Viele Finanzdienstleister unternehmen verstärkte Akquisitionsanstrengungen für die Generation der über 50-Jährigen. Wie positioniert sich Clariden Leu im Bereich der Altersvorsorge?

Hans Nützi: Wir haben mit MyPension ein Anlageprodukt entwickelt, das über ein Sicherheits- und Anlagekapital die Bedürfnisse für den Ruhestand gewährleistet. Hier sind wir ein First Mover. Marktuntersuchungen haben gezeigt, dass sich sehr viele Leute kurz vor der Pensionierung bei der Frage nach dem Kapitalbezug oder der Auszahlung einer Rente überfordert fühlen. Zudem gibt es in diesem Bereich noch kaum ein strukturiertes Beratungs- und Produktangebot.

Sind in diesem Konzept auch Life Cycle Funds enthalten?

Nützi: Beim Anlagekapital werden wir ein solches Produkt entwickeln. Als erster Schritt wurde nun der Beratungsprozess aufgebaut. Daraus abgeleitet werden danach die notwendigen Anlageinstrumente komplettiert.

Bilden Sie spezielle Pensionsberater aus?

Nützi: Wir bilden keine speziellen Pensionsberater aus. Mit unserem Financial Planning Desk stellen wir sicher, dass unsere Kunden eine qualitativ hochstehende Pensionierungsberatung erhalten, die alle Planungsaspekte mit einbezieht. Basierend auf dieser Planung erhält der Kunde mit MyPension ein massgeschneidertes Anlageprodukt. Ab Juni 2008 eröffnen wir ein Pensionierungsdesk, das, zusammen mit den Finanzplanern, diese Kundengruppe gezielt bearbeitet.

Anzeige

Arbeiten Sie auch mit einer Versicherung zusammen?

Nützi: Wenn es dafür ein Bedürfnis gäbe, würden wir dies machen.

Für die vor etwas mehr als einem Jahr aus fünf Private-Banking-Töchtern der Credit Suisse gebildete Clariden Leu ist das Fondsgeschäft ein wichtiges Standbein. Wurde der Innovationsprozess durch die Fusion gebremst?

Hans Nützi: Nein, ganz im Gegenteil. Die Stärken der einzelnen Einheiten haben sich ideal ergänzt. Zusammen ergibt sich ein qualitativ hochstehendes, auf das anvisierte Kundensegment zugeschnittenes Angebot. Clariden Leu hat eine starke Fondspalette und ist führend im strukturierten Produktebereich. Wir verkaufen unsere Produkte nicht nur über die internen, sondern auch über externe Kanäle und müssen deshalb bei der Preisstruk- tur und Performance konkurrenzfähig sein.

Seit dem letzten Herbst operiert Ihr Institut auf der IT-Plattform von Credit Suisse. Heisst das, der Kunde erhält, ähnlich wie bei einem Saab, der auf einer Opel-Plattform von General Motors entsteht, CS- Produkte mit einem Finish der Clariden Leu?

Nützi: Keineswegs, die Credit Suisse ist ein klassischer Outsourcing-Partner für uns. Clariden Leu wickelt auf der Credit- Suisse-Plattform ihre eigenen Produkte ab und verfügt über einen eigenständigen Service.

Besteht zwischen den beiden Banken nicht die Absicht, im Produktbereich gewisse Synergien wahrzunehmen?

Nützi: Diese Synergien nutzen wir über eine offene Plattform bei den Produkten. Dabei werden nicht nur die eigenen Fonds offeriert, sondern auch diejenigen der Credit Suisse und der übrigen Mitbewerber. Gestützt auf unsere Geschäftsphilosophie treten wir nicht mit Plain-Vanilla-Produkten auf, die bereits massenhaft im Markt vertreten sind. Für uns stehen die Bedürfnisse unserer Kunden und das hochwertige Nischengeschäft im Vordergrund.

Warum lancieren Sie keinen Indexfonds?

Nützi: Für eine mittelgrosse Vermögensverwaltungsbank ist es nicht sinnvoll, Indexprodukte zu kreieren. In diesem Massengeschäft braucht es Milliarden-Volumen, damit sich die Kosten bei den geringen Margen decken lassen.

Inwiefern unterscheiden sich die Fonds von Clariden Leu?

Nützi: Ausschlaggebend ist für uns das Kundenbedürfnis. Alle unsere Produkte müssen sich bezüglich Performance und Track Record im obersten Segment bewegen. Es gibt ein Product Review Committee, das solche Vehikel überprüft. Wir scheuen uns nicht, Fonds mit anhaltend negativer Performance auch zu schliessen oder den Fondsmanager auszuwechseln.

Zum Stichwort Nischengeschäft: Wo legen Sie die Schwerpunkte?

