreis würde helfen, dass der Umstieg auf andere Energieträger rascher erfolgt.

Wo sind die fortschrittlichsten Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit zu finden?

Hunziker: Die gibt es in vielen Branchen, allerdings nicht gerade in der Erdölindustrie. Vorbildlich sind etwa Firmen aus der Nahrungsmittelindustrie wie General Mills oder in der Gesundheitsindustrie Galenica. Im Bereich der Zementherstellung gehört Holcim dazu.

Die Automobilindustrie agiert zögerlich, obwohl sie ab 2012 strenge CO2-Grenzwerte erfüllen müsste.

Hunziker: In diesem Wirtschaftszweig haben einige Vertreter den Zug bereits verpasst. Andere, wie Toyota, verfügen zwar noch nicht über eine nachhaltige Flotte, fördern aber den Hybridantrieb und den Bau von leichten Autos. Das wirkt sich auch positiv auf den Börsenkurs aus.

Achten Sie bei den Investments auf nachhaltige Fonds, die ihre Aktionärstimmrechte bei den Unternehmen wahrnehmen?

Hunziker: Ja, das ist bei der Fondsauswahl ein ganz wichtiges Kriterium im Sinne des Engagements.

Aber nur in wenigen Fällen geschieht das auch.

Hunziker: Das ist ein grosses Problem. Die institutionellen Investoren nehmen ihre Verantwortung bezüglich Nachhaltigkeit noch zu wenig wahr. Da ist ein erhebliches Verbesserungspotenzial vorhanden.