Die Überfälle auf Schweizer Juwelier- und Uhrengeschäfte haben innert weniger Jahre markant zugenommen und werden stets professioneller und dreister ausgeführt. Auch die Folgen der unangenehmen Besuche werden immer unangenehmer – dies nicht nur für die ausgeraubten Geschäfte. «Die Prämien für Sachversicherungen haben sich verdreifacht», bekennt ein Juwelier. Namen wollen die meisten Angefragten keine genannt sehen, zu heikel sei dieses Thema für die Branche.

Der Präsident und Geschäftsführer der Vereinigung Schweizerischer Juwelen- und Edelmetallbranchen, Marc-Alain Christen, stellt hingegen fest: «Wir sind leider kein gutes Risiko mehr.» Vor allem nach einem Überfall würden sich die betroffenen Geschäftsführer über Prämienschübe sowie die hohen Auflagen beklagen, die die Versicherungskonzerne bezüglich Sicherheitsvorkehrungen machten.

Ausweg: Höherer Selbstbehalt

«Die Kosten sind tatsächlich stark gestiegen. Die Juweliere versuchen deshalb, die Prämienerhöhungen teilweise über höhere Selbstbehalte aufzufangen, was auch wieder Kostenrisiken mit sich bringt», kommentiert ein Juwelier.

Die Versicherungskonzerne bestätigen, dass sie sich gezwungen sähen, die Prämien zu erhöhen. Die Tarife würden aber individuell angepasst. «Jedoch ist es so, dass bei der Prämienfestsetzung der individuellen Risikosituation grosser Stellenwert beigemessen wird und es möglich ist, dass einzelne Juweliergeschäfte von ihren Versicherern auch deutlich teurere Angebote für die Vertragserneuerung erhalten haben», sagt Dominik Marbet, Sprecher der Basler Versicherungen. Dies treffe vor allem zu, wenn die Läden stark exponiert, ungenügend gesichert oder mit wiederholt hohen Vorschäden belastet seien. Von einer generellen massiven Erhöhung will Marbet aber nichts wissen.

Nach Schaden Prämie anpassen

Die Winterthur hat auf die erhöhte Schadensbelastung wegen Überfällen bereits 2002 mit einer generellen Prämienerhöhung reagiert, wie Winterthur-Sprecher Martin Läderach sagt. Nach einem Schadenfall würden die Prämien den Risiken angepasst. Um die Prämien nicht in den Himmel schrauben zu müssen, ordnet die Winterthur an, die Versicherungssummen nachtsüber im Geschäft (inklusive Schaufenster) zu reduzieren bzw. mit einer Höchstversicherungssumme pro Einzelobjekt zu limitieren. Ebenfalls Usus sei die Anordnung baulicher oder mechanischer Verbesserungen.
Die Zürich-Versicherten müssen ihre Sicherheitsanstrengungen verbessern. Zürich-Sprecherin Katrin Schnettler: «Sonst nehmen wir Limitierungen oder Aufschläge vor.» Möglichkeiten seien Rollgitter oder Eisenpfosten, elektronische Sicherheitsmassnahmen wie Alarm- oder Erschütterungsanlagen und organisatorische Schutzmassnahmen wie beispielsweise das Leeren der Schaufenster abends oder dass am Eingang der Bijouterie eine Sicherheitskraft stehe.
Die Basler Versicherung lege mehr Wert auf die Verbesserung der Risikosituation und Prävention als auf eine Prämienerhöhung, so Läderach. Doch er betont: «Auch eine erhöhte Prämie ist im Vergleich zu den Kostenfolgen, zum Beispiel eines Rammbockschadens, eigentlich zu tief.»
So unproblematisch wie es die Assekuranz darstellt, sind die geforderten Schutzmassnahmen allerdings nicht. «Die Versicherungen haben verschiedene Anforderungen bezüglich Sicherheit, die sich teilweise widersprechen», moniert Christen. Fänden die einen, die Türe müsste saniert werden, sähen die anderen die Angeln als Schwachpunkt.

Sicherheitsexperten angestellt

Da die Finanzinstitute schliesslich keine Sicherheitskonzerne seien, habe der Verband, so Christen, einen unabhängigen Sicherheitsexperten von der Empa eingestellt, der die Juweliere beraten könne. In den nächsten Monaten solle zudem das Gespräch mit dem Versicherungsverband intensiviert werden. «Die Versicherungen können sich nicht von einem Markt verabschieden, der als ein Aushängeschild der Schweiz gilt», sagt Christen.
Die Juweliere betonen, dass sie die höheren Kosten nicht einfach auf die Kunden überwälzen können. Das heisst, die Auslagen müssten an anderen Orten eingespart werden. Zur Frage, ob sie aus Angst vor Überfällen ihre Lager in den Geschäften reduzierten, will sich niemand äussern. Einer
der Marktleader kommentiert: «Grundsätzlich sind unsere Lager auf unsere Kunden ausgerichtet und nicht auf Verbrecher.»
Bemüht, ihre Schadensummen zu verringern, greifen die Versicherer mitunter zu unkonventionellen Massnahmen. Der Versicherer einer Bijouterie in der Zürcher Innenstadt, wo Anfang März 2007 Schmuck im Wert von über 1 Mio Fr. erbeutet wurde, hat eine Belohnung von maximal 100000 Fr. ausgesetzt. Sie soll im Verhältnis zum Wert der wiedererlangten Objekte entrichtet werden. Zürich, Winterthur und die Basler Versicherung schreiben alle in gewissen Fällen Belohnungen für Hinweise aus.

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