Nützi: Derzeit dominieren die Themenbereiche Rohstoffe, Umwelt, Energie und Infrastruktur. In diesen Investitionsfeldern wollen wir eine gewichtige Rolle spielen. Mit dem jüngst lancierten Infrastructure-Fonds etwa wurde innert kürzester Zeit die Milliardengrenze überschritten. Mit der hohen Volatilität an den Aktienmärkten kommen derzeit die Absolute-Return-Strategien noch stärker zum Tragen. Diese Kundenbedürfnisse müssen wir bei den neuen Produkten berücksichtigen und danach die entsprechenden Resultate liefern.

Spricht Clariden Leu eine spezifische Kundschaft an?

Nützi: Wir haben interne und externe Kunden. Intern sind dies unsere Betreuer im Private Banking. Extern handelt es sich um vermögende Privatkunden, die wir in Europa, im Nahen Osten, in Osteuropa und in Asien betreuen. Diese Leute haben teils Anlagebedürfnisse im eigenen Land oder der Region, die wir in Produkte umzusetzen versuchen. Daneben sprechen wir auch institutionelle Kunden und Drittparteien wie zum Beispiel andere Fondsvertreiber an.

Konzentriert sich Clariden Leu auf Anlagevermögen von 1 Mio Fr. und mehr?

Nützi: Die anvisierten Kunden sollten über ein Vermögen in der Grössenordnung von über 1 Mio verfügen. Bei der bestehenden Kundschaft gibt es auch Depots mit kleineren Beträgen. Auch diese Anlagebedürfnisse müssen richtig abgedeckt sein.

Bieten Sie einen speziellen Beratungsservice an?

Nützi: Bei jedem Kunden wird die Vermögens- und die Verpflichtungssituation analysiert. Das umfasst auch seine Risikofähigkeit, Risikobereitschaft und Risikowahrnehmung. Danach bieten wir ihm Lösungen an, die auf seine Bedürfnisse zugeschnitten sind.

Die Vermögensvernichtung nach dem Börsencrash zu Beginn dieses Jahrzehnts hat den Kapitalschutz in den Vordergrund gerückt. Ist dieses Sicherheitsbedürfnis mit den jüngsten Korrekturen am Aktienmarkt nochmals gewachsen?

Nützi: Ja, die Kunden verhalten sich ganz allgemein antizyklisch. Wenn die Notierungen an den Kapitalmärkten sinken, neigen die Anleger zu Absolute-Return-Produkten. Dabei wäre es sinnvoll, sie würden eine Relative-Return-Strategie verfolgen, damit sie bei steigenden Kursen mit dabei sind.

Mit anderen Worten: Die Anleger favorisieren im Moment vor allem die Absolute-Return-Produkte.

Nützi: Absolut. Diese Anlageinstrumente haben derzeit Auftrieb. Dieser Trend wird auch noch etwas andauern.

Schlagen die tieferen Börsennotierungen auf das Fondsgeschäft durch?

Nützi: Ja, wobei es generell wichtig ist, dass man einzelne Anlagevehikel nicht über gute und schlechte Zeiten hinweg einfach behält. Die einzelnen Produkte sollten nach dynamischen Grundsätzen gekauft und verkauft werden.

Beobachten Sie Verlagerungen von Aktienfonds in Geldmarktfonds?

Nützi: Teilweise gab es massive Verschiebungen in Richtung von Geldmarktfonds. Das ist eine normale Entwicklung, bei der es später wieder eine Gegenbewegung gibt.

Clariden Leu hat auch das Geschäft mit strukturierten Produkten stark ausgebaut. Werden die Wachstumsmöglichkeiten für Fonds durch diese neuere Anlageklasse eingeschränkt?

Nützi: Das reine Fondsgeschäft kann nicht mit den strukturierten Produkten verglichen werden. Im letzteren Fall handelt es sich um ein sehr schnelllebiges Geschäft, das für dynamische Kunden geeignet ist, während die Fondsanlage längerfristig ausgelegt ist.

Kommt es in einzelnen Bereichen zu einer Verschmelzung zwischen Anlagefonds und strukturierten Produkten?

Nützi: Nein, die von uns zur Hauptsache entwickelten Reverse-Barrier haben mit dem Fondsgeschäft wenig zu tun. Die strukturierten Produkte verfügen über eine wesentlich kürzere Laufzeit zwischen 9 und 24 Monaten. Insgesamt müssen sich die Verantwortlichen im Fondsbereich genau überlegen, wie sie die Dynamik aus dem Geschäft mit den strukturierten Produkten aufnehmen wollen.

Nehmen die 130/30-Fonds mit einem Long-Short-Ansatz diesen Veränderungswillen auf?

Nützi: Ja, das ist ein Beispiel. Die Bank muss aber darauf achten, dass der Kunde das Produkt versteht, damit es später nicht zu negativen Überraschungen kommt.

Sorgt die Subprime-Kreditkrise dafür, dass die Einfachheit und Verständlichkeit von Produkten einen höheren Stellenwert erhält?

Nützi: Es gibt eine alte Weisheit: Je einfacher und verständlicher ein Produkt ist, umso einfacher lässt es sich auch verkaufen. Trotz komplexen Märkten müssen die einzelnen Vehikel bezüglich der Risikostruktur und der Performance durchschaubar sein.