Der Ölpreis erlebt seit Wochen eine beispiellose Talfahrt, deren Ende nicht abzusehen ist. Das könnte die US-Wirtschaft an einer empfindlichen Stelle treffen und dem Ölboom in den USA schneller als bislang von einigen Experten erwartet ein abruptes Ende bereiten.

Das Billigöl bringt vor allem die vielen Konzerne in Bedrängnis, die sich auf die neue und umstrittene Fördermethode Fracking spezialisert haben. So hat der drittgrösste US-Ölkonzern ConocoPhillips verkündet, seine Investitionen in die Erschliessung neuer Vorkommen zu drosseln. Auch der grösste Ölproduzent in North Dakota, Continental Resources, will laut «Zeit» momentan kein Geld mehr in neue Bohrtürme stecken. Damit zeichnet sich ein Rückgang der Produktion in den USA ab.

Fracking verschlingt Unsummen von Geld

Zwar beschert Fracking den USA derzeit glänzende Zeiten in der Ölindustrie und beflügelte jüngst die lokale Wirtschaft. Doch die Fördermethode hat auch Nachteile. Sie ist teuer und lohnt sich nur, wenn Öl einen gewissen Preis hat. Experten gehen davon aus, dass bereits ein Ölpreis unter 80 Dollar viele neue Produktionen in den USA unprofitabel machen würde. Am Freitag kostete ein Fass der Marke Brent nur knapp mehr als 78 Dollar.

Zudem versiegt beim Fracking das Ölvorkommen schnell. Im Gegensatz zu konventionellen Bohrungen geht die Produktion schon nach einem Jahr um bis zu 50 Prozent zurück, schreibt die «Zeit». Die Ölförderer müssen daher laufend neue Quellen anzapfen, um das Produktionsvolumen aufrechtzuhalten. Das verschlingt Unsummen von Geld.

Banken finanzieren Ölboom mit

Um die hohen Kosten zu decken, haben viele Fracking-Konzerne Geld an der Wall Street eingesammelt. Auf der Jagd nach mehr Rendite haben Investoren in hochverzinsliche Anleihen investiert, welche die Ölfirmen ausgegeben haben. Diese Investitionen haben den Ölboom in den USA mitfinanziert und zusätzlich befeuert.

Damit gehen die Investoren grosse Gefahren ein. Denn die Anleihen haben eine hohe Verzinsung, weil die Unternehmen ein hohes Ausfallrisiko haben. Daher werden sie auch «Junk-Bonds» oder «Müll-Anleihen» genannt. Laut «Zeit» hat die Ratingagentur Standard & Poor's die Kreditwürdigkeit von 95 Ölkonzernen unter die Lupe genommen, die solche Anleihen ausgeben. Das Resultat ist ernüchternd: 75 erhielten Junk-Status.

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Mehr Ausgaben als Einnahmen

Bisher konnten die Ölfirmen dank dem tiefen Zinsumfeld günstig frisches Geld aufnehmen und auf grossem Fuss leben. Bei vielen Konzernen übersteigen die Ausgaben jedoch die Einnahmen. Gemäss Analysten von Barclays gaben im letzten Jahr 37 Ölunternehmen mit risikoreichen Anleihen auf einen verdienten Dollar 2,11 Dollar aus, schreibt die «Zeit». Laut Barclays sollen die Unternehmen alleine in diesem Jahr 156 Milliarden Dollar für die Erschliessung und Produktion von Ölvorkommen in die Hand nehmen.

Doch die Luft wird für die Ölkonzerne zusehends dünner. Nicht nur der tiefe Ölpreis belastet. Experten erwarten, das die US-Nationalbank Fed die Zinsen schon bald erhöhen wird. Die Finanzierung durch Billigkredite hat spätestens dann ein Ende. Die schon jetzt hohen Schulden werden im Verhältnis zu den Ausgaben weiter steigen.

Zusammenfallen wie ein Kartenhaus

Das Zusammenspiel von sinkendem Ölpreis und steigenden Finanzierungskosten könnte den aktuellen Ölboom in den USA wie ein Kartenhaus zusammenfallen lassen. Dann kämen nicht nur die Ölkonzerne unter die Räder, sondern auch die Banken, die Millionen in die US-Ölindustrie gesteckt haben. Die USA stünden vor einer erneuten Ölkrise.