Für den stadterprobten Velofahrer ist E-Bike- Fahren ein bisschen wie Biertrinken ohne Alkohol. Es fehlt etwas. Bis man merkt, dass es nicht um Keuchen, Schwitzen und Muskelkater geht. Sondern um Mobilität, um die Fortbewegung von A nach B. Und Stadtfahrten ins Büro und zum Supermarkt sind ohnehin selten ein Naturerlebnis.

Das Fahren mit dem E-Bike muss deshalb nicht freudlos sein. Der Chef des Flyer-Herstellers Biketec, Simon Lehmann, hat sich vorgenommen, die Zweiräder mit Akku zum hippen Elektrovelo zu machen. «Jeder hat Anspruch auf ein sexy Velo.» Pro Jahr kommen 20'000 Kunden zu ihm nach Huttwil die Fabrik besichtigen und zum Probefahren. «Das ist ein grosses Potenzial. Jetzt müssen wir alles daran setzen, unseren Brand zu verjüngen.» Bislang waren E-Bikes eher was für Rentner.

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Wachstumsmarkt sollen auch junge Kunden erschliessen

Pro Jahr werden 50'000 neue E-Bikes in der Schweiz verkauft. Vor drei Jahren waren es noch 40'000. In der gesamten Schweiz sind von 4 Millionen Velos bereits mehr als 300'000 akkubetrieben. Pro Saison liefert Lehmann 50'000 Flyer in der Schweiz, in Deutschland und Benelux aus – die Kernmärkte des Herstellers. Rund 100 Millionen Franken setzt Biketec mittlerweile um. Hierzulande ist das Unternehmen mit dem Flyer Marktführer.

Um den Marktanteil weiter auszubauen, kommt im Frühling 2015 das Kompaktmodell Flogo auf den Markt: Ein schnittiger Alurahmen – bei 1'000 Grad Hitze und in einer Presse in Taiwan mit 2'500 Tonnen in eine spezielle Form gebracht – 20 Zoll Reifen für enge Kurven samt bissigen Scheibenbremsen. Zielgruppe sind die unter 35-Jährigen.

Diese Verjüngungskur tut not. Bei einem Streifzug durch die Velomeile von Zürich reiht sich in den Schaufenstern der Fachgeschäfte rund um die Langstrasse ein Elektrovelo ans andere. Die Flyer-Modelle sehen dabei teilweise alt aus neben den modischen E-Bikes der Firmen Grace und Gocycle. Die Entwürfe für die britische Firma Gocycle stammen vom Designer Richard Thorpe, der jahrelang für den Formel-1-Rennstall McLaren arbeitete.

Hoher Margendruck

Billig sind Elektrovelos aber alle nicht. Unter 4'000 Franken bekommt man heutzutage kaum ein optimal ausgestattetes E-Bike. Und gut die Hälfte des Erlöses ist für den Händler. Da bleibt vergleichsweise wenig übrig für den Rahmenhersteller, die Motorlieferanten Bosch, Samsung oder Panasonic und Endmonteure wie Biketec oder Stromer.

Ob Biketec mit dem Flyer Geld verdient? «Operativ ja. Wir sind aber noch nicht dort, wo wir sein wollen», sagt Lehmann. Der Kampf um höhere Margen ist hart, die Konkurrenz nimmt zu. An die 80 Anbieter tummeln sich in der Schweiz mit rund 500 verschiedenen Modellen.

Vier Monate im Voraus muss Lehmann die Komponenten bei den Lieferanten bestellen, um zeitgerecht ab Frühling auszuliefern. «Wäre ich nicht im Velobusiness, würde ich uns als Logistiker und Vermarkter bezeichnen.» Damit die Händler nicht auf den Modellen sitzenbleiben, bietet Biketec künftig nicht mehr fünf Grössen für alle Modelle an, sondern nur noch drei für die Neuerscheinungen.

Eigene Geschäfte geplant

Offen bleibt, wie Lehmann den Absatz ankurbeln will. Sein Marketingbudget liegt derzeit unter 1 Million Franken. Und auf den teuren stationären Vertrieb will er trotz Margendruck nicht verzichten. Eigene Geschäfte unter der Marke Flyer in Zürich, Bern und Luzern könnten eine Möglichkeit sein. «Auch wenn das die Händler bestimmt nervös macht.» Fachhandelsketten wie M-Way setzen den selbstständigen Händlern schon heute zu. Wehren könnten sie sich nur mittels Einkaufsgemeinschaften wie in Deutschland. «Mittelfristig führt in der Schweiz daran kein Weg vorbei», sagt Lehmann.

Jedenfalls unverzichtbar ist für ihn der Online-Vertrieb, auch für beratungsintensive Produkte wie E- Bikes. Als Marktkenner weiss er, wovon er spricht: «Internetbestellungen inklusive Online-Konfigurator und ein Flagshipstore sind ein Muss, um die Jüngeren zu erreichen.» Der Konfigurator für Flyer soll bereits Ende September stehen.