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«Big Brother» im Zahlungsverkehr

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Wenn Kunden eine neue Bankbeziehung eingehen möchten, wird ihr Name mit Computerhilfe überprüft. Die Schweizer Softwarefirma ist auf diesem Gebiet führend und stösst auf eine weltweite Nachfrage.

Von Matthias Niklowitz
2010-09-29

Der potenzielle Neukunde Matthias Meier, der bei einer Bank ein Konto eröffnen möchte, wird genau überprüft. Etwa eine Million Namen, sogenannte Hoch-Risiko-Personen, stehen weltweit auf den Prüflisten der Banken: Terroristen natürlich, gesuchte Schwerverbrecher, Geldwäscher und auch Politiker. «Politisch exponierte Personen, kurz PEP, stehen hier auch, weil mit ihrer Hilfe oft Geld gewaschen wird und weil sie nicht selten in Korruption verstrickt sind», sagt Bertrand Lisbach, CEO von Linguistic Search Solutions, einem Schweizer Spezialisten für linguistische Suchtechnologie.

Geldwäscher umgehen solche Kontrollen, indem sie nach einer verwehrten Kontoeröffnung in Zürich oder Genf ihr Glück bei einer Niederlassung derselben Bank auf einer Karibikinsel versuchen. Dort sind die Fahndungslisten möglicherweise anders zusammengesetzt oder der computergestützte Namensabgleich erfolgt nach weniger strikten Regeln.

Die Lösung kommt aus dem Computer - doch damit fangen die Schwierigkeiten erst an. «Wenn mit herkömmlicher Technologie Namen aus einem Pass mit den Personalien auf den Sanktions- und PEP-Listen abgeglichen werden, müssen die Angaben aus beiden Quellen exakt übereinstimmen. Oft tun sie das aber nicht. Bei einem Matthias kann leicht ein T oder ein H verschwinden oder sogar ein Nickname wie Matt verwendet werden - und schon meldet das System ‹keinen Treffer›, obwohl die gesuchte Person auf der Liste steht, nur eben in einer Schreibvariation», erläutert Lisbach. Spezialsoftware muss dann imstande sein, bestimmte Schreibvariationen zu tolerieren.

Komplexität der Schreibweisen

Die Herausforderung besteht darin, dass Namen unzählige Schreibvariationen aufweisen können. Der erste Präsident Russlands erscheint in der deutschsprachigen Presse als Jelzin, in der englischen als Yeltsin und in der französischen als Eltsine. Ein Extrembeispiel ist der arabische Name Abdul Rahman, für den es Tausende von Schreibvarianten in der westlichen Welt gibt: von Abdel Rahman über Abd Ar-Rehman bis hin zu Abdoulrahmane.

Es gib noch weitere Fallstricke: Was ist, wenn jemand Fritz Peter heisst, also nicht klar ist, was der Vor- und was der Nachname ist? Was ist mit Namen, die zusammen- oder getrennt geschrieben vorkommen wie Hans Peter und Hanspeter oder Vanderbilt und Van der Bilt? Oder wenn die Reihenfolge von Familien- und Vornamen in anderen Kulturräumen wie in China ganz anders ist als in Europa? «Hierfür haben wir jeweils sprachspezifische Regelmodule entwickelt, insgesamt über 50, um alle Namen der Welt zuverlässig und präzise suchbar zu machen», erläutert Lisbach. Ein Regelmodul habe eine sprachspezifische Toleranz, welche die jeweils relevanten Schreibvariationen von Namen abdecke, seien sie struktureller oder linguistischer Natur. «Wenn man statt eines einfachen mathematischen Algorithmus Tausende von linguistischen Algorithmen einsetzt, findet man zuverlässig und präzise die Personen, nach denen man gesucht hat.»

Google-verwöhnte Nutzer erwarten heute, dass die Suchergebnisse nach Sekundenbruchteilen und nicht mehr wie früher nach Minuten vorliegen. Das gilt auch für Nutzer, die in riesigen Datenbeständen, etwa in Kundendateien von Grossunternehmen, suchen. Die Suche nach Namen mit linguistischen Regeln erscheint einfach und logisch - und so müsste das eigentlich eine Reihe von Konkurrenten auf den Plan gerufen haben. Aber Lisbach winkt ab: «Grosse Softwareproduzenten scheuen die Aufwände, die in namenkundlicher und linguistischer Forschung stecken - dies ist nicht ihr Fachgebiet. Stattdessen setzen sie lieber einfache nichtlinguistische Algorithmen ein.» Von den grossen Anbietern haben nur die beiden globalen Softwareunternehmen IBM und Infomatica vergleichbare Lösungen.

Die weltweit grössten Anbieter von Namenslisten für Banking Compliance, die Firmen Dow Jones, World Check und Accuity, sind bereits Kunden von Linguistic Search Solutions. Neben einheimischen Finanzinstituten wie der UBS setzen selbst asiatische Banken auf linguistisches Know-how made in Switzerland. So etwa die Pekinger Bank of Bejing oder die Hongkonger Niederlassung der global aktiven State Street Bank. Dort können nun Kundendateien in chinesischer Schrift mit Sanktionslisten in lateinischer Schrift vollautomatisch abgeglichen werden. Auch staatliche Behörden gehören zum Kundenkreis. «Sanktionslisten, die als PDF-Dokumente veröffentlicht werden, dürften bald der Vergangenheit angehören», prognostiziert Lisbach.

Die junge Schweizer Firma wurde in diesem Jahr bereits zweimal ausgezeichnet, für ihr Geschäftsmodell und ihre Innovationskraft. Sie stösst auf eine enorme Nachfrage, obwohl man mit dem eigentlichen Marketing noch gar nicht begonnen hat. Lisbach sieht dies nicht nur positiv. «Es ist für uns sehr wichtig, dass die Entwickler, Computerlinguisten und Sprachexperten fokussiert und stressfrei arbeiten können. Wenn wir auf zu vielen Hochzeiten tanzen, sind Qualität und Arbeitszufriedenheit gefährdet.»

Regulierung bringt Neukunden

Der internationalen Ausrichtung seiner Firma entsprechend sind die über 30 Mitarbeitenden auf der ganzen Welt verstreut. Management und technische Entwicklung sind in Baar ZG und Zürich angesiedelt. Lisbach und seine Partner möchten mit ihrer Firma unabhängig bleiben. «Wir wolllen uns als Spezialist für linguistische Identity-Matching-Technologien global etablieren und unsere Module Softwareherstellern und Endkunden zur Integration anbieten.» Die zunehmende Regulierung der Banking Compliance spielt Lisbach in die Hand. Weitere Banken und Einrichtungen dürften nachziehen.

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